Voilà un homme. Über Goethe, die Menschen und das Leben

 

Datum: 26.02.2019

Autor: Gerhard Danzer

Rezensent:  Gerald Mackenthun

Danzer, Gerhard (2018) Voilà un homme. Über Goethe, die Menschen und das Leben. Berlin (Springer), 308 S., € 19,99

Als Goethe 1808 in Erfurt dem Feldherren und Kaiser Napoleon bei einer Audienz begegnete, soll dieser ihn mit den Worten begrüßt haben: Voilà un homme! (Das ist ein echter Mann!). Er wollte seine Hochachtung vor jenem Dichter zum Ausdruck bringen, den er als einen der bedeutendsten Literaten Europas schätzte. Danzer ist weder ausgewiesener Goethe-Experte noch Literaturwissenschaftler, aber als Arzt und Psychologe schätzt er die anthropologischen und tiefenpsychologischen Qualitäten Goethes. Sowohl in dessen Leben als auch in seinem Werk erscheinen so gut wie alle grundlegenden Motive der menschlichen Natur und Kultur. Fast immer sind Goethes Anmerkungen und Aussagen dazu von so allgemeiner Bedeutung, dass sie sprichwörtlich wurden. Dabei war Goethe nicht nur glänzend, großartig und geniehaft, sondern trug vielfältige Dissonanzen in sich. Er gilt dennoch als einer, der diese unterschiedlichen Anteile integrieren konnten und zu einem Gesamtkunstwerk gestaltete.

Danzer, Professor für Anthropologie in Potsdam und für Psychosomatik in Neuruppin (Brandenburg) durchforstet Teile des Schaffens Goethes unter dem Aspekt, was dieser Mann uns heute noch zu sagen hat. Das gut 300 Seiten starke Buch, es erschien im Herbst 2018 im wissenschaftlichen Springer-Verlag, bestätigt in jedem seiner Kapitel, dass dies ungeheuer viel sein kann, wenn man sich auf Werk und Biografie Goethes einlässt.

Die insgesamt 17 Kapitel befassen sich – was den Leser ein wenig erstaunt – dann doch nicht nur mit Goethe, sondern macht Ausflüge zu Schiller, Erasmus von Rotterdam, Baruch de Spinoza, Immanuel Kant und Sigmund Freud. Der rote Faden ist und bleibt der der Lebenskunst und Lebensweisheit.

Neben einigen biografischen Aspekten geht Danzer auf Goethes Farbenlehre (Geschichte eines produktiven Irrtums), seine „Flucht“ nach Italien, die Römischen Elegien sowie die Werke „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, „Die Wahlverwandtschaften« und „Faust“ ein. Ein Kapitel über „Sehnsucht“ beginnt mit Goethes Sehnsucht nach »Arkadien«, um dann dieses Gefühl tiefenpsychologisch, philosophisch und anthropologisch zu vertiefen. Gleicherweise bearbeitet der Autor das Thema Langeweile und Muße, wobei er wieder deutlich über Goethe hinausgeht und das Thema unter Hinzuziehung vieler Philosophen und Dichter des 19. und 20. Jahrhunderts umfassend vor dem Leser ausbreitet. Weil Goethe auch ein exzellenter Aphoristiker war, endet dieses Buch mit einer Auswahl von Aphorismen.

Wer Goethe nun wirklich war, kann und will dieses Buch nicht ergründen. Die einzelnen Kapitel sind eine meist leichtfüßige Wanderung durch die literarische und philosophische Landschaft der deutschen Romantik und Aufklärung. Das ist alle Mal interessant und lehrreich und verdeutlicht, in welchem breiten Horizont das Bildungsbürgertum damals lebte und heute leben könnte.