Im Schatten des Ruhms. Erinnerungen an meinen Vater Erik H.
Erikson

Datum: 03.11.2019

Autor: Sue Erikson Bloland

Rezensent:  Marlies Frommknecht-Hitzler

 

Sue Erikson Bloland setzt sich in diesem Buch mit dem Ruhm ihres Vaters, des Psychoanalytikers Erik Homburger Erikson auseinander. Als Kind lebte sie im „Schatten seines Ruhms“ und stand vor der Herausforderung, ihren eigenen Weg „als menschliches Wesen in nicht heroischer und doch bedeutungsvoller Weise zu gehen“ (14). Sie fragt sich in diesem Zusammenhang, wie sie das „magisch verklärte(s) öffentliche(s) Image“ der Eltern mit ihrer „persönlichen Realität in Einklang bringen“ kann (14). Sie schildert uns den Entwicklungsgang und das Leben der Eltern. Dabei versucht sie, sowohl ihren Eltern gerecht zu werden als auch sich selbst und ihrer eigenen Entwicklung nachzugehen, die nach einigen Umwegen zur Psychoanalyse und Psychotherapie führte. Angeregt durch ihre Erfahrungen befasst sie sich mit dem Phänomen des Ruhms.

Gleich zu Beginn ihrer Auseinandersetzung verweist Bloland auf die Problematik, dass in unserer Kultur der Ruhm als höchstes Gut des „menschlichen Vollbringens“ angesehen wird. Es bestehe die Vorstellung, „die Berühmten hätten nicht nur einen einzigartigen gesellschaftlichen Status erreicht, sondern triumphierten darüber hinaus auch über die Bedürftigkeiten der condition humaine“ (9). Dieses Bild, vervielfältigt durch die Medien, blende die Konflikte, Widersprüche, Schwächen der Stars aus und sei natürlich eindimensional. Da offenbar viele Menschen ein starkes Bedürfnis haben, „an ganz und gar heldenhafte Figuren“ zu glauben, lädt es zur Identifikation ein. Bloland hatte durch ihren Vater „die nicht selbstverständliche Gelegenheit zu beobachten, wie aus Menschen des realen Lebens … moderne Märchen konstruiert werden“ (11).

Berühmt wurde Erik H. Erikson vor allem mit dem Buch „Kindheit und Gesellschaft“ (1950), sozusagen ein Weltbestseller, aber auch mit Büchern wie „Der junge Mann Luther“ (1975) oder „Gandhis Wahrheit“ (1978). Dass Erikson sich mit dem Begriff Identität auseinandersetzte, hängt auch mit seiner persönlichen Geschichte zusammen. Er wurde 1902 in Frankfurt geboren und wuchs in Karlsruhe auf. Seine Mutter stammte aus einer gut situierten jüdischen Familie in Kopenhagen. Sie wurde nach Deutschland geschickt, weil sie von ihrem Mann unmittelbar nach der Eheschließung verlassen und drei Jahre später von einem anderen Mann schwanger wurde. In Karlsruhe heiratete sie den jüdischen Kinderarzt Theodor Homburger, der das Kind adoptierte. Erikson fühlte sich jedoch nie ganz angenommen. Er fühlte sich als Außenseiter, sowohl in der jüdischen Gemeinde (blond und blauäugig wie er war) wie auch in der Schule, wo er als Jude  gehänselt wurde. Sein Leben lang erfuhr er nicht, wer sein leiblicher Vater ist und litt darunter. Er träumte sich einen Familienroman, dass er von einem dänischen Aristokraten abstamme. In seiner Jugend wurde seine Verunsicherung noch tiefer. Er sprach selbst von „Identitätskonfusion“ und von

