Die Geburt der Odyssee

Datum: 28.02.2014

Autor: Jean Giono

Rezensent:  Babette Kozlik-Voigt

 

 

Jean Giono (1895-1970)

Die Geburt der Odyssee (dt.: 1936) (Original: La Naissance de l’Odyssée, 1930)

Von Jean Giono habe ich vor Jahren einen Roman gelesen: Die große Meeresstille – in Erinnerung ist mir die auffallend farbig-bildhafte Sprache, aber an den Inhalt kann ich mich kaum entsinnen. Es ist wohl so, dass sich Giono große Vorbilder wählt und dann eine Geschichte dazu auf seine Art ausmalt bzw. die mittelmeerische Atmosphäre hineinlegt. Ich meine mich zu erinnern, dass Die große Meeresstille sich an Magellan oder Kolumbus – also an den großen Weltumseglern orientiert: Drei Segelschiffe stechen gemeinsam in See, geraten in Nebel, werden getrennt und jedes macht sich nun einzeln auf abenteuerliche Expeditionstour. Eine Textpassage mit etwa folgendem Inhalt hatte mich damals besonders beeindruckt: Die Mannschaft gerät in eine langanhaltende Flaute. Das war das Schlimmste: Wenn man nicht mehr steuern kann, völlig auf sich geworfen, nur noch getrieben, ohne Möglichkeit zu werden. Ich habe dieses Szene als Sinnbild für unser Leben verstanden.

Der Roman Die Geburt der Odyssee bezieht sich natürlich auf die Homerische Odyssee. Die Parallele zur Meeresstille liegt auf der Hand: Offenbar versetzt sich der Erzähler in die Lage des Odysseus, der nach zwanzig Jahren von seinen vielen Frauengeschichten, zuletzt auch von Circe, genug hat. Er trifft auf einen ehemaligen Gefährten und wird durch ihn an die Heimat erinnert. Dieser Gefährte ist Menelaos, der auf Circes Insel nach Trinkwasser für seine Besatzung sucht. Odysseus „fand ihn schwerfällig geworden und fett wie einen Thunfisch… Er besaß Helena jetzt ganz und ungeteilt… Doch er klagte über schlechte Zeiten. Nach ihrer Heimkehr aus dem Kriege war das Leben nicht zu jenem Elysium geworden, von dem sie geträumt hatten… Ganz im Gegenteil.”

Während des Trojanischen Krieges der Männer war das Leben in der Heimat weitergegangen und die so spät Zurückkehrenden waren nicht immer willkommen – wie es z.B. Agamemnon erging, dessen Klytemnestra sich bereits dem Ägistos zugewendet hatte.

Odysseus macht sich daraufhin klammheimlich von Circe auf und davon. Er will endlich in die Heimat zurückkehren. Unterwegs hört er Gerüchte über Penelope; sie soll sich inzwischen vergnügt mit dem jüngeren Antinoos getröstet haben. Odysseus wird also eifersüchtig und beeilt sich Ithaka zu erreichen. Das ist aber für den Seefahrer nun zu Fuß gar nicht so einfach. Er verirrt sich nachts im Wald, kriegt Angst, seine Füße tun ihm weh und überhaupt ist diese Art des Reisens für ihn sehr unvergnüglich – das Meer ist eben sein Metier. Zwischendurch muss er alle List aufwenden, Informationen über Penelope zu bekommen oder über Telemach, ohne sich dabei zu erkennen zu geben. Einmal verrät er sich fast, als er einem blinden Sänger seine Lügenmärchen aufzutischen beginnt. Dieser blinde Sänger ist offenbar Homer, der umherzieht, die gehörten Geschichten sofort in sein Repertoire aufnimmt und damit aller Welt weitererzählt.

