Der Stift und das Papier – Roman einer Passion

Autor: Hanns-Josef Ortheil
Verlag: Luchterhand Literaturverlag, München 2015, 384 Seiten
Rezensentin: Judith Riester
Datum: 18.12.2022

 

Hanns-Josef Ortheil (geboren 1951) schreibt im Erwachsenenalter den Roman über seine geistige Erweckung in der Schulzeit. Da er nicht in Vergangenheitsform schreiben kann, hilft es ihm, in das Kind zurückzukehren, das er einst war. Es tauchen, ähnlich wie bei Proust, Reminiszenzen auf, Gerüche, Farben, Klänge, die die kindliche Atmosphäre wieder hervorrufen. Diese Atmosphäre wirkt einladend, warm und ansteckend. Ortheil ist überzeugt, dass sich die Vergangenheit in Form der Kindheit bei den meisten Menschen auflöst und vom späteren Leben trennt. Zweiteres wird zutreffen, aber irgendwo in uns ist sie doch gespeichert: in Vorlieben und Abneigungen, im Körper, im Geist, in der Seele.

DIE JAGDHÜTTE DES VATERS

Hanns-Josef erwarb vorerst keine eigene Sprache, da er vom 4. bis zum 7. Lebensjahr nicht sprach und sich selten unter Gleichaltrigen aufhielt. Die Wörter, die er zu hören bekam, sagten ihm nichts. Er hatte Mühe, die Überfülle, die er in der Schule zu hören bekam, zu sortieren und zu ertragen (10). In der Schulklasse hatte er sich zurückgezogen und wurde kaum beachtet oder angesprochen, zum Teil wie Luft behandelt. Der Schwall an Wörtern, die in einer Stunde auf ihn einströmten, überforderten sein Gehirn. Der Lehrer hatte am Anfang gesagt, er sei noch nicht so weit und brauche noch etwas Zeit, aber die Kinder hielten ihn für dumm und blöd, einen Idioten. Manches Mal nannten die Schulkameraden ihn „dummer Schisser“ (12). Er sollte in eine Sonderschule.

Später, als Erwachsener, sitzt er in der Jagdhütte seines Vaters und überlegt, dass er aus der Not heraus ein guter Beobachter wurde und sich vieles ganz genau „gemerkt“ habe. Er habe viele Szenen und Ereignisse aus diesen Kinderjahren noch im Kopf und könnte über ein solch stummes Kind, das die Welt so eigen wahrnimmt und zu begreifen versucht, einen ganzen Film drehen. Jedes Kind bewahre ein großes Geheimnis, das es selbst nicht ergründen könne. Es entziehe sich fordernden Erwachsenen mit Stolz und Trotz, es drifte in eine andere, ganz stille Welt hinüber, in der andere Verhaltensweisen oder Regeln gälten. Es wähle immer weniger Beschäftigungen für sich aus, was aber nicht bedeute, dass ein solches Kind faul oder dumm wäre: „Je länger das Stumm-Sein dauert, umso weniger bekommen die Erwachsenen von diesen neuen, anderen Welten noch etwas zu fassen. Es kann sein, dass sie das stumme Kind überhaupt nicht mehr erreichen … “. Ortheil deutet an, dass diese Phantasiewelt autistisch werden kann. So weit sei es bei ihm nicht gekommen. Er habe mit seinen Eltern „normal“ zusammengelebt und gesprochen, tagsüber sich an der Seite der Mutter und abends beim Vater aufgehalten. Daneben habe er in seinen eigenen Welten gelebt.