Störungen zwischen „Neurose und Jugendpsychose“ (57).Nachdem er vergeblich versuchte hatte, Künstler zu werden, geriet er in eine Depression, aus der ihn der Vorschlag seines Freundes Peter Blos, nach Wien zu kommen und an der Schule von Dorothy Burlingham zu unterrichten, herausführte. Dadurch kam er mit dem Kreis um Sigmund Freud in Kontakt. Er begann eine Ausbildung zum Psychoanalytiker und eine Lehranalyse bei Anna Freud. Dies war eine entscheidende Wende in seinem Leben. Jedoch fühlte er sich nie ganz zugehörig und wollte es vielleicht auch nicht (meinte, er sei „Stiefsohn aus Gewohnheit“ (59)). 1929 lernte Erikson seine Frau Joan Serson kennen. Sie war eine schöne und auch zupackende Frau, eine Kanadierin, die nach Europa gekommen war, um eine Dissertation über den modernen Tanz zu schreiben. Auch sie hatte keine einfache Kindheit, fühlte sich (vor allem von der Mutter, der Vater war früh gestorben) nicht geliebt und anerkannt. Auch in der Schule erlebte sie sich als Außenseiterin und reagierte auf diese emotionale Situation mit betonter Unabhängigkeit und Forschheit. Zuwendung von der Mutter erhielt sie nur, wenn sie sie bei ihren vielen Krankheitsphasen pflegte und unterstützte. Dadurch war sie gewissermaßen prädestiniert, für andere Sorge zu tragen. Erikson, der offenbar sein Leben
lang zu Depression und Selbstzweifel neigte, benötigte die Unterstützung und Bestätigung durch seine Frau. Im Gegensatz zu seiner offensichtlichen Bedürftigkeit verbarg Joan die ihrige. Sie leugnete ihre Wünsche nach Zuwendung und Liebe und lebte mit einer „Fassade fast perfekter Selbstgenügsamkeit, Supertüchtigkeit und Superfröhlichkeit“ (66). Sie war für Erikson „eine Gestalt von überwältigender Kraft und Stärke (…) und eine unentbehrliche Quelle seiner physischen, emotionalen und intellektuellen Stabilität“ … Die Verbindung dieser beiden bezwingenden Persönlichkeiten und ihrer erstaunlichen Begabungen verlieh ihnen als Paar eine wahrhaft magische Aura“(23). Es war ihre gemeinsame Fantasie, dass sie sich aufgrund glänzender Erfolge über ihre depressiven Gefühle erheben und die Bewunderung ihrer Mitmenschen erringen würden“(75).

In dieser intellektuellen, anregenden und zugewandten „Bilderbuchfamilie“ wuchs Sue E. Bloland in der Nähe von San Francisco als jüngste von drei Geschwistern auf. Zwei Brüder, Kai und Jon waren 7 und 5 Jahre älter. Doch es gab ein Familiengeheimnis, das sie tief prägte. Als sie ca. 6 Jahre alt war, hatte Joan ein viertes Kind zur Welt gebracht, Neil, einen Jungen mit Down-Syndrom. Das zu Beginn seines Lebens sehr schwächliche Kind, wurde auf Anraten der Ärzte und ohne Wissen der Mutter, aber mit Zustimmung von Erikson, in ein Heim gegeben. Diese Entscheidung konnte Joan ihrem Mann nie verzeihen. Jedoch sprachen sie nie darüber. Beide Eltern waren voller Scham- und Schuldgefühle darüber. „Jeder fühlte sich vom anderen betrogen, und jeder fühlte sich schrecklich allein“ (27). Obwohl es jedoch möglich gewesen wäre, das Kind in die Familie zurückzuholen, tat Joan diesen Schritt nie. Den Kindern wurde gesagt, dass Neil bei der Geburt gestorben sei, und sie sollten die Mutter nicht darauf ansprechen, um ihren Schmerz nicht erneut hervorzurufen. Diese Situation rief eine anhaltende Spannung in der Familie hervor, die nur aufgehoben war, wenn Gäste anwesend waren. Neil war einfach nicht existent. Die Eltern arbeiteten wie besessen und sprachen nicht über ihn. Zwar sollte es nach Erikson ein Schutz für die Kinder sein, nichts von Neil zu wissen. Aber Bloland betont zurecht, dass die Eltern sich selbst davor schützten, sich mit diesem und anderen schmerzlichen Themen auseinandersetzen zu müssen. Betrachtenwir diese Situation näher, so wiederholte Erikson mit der Verleugnung Neils seine eigene Kindheitssituation, in der er vom leiblichen Vater negiert wurde und von der Mutter getäuscht worden war.

