Fotografische Szenen und Porträts in der Akademie der Künste in Berlin

Datum: 03.06.2014

Autor: Gisèle Freund

Rezensent:  Barbara Gucek

 

Gisèle Freund, Fotografische Szenen und Porträts in der Akademie der Künste in Berlin (Hanseatenweg 10, 23.5.-10.8.2014)

In der Ausstellung werden 280 Schwarzweiß- und Farbfotografien präsentiert, von denen mehr als fünfzig Porträtaufnahmen sind. Von den Porträtierten werden hauptsächlich Fotos von literarischen Persönlichkeiten gezeigt wie André Malraux, André Breton, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, James Joyce, Vladimir Nabokov, Pablo Neruda, Virginia und Leonhard Woolf.
Gisèle Freund wurde 1908 als Gisela Sophia Freund in Schöneberg bei Berlin, wie sie zu sagen pflegte, unter dem Kreidefelsen von Rügen geboren. In ihrer großbürgerlichen Wohnung hing das bekannte Caspar-David-Friedrich-Bild, welches ihr Vater, ein wohlhabender jüdischer Textilkaufmann und Kunstsammler, erworben hatte. Die Tochter verehrte den Vater sehr, wohingegen Gisela zur Mutter keine gefühlsmäßige Bindung eingehen konnte. Zu ihrem um drei Jahre älteren Bruder entwickelte sie eine lebenslängliche vertrauensvolle Beziehung.
Nach ihrer Genesung von einer Polio-Erkrankung mit fünf Jahren, lernte sie dank ihrer Disziplin unter großen Schmerzen wieder laufen. Angeregt durch ihren Vater öffnete sich Gisèle immer mehr für die Kunst. Gegen den Willen ihrer Eltern setzte sie nach der mittleren Reife ihre Schullaufbahn fort und bestand 1928 das Abitur. Aus diesem Anlass bekam Gisèle Freund eine Leica geschenkt, die mit einem neuartigen Rollfilm ausgestattet war. Im Fotografieren konnte sie das schon häufiger geäußerte Bedürfnis, etwas Kreatives zu gestalten, verwirklichen.
Sie wurde Studentin der Soziologie und Kunstgeschichte in Freiburg. Später studierte sie bei Karl Mannheim Soziologie am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Während ihres Studiums opponierte sie gegen den aufkommenden Nationalsozialismus und entging 1933 einer Verhaftung durch Flucht nach Paris. Als ein SS-Mann sie an der Grenze fragte, ob sie Jüdin sei, antwortete sie, ob er schon eine Jüdin namens Gisela gesehen hätte.
Schon 1934 eröffnete sie ihr erstes Fotostudio in Paris und machte erste Fotoreportagen. Mit ihrer schon in Deutschland abgesprochenen Dissertation, einer kunstsoziologischen Studie, wurde sie 1936 an der Sorbonne promoviert. Die Buchhändlerin Adrienne Monnier, Mentorin und Freundin Gisèle Freunds, gab diese Dissertation in ihrem Verlag in französischer Sprache heraus.
Das Fotografieren, ursprünglich nur ihr Hobby, wurde in Frankreich zu ihrem Beruf. Das Porträtfoto von André Malraux (1935) war der Auftakt zahlreicher Künstlerporträts, die sie auf ihrer ersten Ausstellung im Jahre 1939 zeigte. Als 1938 die ersten Farbfilme in Frankreich auf den Markt kamen, passte sie sich dem technischen Fortschritt an und fotografierte auch in Farbe.
Im Jahr 1940 marschierten deutsche Truppen in Frankreich ein. Gisèle floh nach Südfrankreich und lebte im Untergrund. Später gelang ihr die Ausreise nach Argentinien; von dort bereiste sie unermüdlich lateinamerikanische Länder. 1950 bekam sie vom Life- Magazine den Auftrag, Evita Perón, die Frau des argentinischen Präsidenten, zu porträtieren. 1953 kehrte Giséle nach Paris zurück und fuhr nach ihrer Emigration erstmalig 1957 nach Berlin. In den letzten Jahrzehnten ihres Lebens fanden viele Ausstellungen und Retrospektiven ihres Werkes statt, auch in Deutschland. Im Jahre 2000 starb Gisèle Freund in Paris.
Eine eindrucksvolle Fotoserie entstand im Jahre 1948 über das Künstlerpaar Frida Kahlo und Diego Rivera. Ein intimes Foto von Frida Kahlo hat mich besonders angerührt. Es zeigt Frida in freudiger Gelassenheit, wie sie sich auf einem Sofa sitzend entspannt. Sie schaut dabei mit einem freundlichen, weichen, jedoch leicht nach innen gewendeten Blick in die Kamera. Die Künstlerin trägt eine weißgrundige, dunkel gemusterte Bluse, die mit einem dunkelfarbigen Rock kontrastiert. Als weibliche Accessoires dienen zwei Ketten und ein Armband.
Besonders faszinierend sind auch die Aufnahmen von Evita Perón. Sie war für ihre Schönheit und Verschwendungssucht bekannt, aber auch für ihr soziales Engagement für die Armen, die der Politik ihres Mannes ergeben waren. Auf dem Foto – Eva Perón vor ihrer Hutsammlung – ist eine strahlende Evita zu sehen, die vor einem Regal steht, auf dem zuoberst zahlreiche Hutschachteln liegen. Der Vorhang des Regals ist bis zur Hälfte zurückgezogen, so dass viele Hüte, die auf Hutständern ruhen, sichtbar werden. Sie selbst hält ihren offensichtlich gerade eben aufgesetzten Hut mit beiden Händen fest und schaut offen, fast kindlich lächelnd in einen gedachten oder wirklich vorhandenen Spiegel.
Ein Foto, das dem Betrachter einen Einblick in eine Kinderbibliothek gewährt, hat ebenfalls mein Gefallen geweckt. Zu sehen sind fünf Jungen im Grundschulalter, gruppiert um einen runden Tisch, die sich konzentriert ihrer Lektüre hingeben. Drei der Kinder vertiefen sich in ein Buch, die zwei anderen widmen sich jeweils einzeln ihrer Lektüre. Der sechste noch nicht erwähnte Knabe steht mit einem Buch in der Hand hinter der lesenden Dreiergruppe. Beim Ansehen des Fotos wird dem Betrachter warm ums Herz, weil die Kinder freudig und aufmerksam im Betrachten und Lesen der Lektüre aufgehen.
Die Besucher der schönen Ausstellung werden sicherlich neugierig darauf sein, wie es Gisèle Freund gelang, diese authentischen Fotos einzufangen. Ihr Talent bestand unter anderem darin, dass sie sich immer wieder für die Personen interessierte, die sie fotografierte. Waren es Schriftsteller, die sie fotografierte, unterhielt sie sich mit ihnen über ihre Bücher. Das ließ sie selbst und den Porträtierten die Kamera vergessen, so dass diese sich unverstellt zeigten und sie dann eine unverstellte Aufnahme machen konnte. Die Personen spürten, dass sie bei ihr so sein durften, wie sie waren.
Das Geheimnis der Entstehung ihrer faszinierenden Fotografien ist vielschichtig, ist aber zum großen Teil auch auf die beeindruckende Persönlichkeit Gisèle Freunds zurückzuführen. Wer vor ihre Kamera trat, wurde indirekt ermutigt, sich dem Gegenüber mehr zu öffnen und seine Maske abzulegen.

Literatur:
de Cosnac, Bettina: Gisèle Freund. Ein Leben, Zürich-Hamburg 2008
Frecot, Janos und Kostas, Gabriele (Hrsg.): Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts (Katalog zur Ausstellung)