Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen

Datum: 31.03.2015

Autor: Hannah Green

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

Green, Hannah (1973) Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen. Bericht einer Heilung. Diverse Ausgaben bis in die Neuzeit.

Die amerikanische Schriftstellerin Joanne Greenberg (geb. 1932 in Brooklyn, NYC) ist vor allem bekannt durch ihren 1964 publizierten Roman Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen (englisch: I Never Promised You a Rose Garden), den sie unter dem Pseudonym Hannah Green veröffentlicht hat. Der Roman behandelt die Heilung der Schizophrenie einer Jugendlichen aus einer jüdischen Familie in den 40er und 50er Jahren durch die die Schizophrenie-Behandlung wegbereitende Therapeutin Frieda Fromm-Reichmann in der Chestnut Lodge Klinik in Rockville, Maryland.
Das Buch wurde alleine in der deutschen Übersetzung weit mehr als eine halbe Million Mal verkauft. 1977 wurde der Roman unter dem selben Titel Ich hab’ dir nie einen Rosengarten versprochen verfilmt; und 2004 entstand ein gleichnamiges Theaterstück.
Frieda Fromm-Reichmann (* 23. Oktober 1889 in Karlsruhe; † 28. April 1957 in Rockville, Maryland, USA) war eine deutsch-US-amerikanische Ärztin und Psychoanalytikerin. Sie gilt als Pionierin der analytisch orientierten Psychotherapie von Psychosen und Vertreterin der Neopsychoanalyse.
Frieda schrieb sich 1908 an der Medizinischen Fakultät von Königsberg ein, wo sie 1911 das Staatsexamen und die Promotion zum Dr. med. bestand. 1914 erhielt sie ihre Approbation. Während des Ersten Weltkrieges behandelte sie als Assistentin des Neurologen und Psychiaters Kurt Goldstein an der Nervenklinik der Universität Königsberg gehirnverletzte deutsche Soldaten.
Von 1918 bis 1920 arbeitete sie in Frankfurt am Main, bis 1923 im Privatsanatorium Weißer Hirsch in Dresden und anschließend in Berlin. Sie ließ sich zur Psychoanalytikerin ausbilden und eröffnete in Heidelberg ein privates Sanatorium, in dem sie auch psychotische Patienten behandelte. 1926 heiratete sie den Psychoanalytiker Erich Fromm und gründete 1929 mit ihm zusammen das Frankfurter Institut für Psychoanalyse. Um 1930 gehörte sie mit Franz Alexander, Otto Fenichel, Erich Fromm, Georg Groddeck, Karen Horney, Melanie Klein, Sándor Radó , Hanns Sachs und René A. Spitz zur Berliner psychoanalytischen Vereinigung. 1931 kam es zur Trennung von Erich Fromm.
