Countdown. Hat die Erde eine Zukunft?

Datum: 12.01.2014

Autor: Alan Weizman

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

 

Weizman, Alan (2013): Countdown. Hat die Erde eine Zukunft? München (Piper), 573 Seiten, ISBN 978-3492054317, 24,99 Euro

Wie viele Menschen kann unser Planet tatsächlich verkraften? Was essen diese Menschen? Wie sehen ihre Unterkünfte aus, wie werden sie sich fortbewegen? Woher kommt ihr Wasser und wie viel Wasser steht überhaupt zur Verfügung? Wie viel Treibstoff ist vorhanden? Wie gefährlich sind ihre Abgase? Wie fruchtbar ist der Boden? Wie groß ist die Niederschlagsmenge? Wie viel Kunstdünger und andere Chemikalien müssen verwendet werden und welche Nachteile bringt es mit sich? Wie viel Quadratmeter Wohnfläche wird für jeden zur Verfügung stehen? Aus welchem Material werden die Häuser gebaut? Werden all diese Menschen Arbeit haben, von der sie leben können?

Diese Fragen stellt der amerikanische Wissenschaftsjournalist Alan Weisman in seinem Buch Countdown. Hat die Erde eine Zukunft? Das ist eine rhetorische Frage. Natürlich hat sie eine Zukunft, nur nicht unbedingt mit den Menschen auf ihr. Das System Erde wird bei zunehmendem Bevölkerungswachstum vermutlich nicht zusammenbrechen, aber große Teile der Bevölkerung werden in absehbarer Zukunft sterben oder leiden.

Der technische Fortschritt hat ein Paradox hervorgebracht: Je mehr Menschen dank Medizin, Elektrizität, Impfung und guter Ernährung überleben, desto schneller wuchs ihre Zahl. Der erfolgreiche Kampf der UNO gegen Malaria wird die Zahl hungernder Kinder und arbeitsloser Erwachsener in den betroffenen Ländern anwachsen lassen. Welchen friedlichen und gewaltfreien sowie weitgehend akzeptablen Weg gibt es, um den Bevölkerungszuwachs zu stoppen und eventuell sogar umzukehren? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: Ungehinderten Zugang aller Frauen zu Bildung, Verhütungsmitteln, sanften Abtreibungen und zur Sterilisierung, ferner längere Abstände zwischen den Geburten und längere Stillzeiten und schließlich Impfungen für ihre Kinder, die dann nicht mehr sterben.

Wie müsste die Ökonomie aussehen, die eine Welt von derzeit sieben und bald zehn Milliarden Menschen nachhaltig ohne ständiges Wachstum ernähren und ausstatten kann? Alle viereinhalb Minuten wächst die Erdbevölkerung um eine Million Menschen, pro Jahr um 80 Millionen. Sie alle produzieren Abfall, stoßen Kohlendioxyd aus, brauchen Nahrung, Brennstoff, Wohnraum und eine Vielzahl von Dienstleistungen. Sie brauchen Elektrizität, um ihre Handys aufzuladen und den unvermeidlichen Fernseher laufen zu lassen. Der CO2-Ausstoß nimmt unaufhörlich zu.

Zum Problem der wachsenden Bevölkerungszahl gesellt sich also das Problem des übermäßigen Konsums. Was würde es bedeuten, auf all den Plunder zu verzichten, den uns die Industrie mit viel Erfolg andreht und worauf so viele Menschen begierig zugreifen? Die Vorstellung, eine relevante Zahl von Menschen würde ihren Konsum drosseln, ist reines Wunschdenken. Es würde damit beginnen müssen, auf Werbung zu verzichten. Eine völlige Unmöglichkeit. Wenn wir alle Vegetarier wären, bräuchten wir der Meinung von Experten nach nur ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche, da der gesamte Rest zurzeit für weidendes Vieh genutzt wird oder dafür, Futter für diese Tiere anzubauen. Tatsächlich aber steigt die weltweite Nachfrage nach Fleisch.

Wir drücken uns um das Wort Zwang herum, sagt Weisman. Die meisten verabscheuen Chinas Ein-Kind-Politik und die während der Regierungszeit Indira Gandhis angeordneten Zwangssterilisierungen. Wie aber soll das angestrebte Ziel erreicht werden, gibt man den Männern und Frauen das Recht, über die eigene Kinderzahl selbst zu entscheiden? Niemand möchte hören, dass die wachsende Menschheit den Planeten ökologisch zerstört, weil die Frage, wie viel Kinder man haben möchte, angeblich der freien Entscheidung unterliegt.

Ohne die Ein-Kind-Politik hätte China heute etwa 400 Millionen Menschen mehr zu ernähren. Die Schattenseiten der chinesischen Bevölkerungspolitik sind die erzwungene Abtreibungen, Geldstrafen, die Angst der Eltern mit mehr als einem Kind vor Kontrollen und die Bestechung der Familienplanungskader. Die meisten Chinesen würden die Notwendigkeit dieser Politik gleichwohl einsehen, schreibt Weisman, obwohl Länder wie Italien, Spanien, Hongkong, Singapur, Japan und Taiwan niedrigere Fruchtbarkeitsraten ohne Ein-Kind-Politik haben.

Mit der Stabilisierung der Bevölkerungszahl kommen neue Probleme auf die Menschheit zu: Wird die Wirtschaft nicht nur auf nationaler Ebene, sondern global, irgendwann in näherer Zukunft ein „Nullwachstum” erreichen, kaum noch Innovationen hervorbringen, einen Großteil der Konsumgüter recyceln? Wie wird eine auf moderate Neuigkeiten erpichte Menschheit darauf reagieren? Wird nicht die Zahl der Unterbeschäftigten und Arbeitslosen deutlich steigen? In staatlichen Übereinkünften müsste das Recht auf Reichtum ausdrücklich negiert werden. Das Bankensystem, wie wir es kennen, würde zusammenbrechen, weil viel weniger Kredite gebraucht werden. Auf welchem Niveau soll der Lebensstandard eingefroren werden, auf dem Europas und den USA, oder auf dem von Pakistan und Kuba?

Mit den Instrumenten Verhütungsmittel, saubere Abtreibungen und Sterilisationen werden Berechnungen zufolge jährlich 218 Millionen ungewollte Schwangerschaften, 138 Millionen Abtreibungen, 25 Millionen Fehlgeburten und 118.000 Todesfälle von Müttern durch Komplikationen bei der Geburt oder durch Abtreibungen in Hinterzimmern verhindert. Die Familienplanung in den Entwicklungsländern verhindern jährlich 55 Millionen ungewollte Geburten. Würden alle Frauen in den Entwicklungsländern Zugang zu Verhütungsmitteln erhalten und autonomer über Schwangerschaften entscheiden können, würde dies eine weitere Reduktion der Geburten um 21 Millionen pro Jahr entsprechen. Die Lösung des Bevölkerungsproblems liegt in erheblichem Maße darin, eine Welt zu schaffen, in der Frauen völlig gleichberechtigt sind.

Dies ist kein Buch mit Statistiken, Tabellen und Hochrechnungen. Weisman bereiste 21 Länder und sprach mit Ökologen, Sozialarbeitern und Bevölkerungsexperten. Diese lässt er von ihren Problemen und Überlegungen erzählen. Herausgekommen ist ein widersprüchliches Kaleidoskop von Programmen und Meinungen, die die unterschiedliche Situation in den verschiedenen Ländern widerspiegelt. Die richtige Lösung muss der Leser selbst finden.