Ortheil fragt sich in seinen Erwachsenentagen – ein Großteil meines Schreibens besteht darin, darauf einige Antworten zu finden – was in seinem Hirn passierte, während er nach den Regeln der Phantasie oder der Träumereien lebte. (14)
Ich habe nämlich den Verdacht, dass vieles von diesen stummen Tagen noch in mir steckt und dort ein eigenes Leben führt. … Die Jahre, in denen ich nicht sprach, erscheinen mir … wie eine auch unheimliche Zeit. Diese Zeit der Krankheit sei noch unerforscht. Mit seinem Schreiben will Ortheil, so scheint es, die innere Welt des teil-mutistischen Kindes, das er war, einigermaßen ausleuchten und erforschen. Und er will wissen, was heute mit ihm passiert, wenn er hochgradig aufmerksam und gespannt, dann wieder vollkommen versponnen und weltabgewandt ist. (15) Die Jagdhütte seines Vaters ist vorzüglich geeignet, zu den Ursprüngen seines Begreifens zu gehen, und er spürt die Kraft, die so ein beständiger Raum ausübt, der lange aufgesucht wurde: Er setze sich und es ströme etwas von der Ausdauer, der Geduld und dem Fleiß in ihn zurück, die er sich als Kind angeeignet habe; das Schreiben werde zu der einzigen Art, mit der Welt verstehend und intensiv in Kontakt zu treten. Er schreibt jetzt, um über den einzigartigen Unterricht seiner Eltern, vor allem über die vielen, teils genialen Ideen des Vaters dazu zu berichten. Er sei ab dem sechsten, siebten Jahr in die sich fortsetzende „Schreibschule“ der Eltern gegangen, deren Dokumente der Vater in der Hütte aufbewahrt hat. Mit dem Vater habe er ein Duo gebildet analog dem Duo mit der Mutter beim Klavierspielen: Nichts Trennendes, kein Unmut, keine Aufdringlichkeit, kein Drängen – und niemals auch nur eine Spur von Ungeduld. Schau, wir nehmen jetzt dieses Papier und diesen Stift, schau mal, wie ich das mache … ich höre meinem Vater zu, ich bin sehr geduldig. (17f.) Der Junge genießt die Anlehnung an einen Erwachsenen. Es ist mehr als Imitation, die ihn motiviert.

ERSTE LINIEN

Der Vater mag nur klassische Musik und davon nur Ausgesuchtes (93). Die Präludien von Bach flüstern jetzt bis in die letzten Ritzen der Hütte, daher sind Papa und ich nicht mehr ganz allein und trotzdem ungestört. Der Vater rollt eine große Rolle Pauspapier auf der leeren Arbeitsplatte aus. Der Junge probiert diverse Bleistifte aus und lernt, sie zu spitzen. Es gibt einige Vorübungen, dann beginnen die Aufgaben zum Kennenlernen von unterschiedlichen Bleistiftstrichen, die der Vater mit Einsatz von Körpersprache (21, 33) einführt: Der Junge soll hauchdünne Striche mit jedem Stift ziehen. Der Vater macht es vor und zeigt, was auf jedem Stift steht, das wird dann daneben geschrieben. Der Junge füllt eine ganze Reihe untereinander stehender Striche wie bei einer Treppe oder einem Weg aus. Sie werden immer weniger wackelig und grob. Am Ende bezeichnen sie das: Der Weg von dick nach dünn … von laut nach leise … von stark nach schwach (21); sie benennen eine Entwicklung von grob nach sublim.

Nach den Linien kommen Kreise dran, die der Junge willig übt. Der Junge fühlt sich beinahe wie ein richtiger Maler, der sich keinen Fehler erlauben darf. Linien ausradieren gehe nicht, denn Vater möge das Radieren nicht. Man streiche durch oder fange neu an, statt herumzuschmieren. (Pfui Deibel!) Es scheint, dass der Junge das sofort übernimmt. Ich werde an das Goethezitat erinnert: Man lernt nur von dem, den man liebt. In seiner Freizeit spielt Hanns-Josef z.B. mit Schnips-Gummis, indem er sie bewertet. Sie bekommen nach und nach Namen und wandern in die linke Hosentasche. Der letzte bekommt keinen Namen, sondern wird nur „Dummer Schisser“ genannt. Aber nur für die Dauer dieses einen Spiels. (24) Der Junge reagiert sich ab, bleibt aber gegenüber den für ihn belebten Dingen „gerecht“.