Sue selbst erlebte sich inmitten dieser Familie als „sehr unglückliches kleines Mädchen“ (24), das nicht verstand, warum die Stimmung im Hause so „bedrückt und angespannt“ war, wenn keine Gäste da waren. Sie reagierte mit Bauchweh beim Abendessen, mit panischer Angst vor einer unerkannten Blinddarmentzündung. Sue fühlte sich allein, gehemmt und minderwertig; sie war unglücklich, „bedürftig und fordernd … Ich war das Kind, das irgendwie nicht fähig war, normal zu funktionieren – und das in einer Familie, für die der äußere Schein der Normalität von höchster Bedeutung war“ (33). Sie sehnte sich danach, dass sich die Mutter ihr wieder zuwandte, die jedoch in dem Gefühl, versagt zu haben, emotional nicht zugänglich war. Was Sue zunächst half, war das Geschenk eines Esels und später eines Pferdes. Für diese Tiere war sie zuständig; sie kümmerte sich um sie und lernte auf beiden Reiten. Dadurch konnte sie sich kompetent und unabhängig erleben, was ihrem Selbstwertgefühl Auftrieb gab.

Eine weitere wohltuende Erfahrung war der Besuch eines Internats als Dreizehnjährige, als ihre Eltern in eine andere Stadt (Stockbridge) umzogen. In diesem Internat fühlte sie sich sehr wohl und von ihren Eltern unabhängig. Sie erlebte sich zum ersten Mal beliebt und wurde ein Star der Basketballmannschaft. Die Eltern nahmen sie jedoch aus dieser Schule heraus, um sie auf eine prestigeträchtigere Schule (Putney School in Vermont) zu schicken, in der schon der ältere Bruder seine Bildung erhalten hatte. Für Sue war dies katastrophal, aber sie hatte gegen die Wünsche der Eltern keine Chance. Und wieder fehlte es den Eltern an Einfühlung: Die Jugendliche hatte eine Besprechung, in der sie Informationen über die Abläufe im Internat bekam. Als diese zu Ende war, wollte sie sich von den Eltern verabschieden und erfuhr geschockt, dass diese schon abgereist waren. Sie wollten ihr auf diese Weise den Abschied erleichtern, erklärte die Mutter später. Bloland konstatiert zurecht: „In Wahrheit waren sie unfähig, mit ihren Gefühlen bei dieser Trennung fertig zu werden, und hatten deshalb Angst vor den meinen … Das überwältigende Gefühl,
weggeschickt worden zu sein, und der Schock ihrer Abreise verstärkte meine Identifikation mit Neil, der vor so vielen Jahren ohne Abschied weggeschickt und dann aus dem Gedächtnis
der Familie ausradiert worden war“ (88). Ihre tiefe Identifikation mit dem verleugneten Neil kam auch in einem Traum zum Ausdruck, in dem sie „die Gesichtszüge einer Mongoloiden“
hatte (77). Am Ende ihrer Schulzeit war ihr Berufswunsch „Sekretärin“, was sie so kommentiert: „Offensichtlich konnte ich mein Ressentiment gegen die Leistungsversessenheit meiner Eltern nur dadurch zum Ausdruck bringen, dass ich entwertete, was für sie der höchste Wert war“ (93). Und sie begriff erst Anfang dreißig „wie sehr der Ruhm meines Vaters und der unbezähmbare Wille meiner Mutter mich klein und dumm machten“ (93).

