Verlieren und Gewinnen

Datum: 13.10.2020

Autor: Sutan Takdir Alisjahbana

Rezensent:  Dorothea Rutkowsky

Über Sutan Takdir Alisjahbanas Roman „Verlieren und Gewinnen“

In dem Roman „Verlieren und Gewinnen“ von Sutan Takdir Alisjahbana aus dem Jahr 1978, in deutscher Übersetzung 2018 erschienen, wird die Geschichte und der Verlauf des Zweiten Weltkrieges aus indonesischer Perspektive geschildert. Diese Sichtweise ist für uns Europäer deshalb interessant, weil wir in der Regel kaum etwas über die damaligen Ereignisse in diesem Teil der Welt wissen. Für uns ist der Zweite Weltkrieg vor allem ein europäisches Phänomen und der Angriff der Japaner auf Pearl Habour gewöhnlich nur deshalb in unserem Bewusstsein, weil er für den Eintritt der USA in das Kriegsgeschehen steht.

Sutan Takdir Alisjahbana war Philosoph, Schriftsteller, Linguist. Geboren 1908 in Natal/Süd Tapanuli auf Sumatra, gestorben 1994 in Jakarta war er einer der bedeutendsten Intellektuellen Indonesiens, Mitglied des ersten indonesischen Parlaments sowie eine herausragende Figur in der Geschichte seiner Literatur und kulturellen Denkens. Alisjahbana veröffentlichte neben vielen Gedichten, Romanen und literarischen Aufsätzen auch wissenschaftliche Schriften aus den Bereichen Sprache, Philosophie, Sozialwissenschaften und Humanismus.

Der vorliegende Roman beginnt mit dem Ende der holländischen Kolonialmacht durch die japanische Besetzung 1942 und endet mit der Unabhängigkeitserklärung der politischen Führer und späteren Staatsmänner Sukarno und Hatta. Dieser Roman ist d a s literarische Manifest der indonesischen Unabhängigkeit schlechthin, geht aber weit über das kriegerische und politische Geschehen hinaus. Gedanken der Aufklärung stehen neben javanischer Mystik und ausführlichen Überlegungen zur japanischen Shinto und Samurai-Tradition.

Darüber hinaus ist der Roman ein sehr persönliches Vermächtnis Alisjahbanas, „es ist … die Sum me all seiner Erfahrungen, seines Wissens und seiner Weisheit, die er im Laufe seines langen Lebens gesammelt hatte und die er seinem Land, das er liebte, und der Welt, die er in diese Gefühle einschloss, als Vermächtnis einer allumfassenden Zuneigung weitergeben wollte.“ (Tochter Tamalia Alisjahbana in ihrem Vorwort) Alisjahbana beschreibt den rasanten Siegeszug der Japaner durch Südostasien, sowie die Auswir kungen, welche die japanische Besetzung für die damalige holländische Kolonie hatte. Die Schilderung der Ereignisse ist eingebettet in eine Romanhandlung in deren Zentrum Hidayat, Alysjahbanas alter ego mit seiner Frau Kartini (deren Name an die für Emanzipation kämpfende Raden Adjeng Kartini erinnert) steht. Diesen Erzählstrang verknüpft Alisjahbana mit der Geschichte zweier Kriegswitwen, die beide im Laufe des Geschehens eine Beziehung zu jeweils sehr unter schiedlichen Japanern eingehen. Die humanistisch geprägte Deutschschweizerin Elisabeth lernt den aus einem Samurai Clan stammenden Offizier Okura kennen und die junge Eurasierin Lien Venen dal den Leiter des japanischen Handelsbüros Anami, Beziehungen, wie sie damals tatsächlich gar nicht so selten vorkamen.