ABZEICHNEN

Der Vorgang des Abzeichnens wird beschrieben. Jeder Bleistift ist anders. Ortheil beschreibt Empfindungen, kinästhetische Merkmale wie langsam, schwungvoll, kratzend, schabend, stochernd und den körperlichen Vorgang des Schreibens. Der Junge probiert auch andere Schreibgeräte wie Kuli oder Füller. Sie sind für das Pauspapier nicht geeignet: Kuli schmiert, die Tinte kleckst und verläuft, blutet leicht … und wenn man mit ihm einen Kreis zeichnen will, eiert der Kreis und wirft Tintenschuppen nach allen Seiten. (25) Es entsteht eine ganze Himmelszeichnung, die eingerollt und mit einem Schnips-Gummi versehen ins Regal abgelegt wird. Der Junge fühlt sich ernst genommen, als hätten wir angefangen, an einem großen Werk zu arbeiten … (26). Beginnt eine neue Aufgabe, werden die Vorbereitungen zelebriert und zu etwas Spannendem. Die Aufgabe, „schmackhafte“ Gemüsesorten abzuzeichnen (durchzupausen), ist verbunden mit neuen sprachlichen Anreizen – Hanns-Josef kennt sie noch nicht alle – und führt zu sprachlicher Erweiterung (27, 35) und zu einem spontanen Imbiss im Keller des nahen Wohnhauses! Auch wecken sie neues lebenspraktisches Interesse: sind kleine Blättchen, Fasern, Fäden oder Stängel essbar oder nur lästiges Beiwerk, Zottelkram? Der Junge isst einige wenige Radieschen. Die verschrumpelten Radieschen erinnern ihn an rot-weiße Marsmenschen, die sehr durstig sind. (Wieder erwacht die eigene Welt: Dinge sind vermenschlicht.) Der Vater genießt es sichtlich und hörbar. Der Junge wird zu anderen Gedanken angeregt, er wäre gern ein Jäger (30).

DIE GESTALT EINER SEITE

Während der Schreibstunden essen und trinken Vater und Sohn nicht. Der Vater ist überzeugt, dass man das nicht überall und an jedem nur denkbaren Ort tun solle. Aber beide hören jedes Mal leise Klaviermusik, Bach oder Händel. Ein ganzes Orchester würde ablenken und ein großes Spektakel aufführen. Der Vater gibt seine lebenspraktischen Erkenntnisse weiter, setzt Grenzen und ermöglicht somit eine bessere Konzentration (31, 37). Die grundsätzliche Methode des Vaters besteht darin, ausgehend von den bewältigbaren Aufgaben (28) dem Jungen zu empfehlen, sich selbst ähnliche Aufgaben auszusuchen und langsam wie bisher auszuführen (32). Entsprechend seiner Phantasie sucht Hanns-Josef sich Wildtiere zum Abmalen aus. Einige Zeit später denkt sich der Vater eine neue Aufgabe aus. Beobachtungen festzuhalten und nebenbei Wissen zu erweitern (mit Erklärungen und Körpersprache) kommen hinzu. Ebenso Schulung im differenzierten Wahrnehmen und bildhaften Beschreiben sowie im selbstständigen Benutzen eines Bildwörterbuches (Bsp. Cirrus-Wolken, 34). Die Autonomie wird gestärkt, indem zwar Arbeitsanweisungen gegeben werden – Tiere von ganz verschiedenen Seiten – aber der Junge möge sich aussuchen, was ihn interessiere! Gleichzeitig vermittelt der Vater dezent Bildung – Archiv, Reflexion. Definitionen werden aufgeschrieben, und mit Hilfe bewährter Merkhilfen werden neue Erkenntnisse festgehalten (36).

