“Alfred Flechtheim.com Kunsthändler der Avantgarde”

Datum: 16.03.2014

Autor: Alfred Flechtheim und „seine“ Künstler

Rezensent:  Barbara Gucek

 

Sonderausstellung „Alfred Flechtheim.com Kunsthändler der Avantgarde“ in der Kunsthalle Bremen (16. Oktober 2013-16. Februar 2014)

Ein gemeinsames Projekt in 15 Museen Deutschlands und der Schweiz widmet sich derzeit dem großen Galeristen, Sammler und Verleger Alfred Flechtheim. Eine der Ausstellungen fand in der Bremer Kunsthalle unter dem Titel „Alfred Flechtheim.com Kunsthändler der Avantgarde“ statt.

Der 1878 in Münster geborene Alfred Flechtheim stammte aus einer Getreidehändlerdynastie. Schon früh entwickelte er Interesse für das Theater, moderne Literatur und die bildende Kunst. Bedingt durch diese Leidenschaften ist es nicht verwunderlich, dass er den Beruf des Getreidehändlers aufgab und 1913 seine erste Galerie in Düsseldorf eröffnete. 1910 heiratete er die vermögende, ebenfalls aus jüdischem Haus stammende Betty Goldschmidt. Sein Faible galt dem Rheinischen Expressionismus, der französischen Avantgarde und der deutschen Moderne. Flechtheim förderte u.a. Künstler wie Paul Klee, Max Beckmann und George Grosz. 1921 zog er nach Berlin, wo er wie in noch weiteren Städten eine neue Galerie gegründet hatte. Zum gesellschaftlichen Ereignis wurden die von Flechtheim schillernd inszenierten Feste.

Vermehrt war Flechtheim ab 1930 antisemitischen Angriffen ausgesetzt, die er 1933 mit seiner Flucht ins Ausland beantwortete. Unter tragischen Umständen stirbt Alfred Flechtheim 1937 in London. Betty, die in Deutschland verblieben ist, nahm sich angesichts ihrer drohenden Deportation 1941 das Leben. Die in ihrer Wohnung befindlichen Kunstwerke wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und gelten seitdem als verschollen.

In Bremen wurden in der Sonderausstellung 43 Werke aus eigener Sammlung gezeigt, die eine Verbindung zu Alfred Flechtheim aufweisen. Die Ausstellungsstücke stammen aus verschiedenen Kunstgattungen wie Malerei, Bildhauerei und Grafik. Zu sehen war z.B. das Gipsrelief „Der Blinde und der Lahme“ von dem Bildhauer Ernst Barlach. Das Relief stellt zwei körperbehinderte Menschen dar, einen Blinden und einen Lahmen. Der Blinde trägt den Lahmen huckepack auf seinem Rücken bergauf. Beide Figuren sind in weite Falten werfende Kleidung gehüllt, die neben der Umklammerung ihre Einheit dokumentiert. Das Dargestellte kann uns sagen, dass gegenseitige Hilfeleistung möglich ist, wenn Menschen dazu bereit sind. Barlachs Relief verdeutlicht es uns.

Der „Fußballspieler“ von 1927 ist eine kleine von Renée Sintenis modellierte Bronzefigur, die sich uns nackt, muskulös und dynamisch zeigt. Der Spieler steht mit dem linken Bein auf seinen Zehenspitzen, mit seinem rechten holt er schwungvoll aus. Dem Betrachter scheint es so, als ob die Figur gerade einen Ball abgeschossen hätte. Um Balance zu halten, hat er den rechten Arm nach hinten ausgestreckt, den linken hält er dagegen angewinkelt. Dass Flechtheim diese Figur erworben hat, ist sicherlich kein Zufall, denn er konnte sich sehr für elegante, schnelle und kraftvolle Bewegungen begeistern.

Schon bevor ich das 1928 entstandene Bild „Stillleben mit der Kirschwasserflasche“, auch „Grünes Stillleben“ genannt, im Museum sah, hat mich in der Online-Ausstellung ein dargestellter Apfel begeistert. Das in bläulich-grünem Farbton gehaltene Ölbild von Max Beckmann zeigt auf einer Tischplatte mittig eine Kirschwasserflasche, um die zwei Äpfel, zwei Birnen, zwei Zigarren mit Banderolen und sieben Nüsse angeordnet sind. Hinter diesen Gegenständen befindet sich eine ebenfalls in blau-grün gehaltene Fläche, die von vier schwungvollen schwarzen Linien durchzogen ist. Lichtreflexe sorgen dafür, dass der Betrachter das Gefühl hat, der Apfel glühe von innen.

Es ist immer wieder interessant, unsere Welt aus der Sicht eines Künstlers zu betrachten. Denn die Beschäftigung mit Kunstwerken kann uns dazu verhelfen, aus dem täglichen Alltag emporgehoben zu werden. Mitunter gelingt es uns auch dadurch, unkonventionelle Gedanken bei uns selbst entstehen zu lassen.

Literatur:

Dascher, O.: „Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“, Wädenswil 2011

Hansen, D.: Die Kunsthalle Bremen und Alfred Flechtheim (Katalog zur Sonderausstellung in der Bremer Kunsthalle)