In der Interaktion dieser drei Figurengruppen gelingt es Alisjahbana, wichtige Entwicklungen auf sozialer, kolonialer, politischer und auch geistiger Ebene darzustellen. Die zentrale Figur Hidayat, ihr Erleben und ihre Gedanken, sind wohl so stark autobiographisch, dass man den ganzen Roman durchaus als Dokumentation lesen kann. Der humanistisch denkende und fühlende Hidayat (Alisjahbana) ist realiter wie auch im Roman Leiter der Sprachkommission und im sogenannten Sprachbüro tätig. Diese Kommission wurde notwendig, nachdem das Holländische, die bisherige Amtssprache, verboten wurde und dadurch ein gar nicht vorstellbares sprachliches Vakuum entstand. Das Land der zehntausend Inseln mit beinahe ebenso vielen Sprachen – wie sollte da eine Verwaltung funktionieren nachdem das Niederländische weggefallen war? Das Malayische, die alte, seit dem 17. Jahrhundert alle Inseln verbindende Handelssprache, eignete sich nur bedingt, denn dieser fehlten fast alle Begriffe des modernen Lebens. Hidayat, nicht nur hochgebildet sondern auch studierter Linguist, nahm nun mit seinen Leuten die „Erschaffung“ der modernen indonesischen Sprache und die Erstellung eines indonesischen Wörterbuchs in Angriff. Ein spannendes Unterfangen für jeden, der sich für die Bedeutung und Entwicklung von Sprache
interessiert.

In diese Arbeit der Sprachkommission verwoben sind im Roman die Schilderungen der unterschiedlichen politischen Strömungen jener Zeit in deren Zentrum das Ziel eines unabhängigen Indonesiens steht. Im Sprachbüro trafen sich Dichter, Freidenker und Unabhängigkeitskämpfer. Alisjahbana beschreibt lebendig die Diskussionen zwischen diesen unterschiedlichen  Gruppierungen und die Entwicklung, die sie nahmen. Viele der Menschen, welche die Japaner zunächst als Befreier gefeiert und gehofft hatten, von diesen die Unabhängigkeit „auf dem Silbertablett“ serviert zu bekommen wurden mit der Zeit desillusioniert, da die Japaner vor allem an den unermesslichen Bodenschätzen Indonesiens interessiert waren und daran, die Menschen für ihre Interessen zu manipulieren. Deutlich wird zum Beispiel auch, dass im Laufe der Besatzungszeit viele junge Indonesier von japanisch-faschistischen Strömungen infiziert wurden. Im realen Leben führte dies in der Folge dazu, dass Alisjahbana selbst für einige Jahre ins Ausland ging, nach Deutschland und in die USA. In der Schilderung der Paare Lien Venendal/Anami und Elisabeth Schoonvelt/Okura gelingt es Alisjahbana weitere Facetten des damaligen Lebens aufzuzeigen.

Dass etwa eine Eurasierin wie Lien Venendal sich auf eine Beziehung mit einem Mitglied der japanischen Besatzung einlässt, verweist implizit auch auf die soziale und materiell ungesicherte Situation der Frau als Eurasierin hin, sie steht ohnehin „zwischen den Welten“, der europäischen und traditionellen, in diesem Fall der javanischen Kultur.

Ganz besonders interessant ist aber die Schilderung der Beziehung zwischen der Schweizerin Elisabeth und dem jungen japanischen, im Geiste des Samuraikriegers erzogenen Generals Okura. Hier wird nicht nur Alisjahbanas intensives Bemühen um ein Verständnis japanischer Tradition, des in ihr vorherrschenden Fühlens und Denkens sichtbar, sondern auch seine grundlegende Affinität zum Geist der europäischen Aufklärung. „…denn es geht in diesem Buch nicht nur um die Liebe seiner Protagonisten, Elisabeth und Okura, oder um die Liebe Hidayats für sein Land, das gerade seine Geburtsstunde erlebte. Es geht um die Liebe zur Menschheit und um die Liebe für den kleinen Planeten, den wir unsere Welt nennen.“ (Tamalia Alisjahbana a.a.O.)

