Versammelte Menschenkraft – Die Großstadterfahrungen in Goethes Italiendichtung

Datum: 28.02.2017

Autor: Malte Osterloh

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Malte Osterloh: Versammelte Menschenkraft – Die Großstadterfahrungen in Goethes Italiendichtung.
Königshausen & Neumann 2016, 385 Seiten.

Goethe war – und das gehört zu den unumstrittenen psychologisch-anthropologischen Charakteristika seines Lebens – ein überaus polar angelegter und orientierter Mensch: auf der einen Seite ein nobilitierter Minister und auf der anderen Seite nicht selten ein unkomplizierter Freund und Zeitgenosse; einerseits ein hingabefähiger Dichter und Literat sowie andererseits ein zurückgezogen-vorsichtiger Mann und Geliebter; ein Protagonist überschaubarer Lebensverhältnisse (Weimar, Jena, Ilmenau, Marienbad, Dornburger Schlösser) wie zugleich aber auch ein überzeugter Europäer (Rom, italienische Reise) und ein geistig-kultureller Weltbürger (West-östlicher Divan).

Wie sehr ihn neben dem Provinziellen vor allem das Großstädtische zu persönlicher Entwicklung und literarischer Produktivität inspirierte, wird im hier angezeigten Buch von Malte Osterloh überzeugend dargelegt. Der Autor beschränkt sich dabei auf die größeren Städte Italiens, die Goethe kennengelernt und für seine Dichtung fruchtbar gemacht hat: Venedig, Rom, Palermo und Neapel. An einem bekannten Beispiel, den Römischen Elegien, soll das Zusammenspiel von Großstadterfahrung und poetischen Resultaten kurz erläutert werden.

Der Gedichtzyklus der Römischen Elegien entstand in den Jahren 1788 bis 1790, also nach der ersten italienischen Reise Goethes, die er zwischen September 1786 und Mai 1788 unternommen hatte, und von der die autobiographische Schrift Italienische Reise (1813/17) beredt Auskunft erteilt. Publiziert wurden die Römischen Elegien 1795 in der von Friedrich Schiller herausgegebenen Zeitschrift Die Horen, wobei sich Goethe davon überzeugen ließ, einige der erotisch kühnsten und delikatesten Gedichte nicht zu veröffentlichen; sie wurden später in diverse Gedichtsammlungen und Gesamtausgaben des Weimaraners (recht zögerlich) integriert.

In die insgesamt 24 Elegien hat Goethe unterschiedlichste private wie historische, künstlerische und kulturelle Motive einfließen lassen: Sein persönliches, in Rom wahrscheinlich erstmals zu vollumfänglich-sinnlicher Sexualität erblühtes Liebesleben kommt darin ebenso wie etwa die antike Geschichte, Kunst, Mythologie und Architektur der ewigen Stadt in Versen klassischer Form (Distichen) zum Ausdruck.

In die lyrischen Schilderungen von Goethes Liebesabenteuern sind jedoch nicht nur seine konkreten Erlebnisse in Rom eingeflossen. Wenige Wochen, nachdem der Dichter 1788 aus Rom nach Weimar zurückgekehrt war, lernte er im Juli Christiane, seine spätere Lebensgefährtin und Gattin, kennen. Mit ihr ergab sich rasch eine sexuelle Beziehung, und daher sind sich die meisten Goethe-Experten einig, in der Geliebten der Römischen Elegien eine poetische Verdichtung und Synthese von Faustina (so der Name von Goethes Römischer Liebes-Bekanntschaft) und Christiane zu erkennen.

Der Begriff Elegie könnte zur Vermutung Anlass geben, es handele sich um eine Art Klagegesang; immerhin haben antike Poeten wie Tibull, Properz oder Ovid ihre Elegien bevorzugt als Ausdruck von Trauer und Resignation gestaltet. Auch Friedrich Schiller hat in seiner Schrift Über naive und sentimentalische Dichtung (1795) die Elegie als Kunstform definiert, welche die schmerzhaft-niederdrückende Erfahrung ausdrücken soll, dass Menschen ihre Heimat der Natur verloren haben und die Welt der Ideale nie ganz erreichen werden.

Obwohl Goethe mit dem Titel und dem formalen Gestaltungsmittel der Distichen (Zweizeiler) auf seine antiken Vorläufer Bezug genommen hat, demonstrierte er in den Römischen Elegien, dass sich unter dieser Überschrift auch sinnlich-erotische Themen gestalten lassen. Ähnlich weit gefasst wollte im 20. Jahrhundert Rainer Maria Rilke diesen Terminus in den Duineser Elegien verstanden wissen: Sie sind hymnische Gesänge eines ekstatischen Daseinsvollzugs. Und auch Bertolt Brecht mit seinen Buckower Elegien (1953) zielte zwar auf Skepsis und Sorge (angesichts der politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen der damaligen Zeit), nicht aber auf Resignation und Trauer ab.