1933 emigrierte Frieda Fromm-Reichmann über Straßburg und Palästina in die USA, wo sie als Psychotherapeutin in der von Dexter M. Bullard geleiteten Psychiatrischen Klinik Chestnut Lodge in Rockville, Maryland arbeitete. Dort lernte sie Harry Stack Sullivan kennen, von dessen interpersoneller Theorie sie stark beeinflusst wurde. 1943 gründete sie mit Harry Stack Sullivan, Erich Fromm, Clara Thompson und Janet Rioch das William Alanson White Institute of Psychiatry, Psychoanalysis and Psychology. Sie lehrte an der Washington School of Psychiatry und arbeitete als Director of Psychotherapy in Chestnut Lodge bis zu ihrem Tode.
Sie entfernte sich in den 1930er Jahren von Freuds Auffassung, dass Psychosen für die Psychoanalyse nicht überwindbar seien, sowie von den Ansichten der traditionellen Psychiatrie, für die Schizophrenie genetisch bedingt und unheilbar war. Sie näherte sich damit Alfred Adlers Individualpsychologie an, die den Menschen und seine Psyche als unteilbares Ganzes und deshalb als therapierbar ansah. Ihr Begriff von der schizophrenogenen Mutter weist darauf hin, dass Fromm-Reichmann die Ursache von Psychosen nicht mit der biologischen Vererbungslehre erklärte, sondern mit psychosozialen Faktoren im familiären Umfeld, insbesondere der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Diese Theorie spielt in dem Roman bemerkenswerter Weise keine Rolle.
In Fromm-Reichmanns Aufsatz Über die Einsamkeit wies sie auf die Bedeutung der Einsamkeit für die Entwicklung psychischer Störungen und Geisteskrankheiten hin. Dieser Einsamkeit stellte sie die Arzt-Patienten-Beziehung als heilende zwischenmenschliche Begegnung gegenüber: Der Therapeut sollte dem Patienten eine Brücke bauen, über die er aus der großen Einsamkeit seiner eigenen Welt zu Realität und menschlicher Wärme gehen kann. 1950 beschrieb sie die von ihr entwickelte Therapieform der „Intensiven Therapie“ im Werk Principles of Intensive Psychotherapy.
Das 1886 erbaute Gebäude diente zunächst als Hotel garni, machte um 1906 pleite und wurde 1910 als ein Sanatorium für nervöse und Geisteskrankheiten wiedereröffnet, genannt Chestnut Lodge nach den 125 Kastanienbäumen auf dem Grundstück. Dr. Ernest L. Bullard war der erste und lange Zeit einzige Arzt, aber in den nächsten 75 Jahren arbeiteten drei Generationen von bekannten und bewunderten Ärzten dort. Das Hospital war Schauplatz für eine Serie von einflussreichen Studien über die Langzeitbehandlung psychiatrischer Krankheiten, bekanntgeworden als die Chestnut Lodge Studies.
Im Jahr 1997 wurde das Gebäude von einer Firma namens CPC Health gekauft und ging 2001 in die Hände der Washington Waldorfschule über, als CPC Konkurs machte. 2008 wurde das Anwesen zu Eigentumswohnungen umgebaut und das Gelände mit Eigentumswohnungen bebaut. Der Hain von Kastanienbäumen und einige Original-Fassaden konnten bewahrt werden. Aber um 03.00 Uhr morgens am 7. Juni 2009 wurde das Gebäude durch einen Brand zerstört. Das Gebäude war leer und niemand wurde verletzt. Die Ursache des Feuers ist nicht bekannt.
* * *

