Der Menschenfeind

Autor: Moliére
Inszenierung: Deutsches Theater in Berlin (2022)
Rezensent:  Gerhard Danzer
Datum: 09.05.2022

 

Henri Bergson hat in seiner Abhandlung über Das Lachen (1900) die These vertreten, dass wir mit unserem Lachen über komisch wirkende Menschen eine Art Korrektur an ihnen anbringen wollen. Wenn sich Personen exaltiert, unflexibel, steif oder wiederholt unpassend benehmen, lachen die Betrachter über sie. Diese Reaktion bedeutet eine Aufforderung an die Betreffenden, ins mittlere Maß und Menschentum zurückzukehren.

Ein korrigierendes Lachen kann sich auf Aktionen ebenso wie auf Haltungen, Einstellungen oder Weltanschauungen beziehen. Besonders eindrücklich lässt sich dies an Alceste, der Hauptperson von Der Menschenfeind (1666), demonstrieren – ein Stück, das derzeit (Frühjahr 2022) am Deutschen Theater in Berlin zu sehen ist. Alceste wurde von Molière als ein Mann mit ehernen Prinzipien entworfen, der eine Lebenshaltung vertritt, die derjenigen seiner Umwelt beinahe zwanghaft diametral entgegengesetzt ist: Weder will er schmeicheln und mogeln wie seine Zeitgenossen, noch ist er bereit, Kompromisse im Umgang mit ihnen zu machen. Weil diese Absolutheit Alcestes prinzipiell in allen Situationen zum Tragen kommt, wirkt sie oft komisch und bisweilen aber auch tragisch.

Der moralisierende und misanthropische Alceste verliebt sich nun in die deutlich jüngere Célimène, die er mit seinem Rigorismus für sich gewinnen will. Die junge Dame, die ihrem Alter gemäß mit diesem oder jenem Müßiggänger flirtet, findet den eigentümlichen Alceste zwar interessant, hütet sich aber davor, mit ihm in die von ihm hoch gepriesene Einsamkeit zu entschwinden. Als sich herausstellt, dass Célimène sowohl an Alceste als auch an Oront (ein anderer Bewerber um ihre Gunst) eindeutig-zweideutige Briefe geschickt hat, wird sie von beiden zur Rede gestellt und soll endlich offen Farbe bekennen. Anders als der radikale Alceste, der mit seiner rigiden Moral zum Menschenfeind wird, reagiert die junge Dame taktvoll und einfühlsam:

Mich dünkt, man sollte, was den einen kränken muss,
Doch wohl verschweigen in des andern Gegenwart.
Auch ohnedies gibt Liebe ja sich kund und wirft
Den Leuten nicht sogleich den Fehdehandschuh hin.
Weit schonender bringt man es einem Freier bei,
Dass sein Bemüh’n auf keine Gegenliebe stößt.[1]

Nicht der auf unbedingte Ehrlichkeit pochende Alceste, sondern die nur scheinbar oberflächliche Célimène verkörpert zum Schluss eine Haltung der humorvollen Mitmenschlichkeit, und ihr gilt schließlich auch die Sympathie des Autors. Ethisch hochstehende Gesinnung zeigt nicht jener, der sich auf Recht und Gerechtigkeit beruft; in Molières Dramen (wie etwa im Menschenfeind) überzeugen bezüglich ihrer Moral vielmehr die wahrhaft Liebenden, die zur Generosität, Toleranz und Wertempfindung imstande sind.

Die Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin (Regie: Anne Lenk) imponiert durch ihre konzentrierte und reduzierte Spielmanier, die im Bühnenbild (Florian Lösche) eine konsequente Entsprechung findet. Die Schauspieler – allen voran in der Rolle des Alceste dürfen wir Ulrich Matthes bewundern – agieren ganz ohne Requisiten und vertrauen auf die elegante Sprache Molières sowie auf die eigenen mimisch-schauspielerischen Fähigkeiten und Talente. Kein Wunder, dass diese Inszenierung mit dem Friedrich-Luft-Preis 2020 ausgezeichnet wurde und sowohl zum Berliner Theatertreffen 2020 als auch zum Hamburger Theater Festival 2020 eingeladen worden war.

 

[1] Moliere: Der Menschenfeind (1666), in: Komödien, München 1993, S. 439