Alice Rühle-Gerstel (1894-1943). Eine in Vergessenheit geratene Individualpsychologin

Datum: 09.01.2014

Autor: Jutta Friedrich

Rezensent:  Klaus Hölzer

 

Jutta Friedrich: Alice Rühle-Gerstel. Eine in Vergessenheit geratene Individualpsychologin, Könighausen & Neumann, 2013, 220 Seiten.

 

Die 1894 in Prag geborene Alice Rühle-Gerstel, promovierte Philosophin und Literaturwissenschaftlerin, war innerhalb der Individualpsychologie eine führende Persönlichkeit. Indem sie die Gesetze der Individualpsychologie auf das weibliche Geschlecht anwandte, unternahm sie erste Schritte auf dem Weg zu einer Sozialpsychologie der Weiblichkeit, und das vierzig Jahre vor der großen Simone de Beauvoir.

Es ist verdienstvoll, dass Jutta Friedrich diese geistreiche Kämpferin für die Selbstbestimmung der Frau vor dem Vergessen bewahrt hat. In dieser Biografie stellt sie die psychologischen Forschungen Rühle-Gerstels zur prekären Situation der Frauen in der Gesellschaft eindrücklich heraus, nicht ohne ihre politisch-marxistischen und pädagogischen Untersuchungen zu übergehen. Mir scheint aber, dass sie Recht daran tat, auf die geschlechtstheoretischen Arbeiten ihrer Autorin besonders intensiv eingegangen zu sein.

Innerhalb des biografischen Teils geht Jutta Friedrich auch auf das Verbitterungssyndrom ein, an dem, wie sie vermutet, Rühle-Gerstel im mexikanischen Exil neben chronischer Erschöpfung und Depressionen gelitten hat.

In der Werkanalyse analysiert Jutta Friedrich überzeugend die meisten der großen Werke Rühle-Gerstels, von denen ich zwei hervorheben möchte: Die Sexual-Analyse (1929) und Das Frauenproblem der Gegenwart (1932), ihr Hauptwerk. Das erst genannte Buch schrieb sie zusammen mit ihrem Mann Otto Rühle. Beide orientierten sich an Alfred Adlers Einstellung zur Ehe und ihrer Abhängigkeit von der gesellschaftlichen und ökonomischen Situation des Paares. Der große Wiener Psychologe sah deutlich die verhängnisvolle Rolle, die der Machtkampf zwischen den Geschlechtern spielt und die ernsten Bemühungen um Selbsterkenntnis, die beide Partner auf sich nehmen müssten, um zu einem befriedigenden Miteinander zu finden. Dabei wussten die Individualpsychologen sehr wohl, dass sich der Mann innerhalb von Jahrtausenden eine bevorzugte Position im Geschlechterkampf erstritten hat, auf die zu verzichten ihm nur in kleinen Schritten, wenn überhaupt,  gelingt.

Das Frauenproblem in der Gegenwart und seine Analyse bei Jutta Friedrich beeindruckt besonders, denn es sind originelle Gedanken Alice Rühle-Gerstels, die Jutta Friedrich in diesem Abschnitt referiert. Neuartig mutet vor allem Rühle-Gerstels Frauen-Typologie an. Darin beschreibt sie mehrere Frauentypen: die Tüchtige, die Ideale, die Gescheite, die Barmherzige, die Furie, die Schlaue, die Prinzessin (Kindweib oder Liebesgöttin), die Protestlerin und die Überspannte (neue Frau). Welche Eigenschaften sich im Einzelnen hinter diesen Typen verbergen, beschreibt Jutta Friedrich anschaulich und informativ.

Wie es Alice Rühle-Gerstels Anliegen war, allgemeinverständlich zu schreiben, bedient sich auch Jutta Friedrich einer klaren und gut lesbaren Sprache. Die Biografie ist gründlich recherchiert und angereichert durch zahlreiche, die Gedanken Rühle-Gerstels für den heutigen Leser erhellende Kommentare.

Der Anhang enthält ein detailliertes Verzeichnis der von Rühle-Gerstel und ihrem Mann Otto herausgegebenen vier Schriftenreihen.

Wer daran interessiert ist, die Probleme des Geschlechterkampfes besser zu verstehen und Wege für eine fortschrittliche emotionale Sexualerziehung der Jugend zu finden, wird mit Gewinn zu dieser Biografie greifen.