Heinrich Mann – Ein politischer Träumer

Datum: 27.12.2020

Autor: Prof. Günther Rüther

Rezensent:  Klaus Hölzer

Man kommt nicht drum herum: Heinrich Mann hatte lange Zeit im Westen Deutschlands keine gute Presse. Kein Geringerer als Marcel Reich-Ranicki schrieb sogar, es sei an der Zeit sich von Heinrich Mann zu verabschieden, immerhin fügte er hinzu, mit Dank und Respekt. Der Politikwissenschaftler Günther Rüther arbeitet in seiner neuen Heinrich-Mann-Biographie heraus, worauf Dank und Respekt zu beziehen sind. Man liest den Lebensbericht gerne, weil er mit Umsicht und Wohlwollen geschrieben ist und die außergewöhnlichen Leistungen Heinrich Manns hervorhebt, Schwierigkeiten seines Lebensweges aufzeigt und Verirrungen seines Politikverständnisses nicht verschweigt sondern verstehend und für den Leser nachvollziehbar erläutert.

Dieser kämpferische Literat Heinrich Mann hat es seinen Lesern in Deutschland und Europa nicht leicht gemacht, ihm uneingeschränkt zu folgen. Was ihn auszeichnet, ist seine große Liebe zur europäischen Kultur, insbesondere zu derjenigen Frankreichs. Manche seiner schreibenden Kollegen aus dem Nachbarland wurden seine Freunde, insbesondere der Germanist und Schriftsteller Félix Bertaux. Über Émil Zola, den er als einen Verteidiger von Gerechigkeit und menschlicher Freiheit würdigte, schrieb er einen bewegenden Essay nicht nur gegen den Krieg sondern auch für die Demokratie und die Republik. Er wurde im August 1914 publiziert und von der Zensur sofort verboten. Bruder Thomas – damals ein entschiedener Kriegsbefürworter – kritisierte diesen Essay heftig.

Es spricht für diese Biographie, dass der Bruderzwist, der ein Leben lang trotz mancher Versöhnungen anhielt, vom Verfasser nüchtern und stets auf Quellen zurückgreifend dargestellt wird. Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert, die wichtige Etappen im Leben Heinrich Manns darstellen:

Das Wilhelminische Reich
Der Erste Weltkrieg
Die Weimarer Republik
Exil im Land der Träume
Ankunft und Lebensende in Los Angeles

Deutschland wurde Ende des 19. Jahrhunderts wegen seiner kulturellen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Leistungen weltweit anerkannt. Während Heinrich Mann Bismarck zeitlebens  schätzte, dauerte seine Sympathie für Wilhelm den II. nur kurze Zeit. Er schloss sich Nietzsches Kritik des Wilhelminismus an, den der Philosoph als Ausdruck einer erkrankten aristokratischen und großbürgerlichen Oberschicht sah. Ein Blick in Heinrich Manns früheste Werke lässt vermuten, dass der junge Autor von dieser abgehobenen Lebensweise fasziniert war. Florenz und Rom waren damals seine bevorzugten Reiseziele.

In dieser Zeit begann die Rastlosigkeit seines Lebens. Zwar erklärte er die Faulheit zu seinem Lebensprinzip, finanzielle Engpässe zwangen ihn jedoch, im Geist der damaligen Zeit durch teilweise antisemitische und frauenfeindliche Arbeiten, seinen damals lockeren Lebensstil zu finanzieren. Gegen die Trivialisierung des Kaisers und gegen den Parlamentarismus bezog Heinrich damals entschieden Stellung. Etwa 20 Jahre später, mitten im Krieg, nahm Bruder Thomas in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen einen ähnlichen Standpunkt ein, nur hatte Heinrich zur selben Zeit seine politischen Positionen radikal geändert. Die Werke Kleine Stadt und Professor Unrat dokumentieren seine literarische und geistig-politische Neuorientierung.

Der Contrat Social Rousseaus gewann für ihn eine zentrale Bedeutung, und mit dieser philosophischen Auseinandersetzung begann auch seine lebenslange Liebe zum Nachbarland Frankreich und seiner Kultur. Er begeisterte sich für jene französischen Intellektuellen, die unter ihrem Wortführer Émil Zola gegen das Zweite Kaiserreich und die dritte Republik der Jahrhundertwende ankämpften. Heinrich forderte nun, der geistige Mensch müsse im Staat der herrschende werden. Damit begann seine Wendung vom ästhetischen zum politisch denkenden Schriftsteller, der im Untertan den menschenverachtenden Unteroffiziersgeist bloßstellen und die politischen Verhältnisse verändern wollte.

Heinrich Mann war nur einer von wenigen deutschen Schriftstellern, die dem Kriegswahn nicht verfallen waren. Mitten im Krieg sprach er vom gemeinsamen europäischen Haus, und er ersehnte – aus heutiger Perspektive weitsichtig – die Vereinigten Staaten von Europa, die er für eine Schicksalsfrage des Kontinents ansah. Gegenüber der Weimarer Republik um 1925 war er skeptisch geworden; denn er nahm wahr, dass die alten Mächte in Politik, Wirtschaft und Militär erneut Oberwasser gewannen.

