Die Angst der Woche. Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten

Datum: 15.08.2012

Autor: Krämer, Walter

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

Krämer, Walter (2011) Die Angst der Woche. Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten. München (Piper), 285 S., ISBN 978-3-492-05486-7

 

 

Das Buch des Statistikprofessors Walter Krämer (Universität Dortmund) beginnt mit der Aufzählung aberwitziger Alarmmeldungen, die von den Gefahren durch herabfallende Kokosnüsse über sich vermeintlich häufende Hai-Angriffe bis hin zur angeblich gesundheitsschädlichen zuckerfreien Limonade reichen. Man kann dazu unterschiedlicher Meinung sein, aber Krämer geht es nicht um Meinungen, nicht um Abscheu oder Weltanschauung, sondern um Fakten und Logik. Untersuchungen belegen, dass die Zahl der Zeitungsartikeln in negativer Korrelation zum tatsächlichen Gefährdungspotenzial eines Risikos steht. Je geringer das Risiko, desto ausufernder die Berichterstattung. Krämer betont (und schon viele andere haben es vor ihm getan), dass eine Gefahr oder ein Risiko noch keine reale Schädigung bedeutet. Ob auch nur ein einziges Kind an Bisphenol Alpha in Babyschnullern erkrankte, ist mehr als fraglich.

Das Aufspüren kleinster Schadstoffmengen hat zur Folge, dass überall etwas gefunden wird. Grenz- und Eingreifwerte sind Ergebnis eines komplizierten Kompromisses zwischen Wissenschaftlern und Politikern. Die reine Existenz eines Stoffs, und sei er auch „krebserregend”, in einem Lebensmittel oder auch in unserem Körper, sagt überhaupt nichts aus.

Zu den häufigsten Panikmachern gehören die Organisationen FoodWatch und Greenpeace, aber auch Ärzte, die Pharmaindustrie und die Weltgesundheitsorganisation, die die behandlungsbedürftigen Blutdruckwerte, bei denen mit Medikamenten eingegriffen werden sollte, immer weiter abgesenkt hat. In Entwicklungsländern sterben immer wieder einmal ein paar Menschen an Pestizidvergiftungen, meist wegen unsachgemäßem Gebrauch. Das deutsche Lesepublikum wird jährlich mit derartigen bedauerlichen Unglücken tausende von Kilometern entfernt belästigt. Niemals wird dabei erwähnt, dass dank des Einsatzes von Schädlingsbekämpfungsmitteln jährlich Millionen Menschen nicht sterben müssen, weil Lebensmittel zur Verfügung stehen. Dabei ist „die Natur“ ist viel gefährlicher als unsere chemische Industrie. Es geht uns immer besser, aber wir werden nicht glücklicher.

Krebs ist die Angstmetapher schlechthin für unsere Zeit. In der Hamburger Zeit beispielsweise wurde die Meinung vertreten, Krebs sei der Tribut an die Industrialisierung, die Folge eines ungezügelten Wirtschaftswachstum. Dies dürfte die Mehrheitsmeinung der Deutschen sein. Tatsächlich ist Krebs unvermeidlich, weil bei der DNA-Replikation unweigerlich Fehler auftreten. Je älter wir werden – und die Lebenserwartung steigt kontinuierlich –, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, Krebs zu entwickeln und daran zu sterben.

Ausführlich beschäftigt sich Krämer mit der Desinformationskampagne politisch interessierter Kreise bezüglich einer angeblich erhöhten Leukämierate in der Nähe von bestimmten Kernkraftwerken. Nichts spricht dafür, dass die bedauernswerten Leukämie-Erkrankungen irgendetwas mit ionisierender Strahlung aus Kernkraftwerken zu tun haben könnten. Es gibt immer wieder örtliche Häufungen von Leukämie bei Kindern. Im Rahmen einer internationalen Studie wurden weltweit 240 solcher Cluster (Häufungen) gefunden, vier von ihnen lagen um ein Kernkraftwerk herum. In Deutschland liegen die Erkrankungsraten für Kinder bis 14 Jahre in der Nähe der Kraftwerke Brokdorf, Brunsbüttel, Grohnde, Grundremmingen, Stade, Philippsburg, Lingen und Würgassen unter dem Landesdurchschnitt. “Heute ist die Epidemiologie zu einem Selbstbedienungsladen für Panikmacher verkommen“, ärgert sich Krämer.

Er bringt Beispiele im Dutzend, wo riesige Summen für die Beseitigung von kaum messbaren, zudem nur möglichen Gefährdungen rausgeschmissen wurden. Anderseits haben preiswerte Antirisiko-Maßnahmen bei uns schon gegriffen, beispielsweise die Sicherheitsgurte in Autos.

Krämer weiß nur zu genau, dass die überzeugendsten Argumente gegen Panikmache an vielen Menschen abprallen. Sie erregen sich über einen kleinen meldepflichtigen Vorfall in einem KKW und ignorieren die Hunderte von Toten in Kohlebergwerken. Die Einstellung zu Gefahr und Risiko ist eben nicht kopf-, sondern bauchgesteuert und zudem noch medial inszeniert. Nur mit Argumenten besteht immerhin eine Chance, dass sich die Risikobewältigung Zentimeter für Zentimeter von den Gefühlen weg zur Vernunft verschiebt. Das versucht Krämer in diesem Buch. Die Bürger sollten lernen, mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten richtig umzugehen – oder lieber schweigen.

Dieses Buch ist allen Parlamentariern, Journalisten, Grünen und Umweltschützern wärmstens zu empfehlen.

Dr. Gerald Mackenthun

Berlin, August 2011