1959 ging Sue E. Bloland, nachdem sie ihren Collegeabschluss gemacht hatte, nach Berkeley, um die Sekretärinnen-Schule zu besuchen. Danach arbeitete sie an der University of California. 1960 lernte sie ihren späteren Mann Harley kennen, einen Absolventen der Universität. Sie heirateten ein Jahr später, waren allerdings dem Alltag nur schwergewachsen. Dies hing vor allem damit zusammen, dass Sue das Leben mit ihrem Mann mit dem Leben ihrer Eltern verglich. Sie erlebte sich und Harley eher als „Zaungäste … am Rande des wundersamen Lebens meiner Eltern“ und nicht „ als die zentralen Figuren in unserem eigenen Leben“ (118). In ihr bestand ein tiefes Unzulänglichkeitsgefühl, auch als sie 1969 ein Kind bekam. Sie hatte das Gefühl, ihrem Kind Per nicht das geben zu können, was er benötigte. Ebenso wenig konnte sie mit ihrem Mann über sich und die Beziehung sprechen, so dass allmählich Fremdheit zwischen ihnen entstand. Auch im Intellektuellen fühlte sie sich minderwertig. Sie hatte begonnen, Soziologie zu studieren, hatte aber immer das Gefühl, das Erarbeitete reiche nicht, um den Abschluss zu machen. Da ihr Mann in New York an der Universität zu lehren begann, zogen sie dorthin. Sie nahm das Studium der Soziologie an der Freundin begann sie in dieser Zeit eine Psychoanalyse. Dies schildert sie als den
entscheidenden Schritt zu mehr Sinnhaftigkeit und Wertgefühl. Aber sie tat sich sehr schwer, vor allem am Beginn der Analyse, über ihre Eltern und ihr Erleben der Eltern zu sprechen,
weil sie sich jedes Mal tief illoyal erlebte. Groß waren ihre Schwierigkeiten auch, sich persönlich als wichtig für ihren Analytiker zu erleben und nicht nur als „eine Informationsquelle“ über den Vater. Ein Traum veranschaulicht dies: „Ich komme auf eine Party, wo ein Mann, den ich kenne, mich begrüßt und zu mir sagt, er würde gerne meinen Vater kennen lernen. Es scheint so, als ob mein Vater bereits da wäre, aber die beiden sind einander noch nicht vorgestellt worden. Ich begleite diesen Mann zu meinem Vater, und die beiden verstricken sich tief ins Gespräch. Keiner von ihnen zeigt irgendein weiteres Interesse an mir, und ich entferne mich“ (128).

Bloland hatte viele ‚sprechende‘ Träume, die sich wiederholten und ihre Probleme abbildeten. Z.B.: Sie bereitet nicht die richtige Nahrung für sich selbst und für ihr Kind sowie für andere Menschen zu. Sie verstand ihn so, dass sie nicht so großartig war die ihre Mutter, sah aber auch, dass sie die Abhängigkeitsbedürfnisse ihres Kindes nur schlecht tolerieren konnte, wenngleich sie versuchte, ihm eine gute Mutter zu sein. Nach Jahren erst konnte sie wahrnehmen, dass sie als Kind tiefsitzende Deprivationsgefühle hatte, weil ihre Mutter die Abhängigkeit des Babys Sue nicht zu tolerieren vermochte. In einer anderen Serie von Wiederholungsträumen muss sie „von einem sehr hohen und gefährlichen Ort“ herabsteigen, ein angstmachender Vorgang, bis sie endlich sicheren Boden unter den Füßen hatte. Auf diesen hohen Ort hatten sich die Eltern zurückgezogen, „dem Bereich der Grandiosität, der Idealisierung und des Ruhms“ (129. Aber auch sie selbst musste ihre Fantasie, etwas Besonderes zu sein aufgeben. Jahrelang suchte sie angstvoll nach festem Boden zwischen „einem grandiosen Selbstgefühl (das Erikson’sche Erbe in mir) und Gefühlen
der äußersten Wertlosigkeit (paradoxerweise gleichfalls ein Erbe meiner glanzvollen Eltern)“ (130).

Mithilfe ihrer jahrelangen Analyse und Gruppentherapie befreite sie sich von ihren Ängsten und Hemmungen und entdeckte ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten und neue Perspektiven. Sie begann die Ausbildung zur Psychoanalytikerin und beschäftigte sich im Rahmen einer Hausarbeit mit dem berühmten Schauspieler Lawrence Olivier, der sich ineinem Interview – für sie  überraschend – selbst entwertete. Durch die Auseinandersetzung mit seiner Autobiographie entdeckte sie viele Gemeinsamkeiten mit ihrem Vater. Sie dachte immer, dass Ruhm „Selbstakzeptanz und Zufriedenheit“ (158) mit sich bringe und dass ihr Vater die Ausnahme von dieser Regel sei. Und nun hörte sie von einem großen Star das Gegenteil. Während jedoch Olivier öffentlich über seine Selbstzweifel und Unzulänglichkeitsgefühle sprach, verbarg ihr Vater diese Gefühle nach außen. Dieser Gegensatz brachte sie dazu, sich intensiver mit der Bedeutung des Ruhms auseinanderzusetzen.