DAS SPIEL DER KRÄFTE

Ortheil schlüpft in das Kind beim Schreiben. Wie früher gelingt ihm Konzentration mit Hilfe von leiser klassischer Musik. (31,37) Er hat Reminiszenzen an die Kleidung des Vaters, an Szenen, die sich ereigneten. Er werde wieder zu dem Kind, das er einst war, und gleichzeitig wolle er dieses in all seinen Reaktionen und Gefühlen genau erforschen und aus seiner Welt der Zurückgezogenheit hervorlocken (38). Er sehe, dass das Kind durch die Schreibschule aufzuleben beginne. Es fühle sich – anders als in der Schule – sicher und nicht bedroht, dürfe Fehler machen oder auch still sein. Es möge die Schreibschule, wolle nicht mehr träumen, sondern genau zuhören und einiges verstehen, was ihm allmählich gelingt. Abgezeichnetes, Worte und Laute bilden im Vergleich zu vorher einen klaren Zusammenhang: Der Junge verwechselt die Worte nicht mehr, z.B. Reh mit Küken (39). Er kann Worte, so als trügen die Dinge oder Lebewesen ein Schildchen mit ihrer Bezeichnung, beherrschen. Das Zurechtfinden in der Welt ist gewährleistet, und man gehört zu den Menschen dazu, kann ihre Reaktionen wie Nicken, Antworten, Freude oder Streitlust erkennen.
Allerdings schalte sein Gehirn noch häufig um, wenn er danach nach draußen gehe. Luft, Erde, Himmel, Pflanzen und Tiere benötigten keine Sprache, und man sei ihnen auch so nahe (40). Im Gras liegend habe er den Flug der Vögel (Habicht? Sperber? Falke?) beobachtet: sie waren frei, man brauchte sie nicht zu benennen! Sie machten mir vor, wie man ohne Worte auskam, fliegend, einfach so, ohne Ordnung und ohne Belehrung … So spürte ich noch einen starken Rest der stummen Zeit. Sie war nicht verschwunden und ließ sich nicht rasch beseitigen, sondern mischte sich weiter ein und meldete sich (41). Manchmal gibt es deutlichen Widerstand: Ich sollte das alles lassen oder losgehen, weit weg. Ortheil berichtet von starken Ambivalenzen in dieser Zeit, einerseits zupackend und willig lernend, andererseits habe es Sehnsucht nach der stummen Zeit gegeben, in der alles viel einfacher gewesen war. Beide Pole seien stark gewesen, und er habe täglich wie vor einer Alternative gestanden.

DIE ERFINDUNG EINER CHRONIK

Hanns-Josef beschreibt jeden Tag einen quadratischen Bogen Papier, beginnend mit Wochentag und Datum. Er schreibt Ereignisse aus der Umgebung auf oder versieht die Bilder von Zeitungsmeldungen mit seinem eigenen Text. Die Bilder sollten laut Vater klein, auf keinen Fall dominant auf der Seite sein. Es entstünde eine Zeitung mit Meldungen aus seinem Leben. Als ein Fußballer nach Duisburg geht, notiert der Junge neben dem Bildchen: Wieviel Einwohner hat eigentlich Duisburg? Der Vater lacht und meint, das sei eine „Blitzidee“. Beide finden die Frage nicht wirklich interessant, aber die Bestimmung einer Blitzidee, das merkt sich Hanns-Josef: Blitzideen müsse man in Ruhe lassen und nicht abtöten. Sie wollten für sich stehen. Der Junge denkt öfter über diesen Satz nach. Der Vater überlässt dem Jungen, was er in seine Zeitung aufnehmen will. (Der Satz über Duisburg kommt noch in ein Wochengedicht.) Er übernimmt die Idee seiner Mutter, dass er die Klavierstücke aufschreiben könne, die er gerade mit ihr übe. Oder er schreibt das Wetter auf; das, was er gegessen hat; das, was er gespielt hat. So entsteht eine Chronik (wenn man die Blätter hintereinander liest), indem der Vater die Tages-Seiten aufeinander in das Regal legt. Der Stapel wächst und wächst. Wenn ich die Jagdhütte betrete, schaue ich immer zuerst zu diesen Stapeln. Sie machen mir Mut, sie spornen mich an, sie flüstern mir zu: weitermachen, nicht aufgeben. (46)