Odysseus trifft diesen Dichter-Sänger einige Zeit später wieder und findet mit Schrecken in dessen Liedern seine eigene Vergangenheit und all das Gemunkel um Penelope verarbeitet. Diese quälenden Gedanken treiben ihn um, während er sich erschöpft auf dem Landweg nach Ithaka müht. Er weiß nicht, ob seine Penelope ihm treu ist, und er weiß nicht, wie sein Sohn Telemachos zu ihm steht. Zudem hat er die Hosen voll, denn Antinoos ist blühend jung und stark, während Odysseus ein alternder Lügenbeutel geworden ist, der sich bisher auf seinem Ruhm und auf seinen Erfolgen um Troja in den Betten der Frauen ausruhen konnte. Damit muss er sich nun auseinandersetzen.

Schließlich kommt die letzte Etappe: Odysseus trifft unterwegs auf Telemach, der von Ithaka genug hat, den alternden Vater auslacht und ihn keinesfalls nach Hause begleiten will – er möchte selbst auf „aventure“ gehen. Odysseus kommt also als einsamer, alter Bettler nach Ithaka zurück. Er sieht irritiert sein vernachlässigtes Land; es ist verkommen oder an Fremde verkauft, die nicht einmal seinen Namen kennen.

Peneleope hat von der Heimkehr des Gatten gehört. Sie versucht Antinoos zu warnen um vor Odysseus ihre Liebelei zu verschleiern. Beim gemeinsamen Festessen setzten sie ihm ordentlich Wein vor, wodurch Odysseus bald sturzbetrunken ist. Es kommt eher zufällig zu einer Rangelei, bei der der muskelbepackte Antinoos ebenso zufällig einen derben Kinnhaken erhält. Angesichts dieses Machtwortes der Götter nimmt er Reißaus, während Odysseus auf unsicheren Beinen wankend den Nebenbuhler verfolgt. Beide stoßen an einem felsigen Abgrund aufeinander: Ein zufällig einsetzender Felssturz reißt Antinoos in den Abgrund, während Odysseus staunend und verblüfft vor seinem Werk steht.

Diese unerwartete „Heldentat“ beeindruckt die Männer Ithakas zwar, aber noch kann Odysseus sie nicht wirklich für sich gewinnen. Man geht ihm aus dem Weg. Als er dann schließlich eines schönen Tages in der Hafentaverne aufkreuzt, muss er wieder vor den anderen mit seinen Lügengeschichten aufschneiden. Dieses Geflunker kommt so gut an, dass er immer neues erfindet, um die Männer bei Laune zu halten.

Aber sonst ist Odysseus einsam, hält sich mit Vorliebe an einem Wasserbassin auf, wo er vergnügt mit einem kleinen geschnitzten Schifflein spielt, das bald ruhig dahintreibt und bald gefährlich in die Strömung des Überlaufes gerät. Bei diesem Zeitvertreib lässt er seiner Phantasie freien Lauf und spinnt seine abenteuerlichen Geschichten weiter aus. Die Lügen haben für Odysseus inzwischen das Beunruhigende verloren: Aus dem unverbesserlichen Schwindler ist ein Erzähler geworden, dessen Geschichten schließlich Die Geburt der Odyssee sind.

Dieser Roman wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Giono als „literarische Spielerei“ begonnen, nachdem er verletzt in die Provence nach Hause zurückgekehrt war. Es wurde sein Erstlingswerk. Natürlich gibt es viele Anspielungen an seine persönliche Situation. Wie Odysseus kommt er aus dem Krieg in die Heimat, in der die Frauen nicht immer auf die Rückkehr ihrer verwundeten und traumatisierten Männer gewartet haben. Die Söhne sind inzwischen groß geworden, sind ohne die Autorität der Väter aufgewachsen und fühlen sich ihnen fremd.

Dieses Lebensgefühl geht in die Literatur Gionos ein. Seine Romanhelden haben menschliche Züge; er stellt keine mythologisch überhöhten Heroen dar. Durch seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg ist er zum Pazifisten geworden.

Februar 2014