Bloland las viele Autobiographien zu diesem Thema, so dass sich für sie schließlich ein Muster herausbildete. Viele Berühmte und Menschen, die Herausragendes leisteten erleben demnach Kindheitstraumen, die sie bewältigen, indem sie den Drang entwickeln, Großes zu vollbringen. Sie beginnen sehr viel zu lesen, entwickeln besondere Fähigkeiten, arbeiten intensiv; als Erwachsene brillieren sie mit besonderen Techniken oder mit enormem Fachwissen. Sie befreien sich dadurch aus einer ‚gefährlichen‘ Umgebung und verbinden sich auf einer höheren Ebene mit anderen Menschen. Ihre besonderen Fähigkeiten und ihre Kunst ist ihnen einerseits „emotionale Heimat“. Andererseits suchen sie damit Verbindung zu einem Elternteil herzustellen, die anders nicht möglich ist, oder übernehmen eine Passion von Vater oder Mutter. Schließlich geht es auch immer um die Stärkung des Selbstwertgefühls, das durch Ablehnung oder Desinteresse verloren zu gehen drohte. Nach Bloland gehören verschiedene Aspekte zum Wesen des Ruhms, die sie mit Erfahrungen mit ihrem Vater verknüpft. Da ist zum einen die Größenphantasie. Erikson stellte sich vor, von seinem leiblichen Vater königlichen Geblüts in die Arme geschlossen zu werden. Das Streben nach Grandiosität hat den Sinn, die Minderwertigkeitsgefühle, die durch das Verhalten der Eltern hervorgerufen wurden zu verbergen.

Die Fassade der Überlegenheit soll die Scham darüber abwehren, dass man schwach und unzulänglich und daher als Person nicht gut genug ist. Das Kind denke: Wenn ich besser oder liebenswerter wäre, würden meine Eltern mich nicht im Stich lassen oder zurückweisen. Mindestens ein Elternteil benötigte das Kind als Selbstobjekt. Es soll durch seine Fähigkeiten das verletzte Selbstgefühl, ja sogar sein Selbst, stabilisieren. Es wird um seiner Arbeit oder seines Talents willen geliebt. So musste Erikson das Selbstwertgefühl seiner Mutter wiederherstellen, das durch das Verschwinden des Ehemanns nach der Hochzeit und die uneheliche Geburt verletzt worden war. Das intensive Engagement oder der leidenschaftliche Einsatz ist der Lebenszweck jedes herausragenden Menschen. Das schlichte Menschsein reicht nicht aus. Die Arbeit ist nicht nur Arbeit. Sie ist sein Universum und verspricht allein Sinnerfüllung. Die intimsten Augenblicke sind für Künstler, Schauspieler, Wissenschaftler, wenn sie etwas weitergeben oder zeigen können.

Insofern ist das Publikum äußerst wichtig. Die Anerkennung und die Bewunderung durch zahllose Menschen kann die Leere ausfüllen, die die vernachlässigenden Eltern hinterlassen haben. Der Star braucht sie, wie er als Kind Nahrung und Zärtlichkeit gebraucht hätte. Die Verehrung durch die Öffentlichkeit ist letztlich die intensivste narzisstische Befriedigung und ersetzt gewissermaßen die Liebe der Mutter zum Kind. Weiter oben schildert Bloland ja, wieanders ihre Eltern waren, wenn bewundernde Freunde anwesend waren. Die Eltern waren abhängig von deren Verehrung. Sie benötigten die Bestätigung ihres idealisierten Selbstbildes unbedingt. Bloland brauchte nach ihren Worten Jahre, um eine Verbindung herzustellen zwischen dem öffentlichen, bewunderten Vater und der unbeholfenen, unsicheren Person, als die sie ihn erlebt hat.