WAS DIE ANDEREN REDEN

Die nächste Aufgabe besteht im Erinnern und Aufzeichnen von kleinen Alltagseindrücken. Die Mama des Jungen ist zuweilen leicht erbost, dass er nicht mehr so viel zum Spielen ins Freie kommt, (das sagt sie immer wieder, ich kann es schon kaum noch hören). Der Papa sagt dann: „Spielen kann er noch lange genug. Erst machen wir das hier fertig.“ Später geht der Vater sofort ins Wohnhaus, um der Mutter zu erklären, warum er die gesammelten Sätze aufschreiben sollte. Während er wieder einmal draußen spielen soll, als er mit der Mutter die Oma im Dorf besucht, legt er sich einfach ins Gras und betrachtet eine riesige Buche mit ihren „Kolonien und Trupps“ von fetten Buchenblättern. Was würden sie sagen, wenn sie reden könnten? Die Blätter in der Mitte würden sich beklagen, da sie sich so drängeln müssen und kaum Sonne abbekommen. Den Blättern ganz oben geht es viel besser. Sie sehen den Himmel und haben immer etwas Neues zu sehen. … wir aber hängen ein Leben lang herum und fallen dann ab, ohne jemals etwas von der Welt gesehen oder etwas auf ihr erlebt zu haben. (52) Eine kleine Geschichte ist entstanden und wird später aufgegriffen. Hanns-Josef fragt sich, woher die Sätze kamen, die er gerade hörte oder las. Er habe sie sich nicht ausgedacht, sie seien von allein gekommen und einander gefolgt, als würde er sie nachsprechen oder ablesen. Er wird sich bewusst, dass sie in seinem Kopf entstanden sein müssen, bleibt aber unschlüssig, woher sie kommen und warum sie entstehen (53). Als der Junge noch andere Stimmen aus dem Dorfladen wiederhört, läuft er zurück ins Wohnhaus und legt sich auf das Sofa. Wenn Mama Klavier spielt, hören die fremden Stimmen auf mit dem Erzählen und Reden.

WOCHENGEDICHTE

Die Idee der Chronik empfindet Ortheil genial: Sie ist eine der wichtigsten Ideen meiner kindlichen Schreibschule, durch die ich ein deutlicheres Empfinden von Zeit erhielt. Die Tage … wurden bewusster erlebt. (54) Jeder Tag wurde dadurch einzigartig, zu einer Besonderheit mit Zeitkolorit. Um dieses Besondere zu spüren, mussten die Tages-Seiten noch einmal durchgesehen werden, was anfangs wöchentlich passierte. Erstaunlich, wieviel schon wieder vergessen war, aber auch, wie sich die Erinnerung in Form von Gerüchen und Klängen des betreffenden Tages wieder einstellten. Während Hanns-Josef die Seiten durchgeht, hat sein Vater wieder einen fabelhaften Gedanken: Der Junge solle ein Wochengedicht schreiben, indem er einige Sätze aus der Woche aufschreibt. Dabei soll er die langen Sätze auf zwei Zeilen verteilen, was sich besser lesen lasse. So entsteht:

Die Zirruswolken sehen aus
Wie weiße, verkrumpelte Betttücher.
Großmama sagt: Hol uns doch in dem Schälchen
Ein paar Kugeln Eis mit Sahne.
Wie viele Einwohner
Hat eigentlich Duisburg?

Da die Wochengedichte auf einen Extra-Stapel mit Schildchen ins Regal kommen, lernt der Junge neben der Form eines Gedichts dabei gleich noch Ordnungskriterien kennen. Ortheil schreibt, dass dadurch das Erinnern angeregt wurde und er es durch das erneute Lesen abrufen konnte: So erhielt die sonst nur blass oder beinahe leblos vergehende Zeit eine weitere Gestalt und Formung (57f.) Er habe begriffen, dass alles Erlebte Stoff für das Schreiben war. Die Gliederung von Sätzen wurde ihm klar, indem er sie in Glieder umformte. Und er bekam ein Empfinden für das Gelingen, für die Schönheit bestimmter Zeilen und von Zeiten. Diese Zeitmomente konnte man anhalten und wie Zeitinseln wieder aufsuchen, überschauen und verstehen. (59, Erinnerungsarbeit) Ohne Tagesnotizen fühlte sich Hanns-Josef nun unvollständig und „schreibhungrig“. Sowohl die Tages-Seiten als auch die Wochengedichte machten ihm das Schreiben zugänglicher. Es öffnete sich … Ich quälte mich nicht damit herum … Schließlich war das, was vor meinen Augen entstand, nichts Fremdes, sondern etwas, das ganz und gar zu mir gehörte … ich wurde aufmerksam auf jede Kleinigkeit. (60) Auf die Frage seines Vaters gibt er an, nicht so sehr über sich, sondern über das erstaunt zu sein, was er alles so schreibe (61). Das Schreiben mache ihm großen Spaß.

