Der patagonische Hase

Datum: 07.04.2016

Autor: Claude Lanzmann

Rezensent:  Gerda Siebenhüner

 

Vor zwei Jahren bekam ich die Autobiografie von Claude Lanzmann Der patagonische Hase (Gallimard, Paris 2009, dt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2012). Damals konnte ich sie nicht lesen. Ich war krank und da erschreckte mich schon der Anfang: Die Guillotine – und ganz allgemein die Todesstrafe. Jetzt aber las ich das Buch wie einen Krimi in einem Zug.
Obwohl Claude Lanzmann an fast allen Brennpunkten der grausamsten Geschichte(n) des 20 Jahrhunderts war, faszinierten und überwältigten mich seine Neugier und amour fou zum Leben: Er kämpft, liebt, reist, kommuniziert, schreibt, interviewt bedeutende Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Politiker, ist zweimal leidenschaftlich verheiratet, mit Simone de Beauvoir über Jahrzehnte bis zu ihrem Tod 1986 liiert.
1925 geboren, sieht er zwölfjährig einen Film, dessen Schreckbilder eines auf dem Schafott hingerichteten Unschuldigen ihn jahrelang in Albträumen verfolgen. „Das Leben ist mir von jeher durch eine ebenso mächtige Angst vergiftet worden und dennoch ist es so, dass ich es geradezu verrückt liebe“, schreibt er.
Schon als 16-jähriger Schüler wird er zum aktiven Widerstandskämpfer, entgeht in vielen lebensbedrohlichen Situationen nur knapp der Gestapo und dem Tod. Wie sein Vater und jüngerer Bruder kämpft er gegen die Deutschen, bis die Amerikaner 1944 in der Normandie landen und Frankreich befreien.
Nach dem Krieg studiert er Philosophie an der Sorbonne in Paris und in Tübingen. 1948/49 ist er Lektor an der neugegründeten Berliner Freien Universität. „Ich liebte und liebe Berlin, weil man quer durch die urbane Landschaft die gesamte Vergangenheit unserer Zeit wie in geologischen Schichten entziffern und ihre verschiedenen Schichten entziffern kann.“
Durch einen Artikel über die DDR bekommt Claude Lanzmann Kontakt zum Kreis um Sartre und verliebt sich in Simone de Beauvoir. Sie unternehmen abenteuerliche Reisen, sind oft sehr leichtsinnig. Auf Hochgebirgstouren wandern sie in Espadrilles, barhäuptig ohne Schutzcremes oder Salben für Lippen und Gesicht – plötzlich ein Furunkel am Knie. Erst zehn Jahre später wird Claude Lanzmann unter Führung seines Schwiegervaters zu einem gut ausgerüsteten und geübten Bergsteiger.
Drei ausgedehnte Reisen führen ihn nach Israel. 1952 gab es fast nichts zu essen in Israel; es herrschte Hunger. Ernüchtert und ohne Reportage kehrt er zurück. 1970 arbeitet er rund um die Uhr an dem Film Warum Israel und entdeckt die unglaublichen Möglichkeiten, die das Kino bietet. Er lernt die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff kennen und lieben; sie wird seine zweite Frau. 1977 ist er in einer düsteren Phase seines Lebens wieder in Israel, ertrinkt fast in einer starken Mittelmeerströmung, arbeitet am Film Shoah.
Zwei Reisen führen ihn nach China und Nordkorea. 1958, zehn Jahre nach dem Einzug der Roten Armee, ist Claude Lanzmann in Shanghai. Der um 1900 für seinen demonstrativen Luxus und dichten Verkehr berühmte Bund und der Fluss Huangpo sind vollkommen leer. Rund 50 Jahre später springt ihm die Verwandlung Chinas ins Auge und begeistert ihn. Peking war eine zum Epizentrum der Globalisierung gewordenen Stadt. Er war 2004 nach Peking geflogen, um seinen Film Shoah zu zeigen.
Von China aus reist er 1958 als Mitglied der ersten westlichen Delegation nach dem Koreakrieg nach Nord-Korea. Dort wird er hofiert, vom Machthaber und Diktator Kim il-sung zum Essen eingeladen, wütet ohnmächtig gegen die ständige Überwachung durch Mützen. Deren Bespitzelung kann aber ein leidenschaftliches „Zehen-Liebesabenteuer“ mit der schönen Krankenschwester Kim Kum-sun – sie gibt ihm Vitamin-B12-Injektionen – nicht verhindern. Erschüttert sieht er unter ihrer Brust eine tiefe Wunde: Napalm.
2004 kommt er mit einer Touristengruppe in das nach außen hin völlig abgeriegelte Land. Pjöngjang war in der Zwischenzeit vollkommen neu wieder aufgebaut, mit breiten Boulevards ohne ein Fahrzeug, sogar ohne Fußgänger. Es ist die Stadt des „als ob“. Im ganzen Land gibt es keine Verkehrsmittel. Man hat nur eine Möglichkeit der Fortbewegung: zu Fuß zu gehen. Die Menschen machen sich auf einen Weg von 10, 20 oder dreißig Kilometern, aber ihr Atem ist kurz, sie haben Hunger und sind schnell erschöpft. Die Zeit schien in dem totalitären Nordkorea mindestens zweimal angehalten worden zu sein: 1955, am Ende des Krieges, und 1994 beim Tod von Kim Il-sung, dem großen Führer. Die Offiziere halten seit fünfzig Jahren dieselbe Ansprache. Der Überdruss dieser Wackeren zeigt sich nur auf eine Art: sie rauchen wie die Schlote. Die nordkoreanische Armee ist am Ende. Als Lanzmann seinem Dolmetscher und Fahrer erklärt, dass er mit dem Großen Führer vor 50 Jahren Reis und Salz geteilt hatte, erlebt er eine echte Transsubstantiation: Der junge Mann schloss die Augen, berührte mich, betastete mich, ein ekstatischer Ausdruck trat auf sein Gesicht.
Ab 1960 bereist unser Autor als gefragter Starjournalist praktisch die ganze Welt. Er gibt jedoch 1973 seinen Journalistenberuf auf, um sich ganz der Filmarbeit an Shoah zu widmen. Sie fordert einen jahrelangen hohen Arbeitseinsatz. Er recherchiert, interviewt überlebende Opfer und Mörder, beschafft Geld, erledigt organisatorische Aufgaben, dreht in New York, Deutschland, Polen teilweise unter härtesten Bedingungen. Unterstützung erfährt er von Mitarbeitern und auch von Simone de Beauvoir. Sie hilft ihm über ihre verblüffende Art zuzuhören, offen, mit großem Ernst und vollkommenem Vertrauen. So entsteht der sechzehnstündige Film Shoah, nach ihrer Einschätzung ein echtes Meisterwerk.
Zwölf Jahre lang hat Claude Lanzmann über den Tod und das Töten einen Film geschaffen, ohne darunter zu zerbrechen. Ich glaube, dass nur ein Mensch mit einer starken Vitalität und einer leidenschaftlichen Liebe zum Leben zu solch einem Werk fähig ist.