Schon in die ersten Zeilen der Römischen Elegien hat Goethe ein hohes Maß an Hoffnung, Anspruch und Erwartung gelegt, was denn der Besuch von Rom für ihn bedeuten und wie sehr er ihn womöglich verändern werde: „Saget, Steine, mir an, oh sprecht, ihr hohen Paläste! / Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht? / Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern, / Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.“ Ebenfalls in dieser offiziell ersten Elegie (das ursprüngliche Anfangsgedicht An Priapus wurde von Goethe zurückgehalten) wird aber bereits das Palindrom ROMA – AMOR erwähnt, eine Buchstabenkette, die vorwärts wie rückwärts gelesen werden kann und dabei jeweils einen Sinn ergibt: „Doch bald ist es vorbei, dann wird ein einziger Tempel, / Amors Tempel nur sein, der den Geweihten empfängt. / Eine Welt zwar bist du, oh Rom; doch ohne die Liebe / Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.“

Die darauf folgenden Elegien halten gekonnt die Mitte zwischen Roma und Amor: Neben der antiken Mythologie und ihren verschiedenen Gottheiten, neben der Kunst und der Architektur der Ewigen Stadt (deren christliche, römisch-katholische Seiten Goethe geflissentlich überging) stoßen wir immer wieder auf Schilderungen erotischer Szenen, von denen man als Leser nicht den Eindruck gewinnt, dass ihr Verfasser lediglich seinen Phantasien freien Lauf ließ:

Lass’ dich, Geliebte, nicht reun, dass du mir so schnell dich ergeben!
 / Glaub’ es, ich denke nicht frech, denke nicht niedrig von dir.
/ Vielfach wirken die Pfeile des Amor: einige ritzen, / Und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz.
 / Aber mächtig befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe / Dringen die andern ins Mark, zünden behende das Blut.
/ In der heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten, / Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuss der Begier.

Goethe schildert in seinen Elegien jedoch nicht nur den von Sinnlichkeit überwältigten Dichter, der aus dem Norden kommend in eine Welt von fast selbstverständlicher Schönheit und lässiger Lebenskunst eintaucht und sich gerne dem für ihn fremden Existenzstil anpasst. Angesichts einer ihn faszinierenden Erotik und Sexualität bleibt er dennoch seiner Identität als Schriftsteller und Lyriker treu. Allerdings erlebt er dabei eine merkliche Wandlung seiner Art des Dichtens:

Froh empfind’ ich mich nun auf klassischem Boden begeistert, / Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
/ Ich befolg’ den Rat, durchblättre die Werke der Alten / Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuss.
/ Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt; / Werd’ ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.
/ Und belehr’ ich mich nicht, wenn ich des lieblichen Busens / Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab? /
Dann versteh’ ich den Marmor erst recht: ich denk’ und vergleiche, / Sehe mit fühlendem Aug’, fühle mit sehender Hand.
/ Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages;
/ Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
/ Wird doch nicht immer geküsst, es wird vernünftig gesprochen; / Überfällt sie der Schlaf, lieg’ ich und denke mir viel.
/ Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet / Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand,
/ Ihr auf den Rücken gezählt.

Wenn wir im 21. Jahrhundert die Römischen Elegien lesen, neigen wir zum Schmunzeln ob der teilweise prüde sich empörenden Reaktionen, die im 19. Jahrhundert die Publikation dieser Gedichte hervorriefen. Als die Großherzogin Sophie von Sachsen 1885 zur Erbin des Familienarchivs Goethes eingesetzt worden war, um zusammen mit einigen Fachleuten die Weimarer Ausgabe vorzubereiten und herauszugeben – jene Ausgabe von Texten, die „das Ganze von Goethes literarischem Werk nebst Allem, was uns als Kundgebung seines persönlichen Wesens hinterlassen ist, in Reinheit und Vollständigkeit darstellen“ sollte – griff die resolute Dame, ausgehend von ihren eigenen sittlich-moralischen Wertmaßstäben, zum Rotstift und hielt jene Textstellen, Worte und Gedichte Goethes zurück, von denen sie meinte, dass sie einem Klassiker nicht gut zu Gesichte stünden. Über ihre sehr eigenen (sinnlich-angeregten?) Reaktionen auf die Lektüre der zensurierten Passagen sind wir leider nur unzureichend informiert.

Doch nicht nur das 19. Jahrhundert war darauf bedacht, sich einen stubenreinen, körperlosen heiligen Goethe zurechtzubiegen, welcher die Bedürfnisse des Publikums nach Klassizität und übermenschlicher Größe erfüllen sollte, und der deshalb als vergeistigter Cephalopode (Kopffüßler) ohne Unterleib erscheinen musste. Friedrich Nietzsche hätte auf derlei Idealisierung wohl mit seinem Aphorismus reagiert: Wir schließen vom Ideal auf den, der es nötig hat. Also nicht nur im 19., sondern auch noch im 20. Jahrhundert waren manche Herausgeber von Goethes Schriften und manche Biographen und germanistischen Experten nicht frei von der Tendenz, sittlich angeblich makellose und damit von sinnlich-erotischen Textstellen gereinigte Goethe-Bilder zu zeichnen. So verzichtete der ob seiner Goethe-Kenntnisse zu Recht berühmte Germanist Erich Trunz, immerhin Herausgeber der bekannten Hamburger Ausgabe von Goethes Werken, auf den Abdruck von vier der insgesamt 24 Römischen Elegien (den Prolog An Priapus und den Epilog Spricht Priapus hinzugezählt), und auch Das Tagebuch, jenes Gedicht, in dem Goethe freimütig sowohl über seinen Impuls zu einem sexuellen Abenteuer mit einem Schankmädchen als auch über seine dabei erfolgte Erektionsstörung berichtete, sucht man vergebens in der ansonsten sehr verlässlichen Hamburger Ausgabe.

Wer sich in Bezug auf den „ganzen Goethe“ kundig machen will, erfährt auf gelehrte Weise im hier angezeigten Buch einiges über dessen Gedichte, die in den Großstädten Italiens mit induziert wurden. Darüber kann man auch zu einem im Insel-Verlag 1991 erschienen Taschenbuch greifen, dessen Titel Goethe – Erotische Gedichte nicht zu viel verspricht. Hier finden sich viele jener Textpassagen, die uns von der Großherzogin Sophie von Sachsen und anderen wohlmeinenden Herausgebern lange Zeit vorenthalten wurden.