DIALOGE UND SZENEN

Der Vater kündigt an, dass es noch weitere Rückblicke gebe, aber vorerst reiche es, dass die Wochengedichte und Zeichnungen aus dem Bildwörterbuch die Tages-Seiten ergänzten. Ziel sei das genaue Zuordnen von Bild und Wort, die Erweiterung des Wortschatzes. Dass der Vater sich noch viele Gedanken dazu machen wolle, selber keine Ahnung habe, glaubt ihm der Junge zunächst nicht. (ebenso wie auf S. 68 wird klar: Er macht work in progress.) Er verspricht dem Jungen, mit ihm in eine große Buchhandlung in Köln zu gehen, nicht in eine Dorfbuchhandlung und nicht in eine Leihbibliothek. Er habe da so seine Ideen, wolle sie noch nicht verraten, denn er sei noch nicht so weit. Es wird deutlich, der Vater macht sich transparent, auch er ist „unfertig“. Dann spricht der Vater von der Methode des Ausbauens der Wochengedichte, aber wie? Bei seiner zündenden Idee schlägt er mit der flachen Hand auf die Tischplatte: „Eigentlich kann man alles ausbauen, einfach alles.“ So ist die nächste Aufgabe, sich im Dorf nicht nur zu merken, was jemand gesagt hat, sondern was jemand anderes darauf geantwortet hat. Die Begriffe Dialog und Szenen kommen ins Spiel. Hanns-Josef sammelt kleine Wortwechsel im Dorf. Alsbald wird unterschieden zwischen Allerweltsdialogen und gelungenen, in denen etwas Besonderes oder Persönliches gesagt wird. Die Anforderungen werden damit erhöht. Der Junge lernt, genau hinzuhören – früher war ich „abgetaucht“ – und zu unterscheiden. Durch ein Beispiel kommt wenig später noch der Knister-Dialog zur Sprache: In Knister-Dialogen stehen sich zwei Menschen gegenüber, die einander herausfordern, so dass es zwischen ihnen zu knistern beginnt. Sie mögen sich nicht, oder sie bekommen Streit, ein kleines Feuer entsteht und muss dann wieder gelöscht werden. (67, der Junge lernt einiges über menschliche Kommunikation.) In der Dorfbuchhandlung will die Verkäuferin dem Jungen Disney-Hefte schmackhaft machen. Es entsteht ein Knister-Dialog zwischen der Mutter und der Buchhändlerin. Welche Dialoge es denn noch gebe? Der Vater weiß es nicht, wenn der Junge sie präsentiere, würden sie sie genau untersuchen. Er wird in eine gemeinsame Forschungsaufgabe einbezogen.

