Friedliche Wildnis

Datum: 01.11.2013

Autor: William J. Long

Rezensent:  Matthias Voigt

 

 

Rezension zu: William J. Long (1923) Friedliche Wildnis, Berlin 1959, Hensel Verlag

„Der Tierfreund“, so hieß eine Schulfunksendung im Norddeutschen Rundfunk, die ich nicht besonders mochte. Nur in Zeiten der Bettlägerigkeit, also bei Grippe und ähnlichen Unbilden, blieb dann das Radio an. Mir war die Stimme des Sprechers zu tierlieb. Nun begegnete mir im Herbsturlaub ein Tierliebhaber anderen Formats. Seine „Stimmlage“ ergriff mich sofort: William J. Longs Buch „Friedliche Wildnis“. Ein schöner kleiner Leinenband, 1959 im Henssel-Verlag (Ost-Berlin) erschienen; geschrieben 35 Jahre zuvor in Nordamerika. Wikipedia kannte den Autor leider ebenso wenig wie ich. Er scheint kein akademischer Biologe gewesen zu sein, sondern ein Mensch, der seinem Common Sense mehr vertraut als dem, was Wissenschaftler für unbezweifelbar halten: hier die Darwinistische Doktrin vom angeblichen „Kampf ums Dasein“ als Motor von Selektion und Entwicklung in der Natur.

Dass Long mit der Evolutionsbiologie seiner Zeit vertraut ist, spürt man an der schlichten Art und Weise, wie selbstverständlich er theoretische Probleme in seine wunderbaren Naturbeschreibungen einflechtet. Man würde gern wissen, was diesen Mann dazu bewogen und befähigt hat, von Kindesbeinen an durch die Wälder zu streifen, um mit eigenen Augen die Dinge zu sehen. Wie schafft es jemand, sich nicht durch den Blick der Majorität vom Selber-Sehen abhalten zu lassen? So hielt die Mehrheit der Naturfreunde seiner Zeit den nordamerikanischen Timberwolf für ein dem Menschen gefährliches blutrünstiges Tier. Long hingegen nahm die Anstrengung auf sich, dieses absolut scheue Wesen kennenzulernen, und er stellte fest, dass sich der Timberwolf fast (warum fast?) ausschließlich von Wildtieren ernährt. Longs Erkenntnisse verhinderten die Ausrottung des für die Waldökologie so bedeutsamen Tieres.

In seinem Buch zeigt der Autor eine völlig unsentimentale Liebe zur Natur. Man kann sich den feinfühligen Beschreibungen nicht entziehen, auch wenn sich einzelne Beobachtungen in den Kapiteln wiederholen. Seine schlicht erzählende Beschreibungskunst lässt einen das Buch bis zum Ende lesen. Welchen Fragen geht er nun nach?

Im Zentrum des Buches steht die angebliche Grausamkeit der Natur. Diese damals weitgehend ungebrochene Überzeugung der Fachwelt konfrontiert Long mit den eigenen Beobachtungen. Dabei kommt Erstaunliches zutage. Zahlreiche Repräsentanten der „liebenswerten Wissenschaft“ Biologie und so manche Evolutionsforscher haben ihre Naturkenntnisse nur aus zweiter Hand. Und wo sie eigene Beobachtungen anstellen, sorgen Vorurteile für Fehlinterpretationen. Ein besonders verhängnisvolles Vorurteil besteht in der mechanistisch-reduktiven Betrachtung des Lebendigen. Es unterstellt der Natur nicht nur einen Kampf ums Überleben, sondern reduziert das Leben auf eine blinde Kette von Ursachen, so als funktioniere sie wie eine gut geölte Maschine.

Diese Vorurteile sind eine grausame und blödsinnige Verkennung der Natur und damit unserer eigenen Lebensgrundlagen. Sie werden im Namen der Wissenschaft zum Gesetz erhoben. Dabei sind sie Ideologie und sollen die globale Ausplünderung von Mutter Natur rechtfertigen und das Gewissen der dienstbaren Forscher beruhigen.

