Eine Pionierin der Abstraktion – Ausstellung

Datum: 03.07.2013

Autor: Hilma af Klint

Rezensent:  Barbara Gucek

 

 

Hilma af Klint – Eine Pionierin der Abstraktion

Rezension über eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Datum:01.07.2013

 

Im Hamburger Bahnhof-Museum für Gegenwart- in Berlin sind seit Juni 2013 230 Werke der Malerin Hilma af Klint zu sehen. Damit wird der Künstlerin eine umfangreiche Retrospektive gewidmet. In dieser Ausstellung sind viele ihrer Arbeiten erstmals öffentlich ausgestellt. In ihrem Testament bestimmte af Klint, dass ihre Arbeiten frühestens 20 Jahre nach ihrem Tode gezeigt werden dürfen. Sie war der Auffassung, dass die Bedeutung ihrer abstrakten Gemälde noch nicht von ihren Zeitgenossen verstanden werden würde.

 

Hilma af Klint wurde 1862 in Schweden als Tochter des Kapitäns Fredrik Victor und seiner Frau Mathilda auf Schloss Karlberg – bei Stockholm gelegen – geboren. Sie war das vierte von fünf Kindern und besuchte eine Höhere Mädchenschule. Sie nahm an Kursen für Porträtmalerei teil und studierte mit Erfolg an der Akademie der Schönen Künste in Stockholm. Um die Jahrhundertwende arbeitete sie als Malerin und Zeichnerin an der veterinärmedizinischen Hochschule. Seit 1905 war sie im Stockholmer Telefonbuch als Malerin verzeichnet. Af Klint blieb zeitlebens unverheiratet und kinderlos.

 

Dem Zeitgeist des „fin de siècle“ entsprechend, nahm sie, wie zahlreiche andere Künstler und Intellektuelle auch, an spiritistischen Sitzungen teil. Das Interesse hierfür entwickelte sich nach dem Tod ihrer 18-jährigen Schwester. Um Kontakt zur so genannten „übernatürlichen“ Welt herzustellen, fungierte sie auf diesen Séancen als Medium. Im Laufe der Zugehörigkeit zu okkultistischen Kreisen veränderte af Klint ihren Malstil. Hatte sie bislang feine naturalistische Porträt-, Landschafts- und Botanikmalereien im traditionellen Stil angefertigt, die ebenfalls auf dieser Werkschau zu sehen sind, entstand unter dem Einfluss des auf den Séancen praktizierten „automatischen“ Zeichnens und Schreibens ein neuer Kunststil. Ihre veränderte Ausdrucksweise führte die Malerin in eine Krise, in der sie ein Jahr lang ihre künstlerischen Arbeiten ruhen ließ. Diese Identitäts- und Schaffenskrise hinterließ Spuren und fand 1906 ihren Ausdruck in dem Gemäldezyklus Die Gemälde zum Tempel, der aus mehreren unterschiedlichen Serien besteht. Die erste Serie, mit Urchaos betitelt, besteht aus kleinformatigen Bildern in überwiegend blauen, grünen und gelben Farbtönen und ist z.B. mit spiral- oder schneckenförmigen Symbolen oder auch mit Buchstaben und Schriftzeichen versehen. Hiermit hatte sie die ersten in der Kunstgeschichte bekannten abstrakten Bilder entwickelt, noch vor Wassily Kandinsky, Piet Mondrian und Kasimir Malewitsch. Kandinsky hatte den Beginn seiner abstrakten Malerei mit 1910 angegeben. Es ist zu vermuten, dass in Zukunft 1906 als Beginn der abstrakten Malerei angesehen wird.

 

In weiteren Serien, so z.B. in Siebenstern  (1908) und in den 1915 entstandenen Altarbildern, entwickelte sie eine Bildsprache, die sich von der „wirklichen Welt“ abwandte. Die Gruppe der Bilder Die zehn Größten entstand 1907. Die großformatigen Gemälde, das größte ist 322 x 239 cm, wurden mit überwiegend hellen Temperafarben gemalt. Dargestellt werden die vier Menschenalter: das Kindes-, Jünglings-, Mannes – und Greisenalter. Hilma af Klint stellte diese Motive u.a. mit Hilfe von Linien, Venndiagrammen, floralen Gebilden, spiegelsymmetrischen Formen dar. Für mich zählen diese Werke wegen ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit zu den ausdrucksstärksten Arbeiten der Ausstellung.

 

Im Laufe ihres Lebens wurde af Klint noch von der Theosophie beeinflusst, später direkt von dem Anthroposophen Rudolf Steiner, der sie in ihrem Atelier besuchte. Durch die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie veränderte sie nochmals ihren Malstil. Es entstanden zahlreiche Aquarelle.

 

Als Hilma af Klint 1944 mit fast 82 Jahren stirbt, hatte sie der Nachwelt gezeigt, dass es nur durch Selbstbewusstsein, Mut und Energie möglich war, mit Konventionen zu brechen. Sie widerlegte mit ihrem abstrakten Werk und mehr als 1000 künstlerischen Arbeiten das Vorurteil, dass Frauen nichts Neues entwickeln können.

 

Literatur: Müller-Westermann, I. u. J. Widoff (Hrsg.): Hilma af Klint – Eine Pionierin der Abstraktion (Katalog zur Ausstellung im Hamburger Bahnhof vom 15. Juni – 6. Oktober 2013)