ETWAS ANDERS SAGEN

Der Vater sei von der Idee des Ausbauens des Sprachvermögens durch den Wortschatz wie besessen. Die Mutter will, dass er mehr draußen spielt. Hanns-Josef findet das langweiliger als zu schreiben, und Spielen ist doch eigentlich nur interessant, wenn man mit anderen Kindern spielt (69). Im Duden steckt Hanns-Josef den Finger zwischen zwei Seiten, und sie suchen die interessantesten oder für den Jungen unbekannte Wörter heraus. Sie sprechen über harsch, haschieren, Haudegen. Bei Haudegen ist Hanns-Josef auf der richtigen Fährte: ein Mann, der mit einem Degen um sich haut? Der Vater ergänzt, dass es sich um einen älteren Mann handelt, der schon viel mitgemacht hat, „sturmerprobt“ ist und sich dabei bewährt hat. Der Junge schlussfolgert, dass vielleicht Petrus ein Haudegen war: In der Bibel steht doch, dass er einem Knecht das rechte Ohr mit dem Schwert abgehauen hat. Brillant. Petrus war „ein Haudegen“. (71) Die Wörter, die sie auf diese Weise bestimmt haben, kommen wieder auf besondere Seiten. Sie schreiben nur die Wörter hin, denn die Erklärungen soll der Junge im Kopf behalten. Er soll sie aber von Zeit zu Zeit vornehmen und sich ins Gedächtnis rufen, was sie zu jedem Wort gesagt haben, „memorieren“. Hanns-Josef versteht. Das Ausbauen ginge auch noch auf andere Weise. Man könne darüber sprechen, wie ein Wort auch sonst noch verwendet werde. Ein Handgelenk kann man zum Beispiel anfassen, oder „etwas aus dem Handgelenk machen“ Das bedeutet, ich mache etwas ganz leicht und ohne jede Mühe. Wenn Papa und ich die gerade gelernten Wörter zusammen wieder verwenden und uns mit ihnen unterhalten, macht das so richtig Spaß. … das ist … sehr lustig. (73) Solche Dialoge und Übungen entwickeln sich jedoch, ohne dass Papa etwas ahnt, in meinem Kopf weiter. Ich höre ihnen zu, wenn sie in meinem Kopf wie „aus dem Handgelenk“ entstehen. … Das ist so etwas wie eine Revolution, aber eine im Stillen und damit eine verborgene.

ERSTE GESCHICHTEN

Hanns-Josef differenziert, wann in seinem Kopf Geschichten entstehen, wann nicht und wann Reste der Geschichten in ein Gespräch z.B. mit der Mutter hinüber wandern. Es ist der Prozess von Reflexion und Bewusstwerdung dessen, was passiert. Sie hält dann den Unterricht für zu anstrengend und verwirrend. Hanns-Josef antwortet: Ich bin überhaupt nicht durcheinander, ich bin nur nicht gut geordnet. Nach solchen Knister-Dialogen müsse er das Haus verlassen und so tun, als spiele er im Freien. Der Wald ist die Zone der großen Beruhigung. Die meisten Menschen (vor allem die Erwachsenen) denken, der Wald sei langweilig. … Für Hanns-Josef ist er eine Art Stadt mit vielen Lebewesen, aber eine ruhige, eine in Zeitlupe. Dann gehe es in seinem Kopf los mit durcheinander purzelnden Wörtern. Aber sie haben mit den Dingen und Lebewesen im Wald zu tun. Geschichten entstehen innerhalb einiger Minuten. Gerate er ins Stocken oder Grübeln, stimme etwas nicht, und die Geschichte breche in sich zusammen. Dann höre er auf, weiter an sie zu denken. (76) Teile davon tauchten zuweilen woanders wieder auf, was unecht sei. Er will die auf diesem Weg entstandenen Geschichten vorerst niemandem zeigen oder erzählen, es seien seine, aus dem Handgelenk entstandenen Geschichten. Sie sind keine Übungen, wie er sie in der Schule macht, sie sind Erzählungen, die mit der Natur zu tun haben, die in vollkommener Freiheit entstehen. … sie keimen in mir, wachsen ein kleines Stück, gehen durch mich hindurch wie ein Windstoß. Die Geschichten seien kleine Freiheitssprünge. In ihnen lasse er die Wörter sich zusammen gesellen, sich wieder trennen, ein wenig tanzen … und sich in Luft auflösen. Tun sie es nicht, enden die Geschichten zu schwer. Mit einem harschen (unbefriedigend groben) Ende. … sie tun, als wollten sie einem drohen. Hanns-Josef ahnt, dass all diese Geschichten etwas mit seinen stummen Jahren zu tun haben. Sie müssen etwas mit Sehnsucht nach Freiheit zu tun haben, Sehnsucht, keinen Regeln folgen zu müssen. Anders denken und fühlen zu dürfen als die anderen. Weitab von allem Getöse in großer Stille etwas hervorzubringen (79). Sind sie eine Fortsetzung dieser stummen Jahre? Lassen diese sich überwinden? Jedenfalls habe er sie aus seinem Kopf abgeschrieben, von nirgends sonst. Will jemand so etwas lesen? Ich weiß es nicht, und es ist mir auch herzlich egal. Ich jedenfalls will so etwas lesen, ganz unbedingt, ich will lesen, was mein Kopf mit mir und all dem Gelernten und Geübten tut. Bisher bin ich mein einziger Leser. Aber das kann sich rasch ändern (80). Diese Passage ist eine Art Selbstvergewisserung. Es spricht für Neugier, für ein Empfinden für das Schöne und Besondere. Und für ein Wertgefühl für sich selbst.