Drei Wochen in Paris Ende 1927 dürften der Höhepunkt seines Schriftstellerlebens gewesen sein. Man hatte ihn nach Paris eingeladen, wo er an der Sorbonne vor 500 Zuhörern auf französisch eine Rede hielt und im Palais du Trocadéro vor 5000 Zuhörern zu Ehren Victor Hugos sprach. Mit der französischen Kultur hatte er sich gründlich auseinander gesetzt und über Zola, Flaubert, Balzac, Anatole France und George Sand geschrieben. Leidenschaftlich setzte er sich für die deutsch-französische Freundschaft ein, ähnlich übrigens, wie der Romanist Ernst Robert Curtius in seinem Buch Französischer Geist im neuen Europa mit Sympathie und kenntnisreich auf Frankreich und seine Kultur schaute. Heinrich Mann spürte, dass die Jahre zwischen 1927 und 1932 in
Deutschland immer gefährlicher wurden und bei den Menschen Existenzängste auslösten.

Es ist ein besonderes Verdienst von Günther Rüther, dass er das politische Denken Heinrich Manns, das er an mancher Stelle als verträumt bezeichnet, jeweils mit Blicken auf sein   schriftstellerisches Werk verbindet. Man hatte ihn, der 1931 seinen 60. Geburtstag feierte, zum Präsidenten der Sektion Dichtkunst der Akademie der Künste gewählt. Er stand in der Blüte seines Lebens und zählte zu den Repräsentanten der Weimarer Republik. Er galt als pazifistischer Sozialist und Mahner des Volkes mit entschieden demokratischer Gesinnung, während sich die  bürgerliche Mitte bereits zu einer nationalkonservativen, nationalistischen Position hin entwickelt hatte.

Wie Bruder Thomas hatte auch Heinrich den Kampf gegen den sich ausbreitenden Nationalsozialismus unerschrocken aufgenommen. Und schon bald wurden Heinrich Mann und Käthe Kollwitz aus ihren Ämtern in der Sektion Dichtkunst gedrängt. Leider viel zu optimistisch hoffte Heinrich auf ein baldiges Ende des Nationalsozialismus, gegen den er dennoch einen entschiedenen Kampf mit den Waffen des geistigen Menschen aufnahm. Zunächst wandte er sich ebenfalls gegen die KPD, die er für eine Karikatur der Nazis hielt. Später wandelte sich die Ablehnung der KPD in Sympathie, als er mit ihr zusammen eine Volksfront gegen die Natinalsozialisten erreichen wollte. Dass er schließlich den geistigen Spagat schaffte, von Tolstois Humanismus über Sympathie zu den Kommunisten zu einer Verehrung Lenins, Stalins und der Sowjetunion zu kommen, ist nicht leicht nachzuvollziehen. Man muss es im Original nachlesen, um seine aus heutiger Sicht verwirrenden Schritte zu verstehen. Vielleicht spielte auch seine permanent knappe Kasse eine Rolle, die ihn nach den Tantiemen aus Russland schielen ließ.

Bevor Heinrich Mann zur abenteuerlichen Flucht in die Vereinigten Staaten aufbrach, schrieb er in Nizza seinen großen Roman vom französischen König Henry IV, voller Sympathie für sein Gastland Frankreich, das er bereits in jungen Jahren liebte. Dankenswerterweise referriert Rüther diesen Roman auf mehreren Seiten, sodass der Leser nachvollziehen kann, wie es zu dieser starken Identifizierung Heinrich Manns mit dem König der Spätrenaissance, dem Freund des Philosophen Montaigne kam.

Am 13. Oktober 1940 legte das Schiff mit ihm und seiner Frau Nelly in Manhatten an. Sie wurden empfangen vom Bruder und von Journalisten. Die letzten zehn Jahre seines Lebens sollten traurig und nicht zuletzt wegen Geldknappheit schwierig werden. Die Tantiemen flossen nur noch spärlich, was ihn von der Großzügigkeit seines jüngeren Bruders abhängig machte. Trotz bedrängender Lebensumstände komplettierte Heinrich Mann zum Schluss noch seinen Lebensrückblick: Ein Zeitalter wird besichtigt. Sein Neffe, der Politikwissenschaftler Golo Mann, findet, es seien die Bekenntnisse eines hochgebildeten, hochfliegenden Geistes und bei allen Wunderlichkeiten, gütigen Herzens. Und weiter schreibt Golo Mann: Magie ist genau das, was H.M. besitzt, dort, wo er am besten ist; so in Ein Zeitalter…, wenn man absieht von jenen kindlich verblendeten Texten. Auch die Biographie Günther Rüthers, die Heinrich Manns Schriften oft im Original zitiert, lässt den Leser die Magie des älteren der Mann-Brüder erleben.