Über den Menschen

 

 

Der Naturwissenschaftler und Philosoph Gerhard Roth geht in diesem Buch der Frage nach, ob und wie neurowissenschaftliche Erkenntnisse dazu beitragen können, ein umfassenderes Bild vom Menschen zu entwerfen. Dieser Versuch, so betont er, müsse jenseits aller Kämpfe um die Deutungshoheit über den Menschen und in Respekt vor den Argumenten geisteswissenschaftlicher Positionen erfolgen. Dabei geht es auch um den Grad der Veränderbarkeit von Fühlen, Denken und Verhalten sowie um die Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie aus neurowissenschaftlicher Sicht. Zudem geht es um eine zentrale Frage der Philosophie, nämlich die nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn bzw. nach der Natur des Bewusstseins.

Die Entwicklung von Psyche und Persönlichkeit ist eng mit der Entwicklung des Gehirns verbunden. Gleichzeitig ist das Gehirn seinerseits vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, zu denen soziale, kulturelle und geistige gehören. Bei einer umfassenden bio-psycho-sozialen Betrachtung des Menschen sind der individuell kodierende Genpool, epigenetische Regulationsmechanismen, pränatale Einflüsse des mütterlichen Körpers auf den Fötus, frühe nachgeburtliche Bindungserfahrungen sowie weitere Sozialisationsprozesse und individuelle Erfahrungen zu berücksichtigen.

Im Spannungsfeld zwischen neuronaler Plastizität und psychischer Eigensinnigkeit stellt sich die Frage: „Wie veränderbar sind wir?“ (S. 103) Die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit des Individuums steht in einem Spannungsverhältnis zu den gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, von denen viele spüren, dass sich das Tempo verschärft. Unterschiedliche Menschen reagieren unterschiedlich auf unterschiedliche Herausforderungen. Anhand des Aufbaus und der Funktionsweise des Gehirns erklärt Roth anschaulich die erstaunliche Anpassungsfähigkeit der Spezies Mensch einerseits und ihre ebenso hartnäckige Beharrungskraft andererseits. Die Frage, welche Kräfte das menschliche Leben bestimmen, ist wichtig für unsere Gesellschaft und für politische Entscheidungen. Menschen verändern sich langfristig nur dann, wenn ihre bewussten Ziele und ihre unbewussten Motive übereinstimmen.

Die unvermeidlichen neuronalen Muster manifestieren sich als „Macht der Gewohnheit“. Der Mensch sammelt Erfahrungen, die er in verschiedenen Gedächtnismodulen speichert. Die gespeicherten Erfahrungen bestimmen in hohem Maße spätere Verhaltensentscheidungen. Zu den Eigenschaften des Ich oder Selbst gehört das ständige Fließen eines Bewusstseinsstroms und die (im gesunden Zustand) ständige Präsenz eines konsistenten Ichs. Im Großen und Ganzen täuscht sich das Ich über sich selbst, schreibt Roth, aber das tut der Ausbildung eines Einheitsgefühls keinen Abbruch.

Umstritten ist, ob Intelligenz angeboren oder erworben ist. Diese Frage ist hochpolitisch und ideologisch. Wenn Intelligenz angeboren ist, kann man auf Förderunterricht verzichten – wenn Intelligenz hingegen stark von der Umwelt abhängt, sind kompensatorische Erziehungsmaßnahmen sinnvoll und notwendig. Aufgrund von Untersuchungen an eineiigen und zweieiigen Zwillingen sowie an Adoptivkindern sind Wissenschaftler zu dem Ergebnis gekommen, dass die Erblichkeit der Intelligenz zwischen 50 und 60 Prozent liegt. Solche Aussagen sind mit Vorsicht zu genießen. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich oft. Roth erklärt, dass intelligente Menschen den dorsalen präfrontalen Kortex „effizienter nutzen als weniger intelligente Menschen“ (S. 194). Diese Nutzung ist nicht willentlich und kann kaum trainiert werden.

Die Neurowissenschaften bedrohen das Menschenbild schon deshalb nicht, weil es weltweit kein einheitliches Menschenbild gibt. Roth plädiert dafür, den fundamentalen Gegensatz von Naturgesetzlichkeit und geschichtlicher Individualität aufzugeben und beides zusammenzudenken. Auch die Neurowissenschaften haben ihre Grenzen. Informationen darüber, an welchen Stellen des Gehirns welche Aktivitäten bei welchen Tätigkeiten auftreten, tragen wenig zu einer Philosophie des Geistes bei. Die Verschaltung des Gehirns spricht nicht für sich selbst. Das Geist-Gehirn-Problem ist nach wie vor ungelöst (S. 18). Was man aber sagen kann, ist, dass es eine Willensfreiheit gibt, die durch die Biologie des Menschen und die Funktionsweise seines Gehirns begrenzt ist. Dies kann das abendländische Menschenbild ein wenig korrigieren in dem Sinne, dass man von der Flexibilität des menschlichen Geistes nicht zu viel erwarten darf. Der Mensch ist, wie der Volksmund treffend sagt, ein Gewohnheitstier, das sich irgendwo zwischen Beharrung und Innovation bewegt.

Roth, in Philosophie und Zoologie promoviert, war von 1989 bis 2008 Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen. Seit 1997 entfaltete er als Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs in Delmenhorst seine Vision einer neurowissenschaftlich orientierten Interdisziplinarität. Zuletzt arbeitete er als wissenschaftlicher Leiter des Roth-Instituts, einer Einrichtung zur Unternehmensführung. Sein Buch Über den Menschen ist die Summe seiner lebenslangen Forschung. In Werken wie Wie das Gehirn die Seele macht (zusammen mit Nicole Strüber, 2018), Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit (2008) oder Das Gehirn und seine Wirklichkeit (1996) legte er seine Forschung einem breiten Publikum dar. Roth starb im April 2023 achtzigjährig.

Der Mensch in seiner Komplexität, so Roths Fazit, ist weder allein von den Neurowissenschaften noch allein von den Geistes- und Sozialwissenschaften erfassbar – und fügt sich dennoch ein in die Einheit der Natur. Der Mensch ist nicht Marionette seines Gehirns, aber ebenso wenig Herr im eigenen Haus. In diesem unsicheren Graubereich bewegt sich Roth, dessen Buch von der Kritik durchgehend gelobt wird: beeindruckend, überzeugend, klug, tröstlich, allgemeinverständlich, interessant und lesenswert. Ich kann dieses Buch jedem nur ans Herz legen, der sein Wissen über den Menschen erweitern und präzisieren möchte.