Im Folgenden geht es um die Rückkehr nach Köln und das Finden eines geeigneten reizarmen Raumes für Hanns-Josefs Schreiben. Die Mutter steigt mit ein und ermutigt den Jungen, über Musik zu schreiben. Man könne Musik auch sehen, was die meisten Menschen nicht wüssten, wenn sie nur wie die Ochsen auf die Musiker starrten. Ortheil beschreibt, wie ihm das Schreiben zum Bedürfnis und zur Kraftquelle wurde: Das Schreiben war mir nicht mehr fremd, ich hatte vielmehr schon einiges von seinen Magien begriffen …spürte diese Magien am eigenen Körper. Schritt für Schritt wurde ich vom Schreiben gefangen genommen, und zwar so, dass das Schreiben wie ein eigener Motor und wie eine alles beherrschende Kraft in ihm zu wirken begann. Das Schreiben sei zu einer Passion geworden. Dass es dazu werden konnte, habe mit seiner weiter lebenden Angst zu tun gehabt: mit der Angst, die Sprache und das Sprechen wieder zu verlieren und für immer das Dasein eines Idioten führen zu müssen, der von fast allen Menschen (nur nicht von den Eltern) gehänselt, beschimpft und verachtet wird.

Diese Angst spielte in einer Prüfungssituation in der Schule nach den Ferien eine ziemliche Rolle. Die Anwesenheit des Vaters, der mit der Gewissheit und dem unbedingten Glauben an seinen Sohn ausgestattet war, dass Hanns-Josef nun gut präpariert war, verhinderte Schlimmeres. Letztendlich war der Lehrer verblüfft über die Geübtheit und Improvisations-Fähigkeit des Jungen, und deshalb mutet diese Prüfung wie eine riesige Genugtuung an, auch für den Leser im Namen Hanns-Josefs und seines Vaters. In den Ferien noch hatten sie belanglose Geschichten umgeschrieben, so dass die Protagonisten etwas Unerwartetes erlebten im Vergleich zu dem dürftigen Zeug in manchen Schulbüchern. Nach der Erfahrung der Prüfung sprach der Vater eindringlich davon, dass Hanns-Josef die Aufgaben in der Schule erfüllen solle, mehr nicht. Die schwierigen, richtigen Aufgaben gebe es in der Schreibschule, und der Junge könne jederzeit aufhören, wenn ihn die Lust dazu verließe.

Eine Neuerung und Erweiterung bestand darin, draußen zu schreiben. Zuerst wird der Junge vom Vater begleitet – sie unternehmen Expeditionen und eine Reise entlang der Mosel – später schreibt er über Fußball und Musik und Essen kochen. Erwähnenswert ist, dass der Gefühlsausdruck zwischen Vater und Sohn möglich ist. Hanns-Josef erkennt Ärger bei seinem Vater an einer gewissen Wortwahl (90), sie sprechen über Erlebnisse, die Gefühle wie Freude oder Angst, auslösen können. Und der Vater kann ihm z.B. nach einem sehr nahen Moment (184) eine gewisse Autonomie und Wehrhaftigkeit vermitteln. Mit Fug und Recht kann gesagt werden, dass der Vater mit einer guten Portion Unabhängigkeit und Vernünftigkeit im Hintergrund genau den richtigen (quasi therapeutischen) Ton gefunden hat, um das erkannte Talent bei Hanns-Josef bei allen seinen sonstigen Defiziten zu hegen und zu pflegen – und das immer unter Einbezug der kindlichen Selbstreflexion. Mit dem Schreiben hat Hanns-Josef ein mächtiges Defizit bei sich selbst überwunden (353) – er ist jetzt mit der Vergangenheit und den stummen Jahren sehr verbunden. Jetzt aber ist das Vergessen vorbei (127).