Großartig sind die Gespräche zwischen Elisabeth und Okura. Hier werden die kulturellen Unterschiede deutlich, die Bedeutung von Tod und Leben, vom Wert des Individuums und der Familie bzw. Gruppe. So zum Beispiel über Denkweisen des japanischen Soldaten. Elisabeth: „Für mich ist ein Opfergang, den man so verbissen und fanatisch verfolgt, vollkommen irrational und einfach unmenschlich …. Ist es wirklich möglich, dass ein Soldat von Anfang an den Gedanken an den Tod so ernsthaft akzeptiert, dass er sich danach sehnt, auf dem Schlachtfeld zu fallen?“ Okura antwortet: „Ich bin so einer …. Es ist Wunsch und Sehnsucht aller Japaner, besonders der Soldaten, ihr Leben für Seine Majestät den Kaiser und für unser Land zu opfern, ohne damit irgendeine Erwartung zu verbinden. Der Tod ist gut und schenkt vollendete Erfüllung. Es ist, als ob ein Edelstein in eine Million kleiner Stücke auseinanderbricht.“ Und Elisabeth: … „Es ist unmöglich, Menschen agieren nicht so! Sie wollen leben und überleben. Jeder kleine hilflose Wurm wird alles tun, um zu überleben. Können Sie, kann das japanische Volk erkennen, wie schön das Leben ist, wie bedeutungsvoll es sein kann, wenn der Mensch es verantwortungsvoll und kreativ lebt? Tuan Okura! Es gibt nichts Schöneres und Wunderbareres als dieses, unser Leben! Der Tod ist der absolute Gegensatz vom Leben und jede Glorifizierung des Todes ist ein Verrat an der Schönheit und Größe des Lebens!“

Dem Bemühen Elisabeths, diesen Mann immer etwas besser zu verstehen und den sich daraus ergebenden Gesprächen liegen Alisjahbanas eigene Fragestellungen an die japanische Kultur und Mentalität zugrunde, deren Beantwortung im Roman einen außerordentlich breiten Raum einnimmt. Denn bei aller Abwehr kann Hidayat/Alisjahbana doch nicht umhin, die Energie dieses relativ kleinen Volkes zu bewundern. In kaum drei Monaten hatten sie das gesamte Südostasien von seinen seit Jahrhunderten dort sitzenden Kolonialherren befreit und sich unterworfen. Woher stammte diese Energie? Die Beantwortung dieser Frage führte ihn tief in die Geschichte der Samurai Krieger und des Shintoismus hinein.

Auch den Schock, den Zusammenbruch dieser Welt für Okura und das ganze japanische Volk beschreibt Alisjahbana. Okura kehrt körperlich versehrt nach Japan zurück, verletzt am Leib und vor allem auch in der Seele. Ihm ist das Schlimmste zugestoßen, was einem Samurai geschehen kann: Immer noch am Leben kann er als Krüppel das höchste Ziel nicht mehr erreichen, sein Leben für den Kaiser zu opfern. Das Erleben der Ohnmacht und des Leidens des japanischen Volkes in den Angriffen der amerikanischen Fluggeschwader lassen schließlich in ihm Sätze Elisabeths lebendig und erste Zweifel an der japanischen Führungsrolle in der Welt wach werden. Aber erst die Konfrontation mit der Katastrophe von Hiroshima zerstörte Okuras geschlossenes Weltbild von einer allen Völkern überlegenen japanischen Kultur, erst jetzt finden Elisabeths humanistische Gedanken tatsächlich Eingang in Okuras Denken.

Die Darstellung damaliger japanischer Kultur und Mentalität ist großartig. Einen Menschen verstehen wir aus seiner Geschichte, das Gleiche gilt für eine Kultur. Dass Alisjahbana mit seiner Darstellung auch in Japan selbst viel Anerkennung gefunden hat spricht für sich, die Japaner haben sich offenbar verstanden gefühlt.

Alisjahbanas Ausführungen und Schilderungen sind oft sehr detailliert und ausführlich. Der Roman  erhält dadurch eine durchaus epische Breite auf die man sich einlassen muss. Den Literaturkritiker Steffen Gnam erinnert das Buch deshalb an Tolstois „Krieg und Frieden“, der „das Schicksal Indonesiens als Schattentheater und Spielball der Mächte im Spiegelkabinett von Propaganda, Täuschung und Herrendiensten“ erzählt.

Mich selbst hat besonders die überall durchscheinende Persönlichkeit Alisjahbanas beeindruckt: Stets interessiert, mit intensivem Willen, Welt und Menschen zu verstehen, sich selbst kaum je in Rangeleien um Macht einlassend. Einer der im Gefängnis Kant las und sich dort mit gebildeten Japanern über alle Differenzen hinweg über kulturelle Fragen unterhielt und sich Kraft seiner Persön lichkeit Respekt verschaffte. Ein Mensch, der von Streben nach Macht relativ frei gewesen zu sein scheint. Ich bedauere, ihn nie erlebt zu haben.