Blolands Fazit ist, dass Ruhm nicht heilt. Die öffentliche Bewunderung gilt dem öffentlichen Menschen, stärkt aber nicht die Person wie es die frühe Elternliebe tut, die vom Kind integriert wird und so den Grund für ein stabiles Selbstbewusstsein legt. Für Bloland bedeutet Ruhm eher eine „psychische Sucht: emotionale Abhängigkeit von einer bestimmten Erfahrung, die der Betreffende braucht, um Depression und Gefühle der Leere abzuwehren. Ruhm kann die seinem Leiden zugrunde liegende Verstimmung lediglich zeitweilig abmildern“ (186). Deswegen sucht der Betroffene diese den Schmerz bannende Erfahrung immer wieder, woraus sich der Suchtcharakter erklärt. Verliert er die Starposition, fühlt er sich verlassen, allein und leer. Auch Erikson fühlte sich hängen gelassen, als die öffentlich Anerkennung nachließ. Er tat sich schwer, „sich mit den irdischeren Befriedigungen des alltäglichen Lebens und alltäglicher Beziehungen abzufinden“ (187). Eine eher verborgene Folge des Lebens im Scheinwerferlicht ist die Scham über die eigenen menschlichen Unvollkommenheiten, die infolge des idealisierten Bildes in der Öffentlichkeit vergrößert ist. Zugleich besteht die Angst, bloßgestellt zu werden, wenn die Unzulänglichkeiten aufgedeckt werden. Bei Erikson verstärkte die öffentliche Idealisierung als Vaterfigur seine Scham darüber, „dass er für seine eigenen Kinder nicht der Vater sein konnte, der er so gern gewesen wäre“ (187). Der Glaube, seine diesbezügliche Kompetenz sei einzigartig, legte der ganzen Familie eine schwer zu tragende Bürde auf, weil sie unter dem Zwang stand, dem öffentlichen Vaterbild gerecht zu werden.

Eine weitere Last des Ruhms ist es, dass der Betreffende meint, sich immer mit Höchstleistungen zeigen zu müssen. Er fragt sich, ob es ihm nochmals gelingen wird, so viel Applaus zu bekommen, ob das Buch wieder so gut ankommen wird wie das vorige. Insofern ist er äußerst kritikempfindlich. „Kritik durchdringt die Maske (der Grandiosität, mfh) und gibt den Betroffenen das Gefühl, man sei ihnen >auf die Schliche gekommen< und sie würden nun mit all den Mängeln bloßgestellt, die sie bei sich selbst wahrnehmen“ (190).  Die größte narzisstische Einbuße für einen  Menschen, der mit seiner Selbstachtung nur auf die Arbeit gesetzt hat, ist aber der Abschied von der aktiven Arbeit. Am Ende eines berühmten Lebens kommt nie der Moment, dass man genug geleistet hat und sich nun stolz darauf zurückziehen kann. Das Ende der Arbeit markiert „das Ende aller Möglichkeiten, die Dinge jemals richtig hinzubekommen – etwas wirklich Großes zu tun , dem wirklichen Potential, das man in sich fühlt, gerecht zu werden“ (192).

Bloland hat mit „Im Schatten des Ruhms“, einer Autobiographie und Biographie sowie einer Abhandlung über das Wesen des Ruhms und seinen Schattenseiten, ein sehr lesenswertes Buch geschrieben. Sie hat das Beziehungsschicksal Eriksons und seiner Frau, ihre Bewältigungsstrukturen, ihre daraus resultierende gemeinsame Beziehung und die Auswirkungen vor allem auf das Kind Sue einfühlsam beschrieben. Unwillkürlich entsteht dieFrage, an welchen Stellen man selbst Wiederholungen unterliegt. Darüber hinaus schildert sie beeindruckend, wie sie sich aus ihren Unsicherheiten und Minderwertigkeitsgefühlen herausgearbeitet hat. Hervorhebenswert ist die Dauer ihres Bemühens. Denn heutzutage meint man, diese schmerzhafte Arbeit durch praktische Kniffe und Manuale beschleunigen zu können. Ihr Buch ist ein Beispiel für die Selbstwerdung eines Menschen.