Gegen diese ideologische Verblendung kämpft William Long mit sanften, doch überzeugenden Mitteln. Er verführt den Leser dazu, ihm in die Wälder zu folgen und möglichst vorbehaltlos hinzusehen, die Erscheinungen auf sich wirken zu lassen. In seiner Sprache verwandelt sich das angeblich grausame Gegeneinander von Jägern und Gejagten in eine wunderbare Welt des Aufeinander-abgestimmt-Seins der unzähligen Bewohner dieses Kosmos (griech. Kosmos : geordnetes, harmonisches Ganzes als Gegenstück zum Chaos). Sein Bild befördert uns die Natur wie ein Kunstwerk vor Augen.

Dass uns hier ein langwieriger Kampf um die Wahrheit und gegen die Dummheit bevorsteht, ist hart. Denn wie in der Beziehung zum Schönen und Guten, kann sich nur derjenige den Erkenntnissen öffnen, der sich ihnen mit der adäquaten Haltung nähert. Nur wer sucht und lernt, kann belehrt werden. Im Modus der erobernden Einverleibung (Ausplünderung) wird die Natur zur bloßen Sache. Sie verliert ihren Eigenwert, und wir gehen im Kontakt mit ihr leer aus. Wir können sie nicht mehr erkennen und ihre Schönheit nicht mehr genießen.

Dabei setzt Long menschliches Wesen und Naturwesen nicht in eins. Unsere Fähigkeit zu Sprache und Denken (in Lebenspraxis, Kunst, Wissenschaft und Philosophie) unterscheidet uns von den uns nahe verwandten Tieren in bedeutsamer Weise. Das, was wir zum Beispiel als Schmerz und Furcht erleben, kennt das Tier aller Wahrscheinlichkeit nach so nicht. Gewiss reagieren Tiere auf jene Reize, die beim Menschen mit der Schmerzerfahrung verbunden sind. Aber selbst der Mensch kann in Extremsituationen das Empfinden des Schmerzes vorübergehend verlieren. Schmerz als ein Erleben jedoch ist nur dem Menschen eigen. Sich vor etwas zu fürchten oder schmerzlich von etwas berührt zu sein, dazu bedarf ein Wesen der Phantasie, der Fähigkeit, Gefahren vorwegzunehmen. Diese Qualitäten, die nur einem geistigen Wesen eigen sind, besitzen die Tiere nicht; dafür haben sie Instinkte (ein rätselhaftes Einssein von Tier und Umgebung), die treffsicher vor allem Bewusstwerden von etwas reagieren. Deshalb lebt ein Tier, wenn es durch nichts beunruhigt ist, in vollendeter Einheit mit seiner Umgebung. Dies macht jene unschuldige Anmut des Naturwesens aus, von der wir uns so sehnsüchtig angesprochen fühlen.

Weil das Tier kein geistiges Wesen ist, betont Long, „erleide“ es nicht wie der Mensch Krankheit und Tod. Ihm fehlt dazu das Wissen um Vergangenheit und Zukunft. Deshalb betrachtet Long die angebliche Tierliebe vieler Zeitgenossen als Sentimentalität. Sie richte sich vorzüglich auf solche Wesen, die vom „Tierliebhaber“ als schutzbedürftig empfunden werden können. Er mag sie, weil sie seinem Überlegenheitsgefühl schmeicheln. Dabei bedenken wir nicht, dass das Halten von Hunden und insbesondre von Katzen meist tierquälerischen Charakter hat. Wir werden den Bedürfnissen dieser Wesen in der Regel nicht gerecht.

Kommen wir abschließend zur Frage, was Long als „Gesetz“ in der Natur am Walten sieht. Bei ihm heißt es: Jedes Tier soll um der eigenen Freude und des Fortbestandes willen mit seinen Artgenossen zusammenwirken.

Die Formulierung erinnert an Peter Kropotkins „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“. Long kannte offenbar diesen Geistesverwandten und dessen Untersuchung aus dem Jahre 1902 nicht. Wenn man den Long´schen Imperativ auf uns Menschen übertragen wollte, dann könnte er lauten: Jeder Mensch soll um der eigenen Freude und der Fortentwicklung der Kultur willen mit all denen in Geschichte und Gegenwart zusammenwirken, die sich aus den Vorurteilen der kollektiven Erlebens-, Denk- und Handlungsschablonen zu lösen trachten.