Hamlet Handbuch – Stoffe, Aneignungen, Deutungen

Datum: 06.06.2014

Autor: Peter W. Marx (Hrsg.)

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Peter W. Marx (Hrsg.): Hamlet Handbuch – Stoffe, Aneignungen, Deutungen. Metzler-Verlag, Stuttgart 2014, 563 Seiten.

Hamlet ist eine der bekanntesten Bühnenfiguren sowie eines der am meisten gespielten Dramen Shakespeares. Obwohl die Entstehung dieses Stückes vier Jahrhunderte zurückliegt, spricht uns seine Problematik immer noch stark an. Seit den ersten Aufführungen von Hamlet bis zum heutigen Tag gibt es eine imposante Fülle von Inszenierungs- und Deutungsansätzen, wobei ein Ende dieser Verstehens-Bemühungen nicht in Sicht ist.
Vor allem die Hauptfigur reizt zu wiederholten Interpretations-Anläufen. War Hamlet tatsächlich einer, der (so wollen es die meisten Shakespeare-Experten und Hamlet-Exegeten) Wissen und Erkenntnisse suchte, Ursachen, Hintergründe, Zusammenhänge? Hatte er das Zeug zum fragenden, sinnierenden Kopf? Und reichte sein melancholisches Temperament hin, um ein Denker zu werden, womöglich sogar einer auf dem dänischen Königsstuhl?
Oder war er nicht vielmehr ein verbummelter Student, etwas willen- und orientierungslos, der gern so tat, als ob ihn die Essais von Montaigne bewegten, obschon ihn mindestens so sehr die Fräuleins von nebenan bekümmerten? Hat ihn Shakespeare nicht als einen gezeichnet, der den Wahnsinn und die Melancholie spielen konnte wie kein zweiter? War er tiefsinnig, leichtsinnig oder trübsinnig? Und war er wirklich gehemmt und antriebsarm wie ein Depressiver, oder stellten seine Symptome – der Zweifel, die Ambivalenz, das Zögern und Zaudern, die bohrenden Fragen – nur Maskerade, Tand und Spiel dar, hinter denen sich ein jungenhafter, schlauer, schalkhafter, zerbrechlicher Hamlet verbarg?
Wie also Hamlet, seinen Charakter und das Drama verstehen? Der polnische Theatermann Jan Kott hat darauf hingewiesen, dass die Geschichte der Deutungen lang und die gesammelte Sekundärliteratur zu Hamlet dicker als das Telefonbuch von Warschau ist. Hamlet sei wie ein Schwamm, der sich seit vierhundert Jahren mit Themen und Problemen der jeweiligen Zeit vollsauge. Interpreten wringen diesen Schwamm so lange aus, bis aus ihm stets neue und andere Flüssigkeit tropft.
An Hamlet haben sich neben Literaturwissenschaftlern auch Ärzte, Psychologen, Philosophen, Schriftsteller, Dichter, Biographen, Historiker, Anthropologen und natürlich Theaterleute versucht. Außerdem gibt es seit der Erstaufführung (1602) Hunderte Inszenierungen, die das Stück etwa in einem politischen, soziologischen, historischen, psychologischen oder anthropologischen Licht erscheinen lassen. Voltaire, Lessing, Goethe, Kuno Fischer, Victor Hugo, Nietzsche, Georg Brandes, Sigmund Freud, Alfred Adler, Ernest Jones, Karl Jaspers, Gustav Landauer, Ernst Bloch, Theodore Lidz, Otto Rank, James Joyce und viele andere haben sich zu Hamlet geäußert – was gibt es da an Sinnvollem noch hinzuzufügen?
Wer dieser Frage nachgehen will, greife zu dem jüngst erschienen Hamlet-Handbuch aus dem Metzler-Verlag. Der Herausgeber Peter Marx, ein Theaterwissenschaftler und derzeit geschäftsführender Direktor der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln sowie des Instituts für Medienkultur und Theater, hat über siebzig Beiträger und Experten der internationalen Shakespeare-Forschung mit neunzig Kapitel zur Hamlet-Thematik in einem beeindruckenden Sammelband vereinigt, der derzeit im deutschsprachigen Raum den wohl breitesten Horizont zu Fragen von Inszenierungen, Deutungen und Aneignungen dieses Shakespeare-Dramas abdeckt.