In dem autobiographischen Roman Greens ist die Ich-Erzählerin Deborah 16 Jahre alt. Ihre Eltern werden Esther und Jacob Blau genannt. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht eines scheinbar objektiven Dritten. Sie setzt damit ein, dass Jacob und Esther ihre Tochter Deborah offenbar im Oktober 1948 in einer zweitägigen, langen Fahrt von Chicago nach Maryland in die Klinik Chestnut Lodge bringen.
Die Krankheit hatte heimtückisch und schleichend eingesetzt und kumulierte vorläufig in einem Selbstmordversuch, der endlich Anlass zum Handeln gibt. Die Eltern beschließen, der weiteren Verwandtschaft und auch ihrer zweiten Tochter Susi zu verheimlichen, dass Deborah in eine Irrenanstalt eingeliefert wurde; man würde etwas von einem Sanatorium und von Rekonvaleszenz erzählen.
Auf Seite 14 wird die Ärztin Frau Dr. Fried (Fromm-Reichmann) vorgestellt. Indem Dr. Fried die Krankenakte ließ, erfährt der Leser mehr aus der Vorgeschichte: IQ 140-150; typisch schizophrene Persönlichkeitsstörung mit zwanghaften und masochistischen Komponenten; Auflösung des logischen Denkens, extreme Angstzustände; geboren 1932, Schwester fünf Jahre jünger, Vater 1913 aus Polen immigriert, Wohnort Chicago. Dr.Fried wird als klein, grauhaarig und pummelig beschrieben. Deborah hält sie zunächst für eine Haushälterin.
Aus dem ersten Gespräch zwischen Deborah und Dr. Fried (S. 20/21):
«Weißt du, warum du hier bist?» sagte die Ärztin.
«Unbeholfenheit. Erst kommt Unbeholfenheit, und dann noch eine ganze Liste: faul, launenhaft, halsstarrig, egozentrisch, häßlich, gemein, taktlos und grausam. Auch eine Lügnerin. Diese Kategorie hat Untertitel: a) Vorgetäuschte Blindheit, eingebildete Schmerzen, die das Doppelte an wirklichen Schmerzen verursachen, nicht vorhandene Hörausfälle, gelogene Beinverletzungen, geheucheltes Schwindelgefühl und ein nicht nachzuweisendes und böswilliges Simulieren; b) ein schlechter Verlierer sein. Habe ich Unfreundlichkeit vergessen? … Also auch Unfreundlichkeit.»
In dem Schweigen sanken die kleinen Staubteilchen langsam durch die Sonnenstrahlen, und Deborah dachte, daß sie vielleicht zum ersten Mal ihre wahren Gefühle ausgesprochen hatte. Wenn all das wirklich stimmte – nun gut, so würde sie dieses Zimmer verlassen und hätte wenigstens ihren Überdruß und Widerwillen gegen die ganze dunkle, von Qual überlaufende Welt herausgesagt.
Die Ärztin sagte einfach: «Na, das scheint ja eine ganz schöne Liste zu sein. Ich glaube, einige von den Dingen sind nicht so, aber wir haben noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns.»
«Ja, mich freundlich, süß, willig und glücklich zu machen bei all den Lügen, die ich erzähle.»
«Dir zu helfen, gesund zu werden.»
«Das Jammern zum Schweigen zu bringen.»
«Ihm ein Ende zu machen, wo es der Ausdruck eines Wirrwarrs deiner Gefühle ist.»
Die Schlinge zog sich zu. Wild strudelte die Angst in Deborahs Kopf, und sie sah nur Grauschleier. «Sie sagen, was alle sagen – vorgetäuschte Beschwerden über nicht vorhandene Krankheiten.»
«Mir scheint, in Wahrheit habe ich gesagt, daß du sehr krank bist.»
«So wie die andern hier?» Näher wagte sie sich nicht heran, und das war schon sehr nahe an den schwarzen Orten des Entsetzens.
«Meinst du mit deiner Frage, ob ich glaube, daß du hierher gehörst und daß deine Krankheit etwas ist, was man eine Geisteskrankheit nennt? Die Antwort heißt ja. Ich glaube, daß du in diesem Sinne krank bist, aber wenn du dich sehr anstrengst und einen Arzt hast, der gründlich mit dir arbeitet, kannst du, glaube ich, gesund werden.»
So unverhohlen und nackt war das. Trotz des Entsetzens, das mit diesem ständig gemiedenen, umschriebenen und unausgesprochenen Wort verbunden war, an das Deborah jetzt dachte, kam ein Lichtschimmer von den Worten der Ärztin, eine Art von Licht, das in viele Zimmer der Vergangenheit hineinschien. Das Elternhaus und die Schule und alle diese Sprechzimmer und immer wieder die klingelnd freudige Beschuldigung: Nichts Fehlt Dir, Nichts. Seit Jahren hatte Deborah gewußt, daß ihr mehr als nur ein bißchen fehlte, etwas Tiefgreifendes und Schwerwiegendes, mehr als die zeitweiligen Erblindungen, der scharfe Schmerz, die Lähmung, der Schrecken und die Unfähigkeit, sich an irgend etwas zu erinnern, vermuten ließen. Sie hatten ihr immer gesagt: «Dir fehlt nichts, wenn du nur…» Hier endlich war die Rechtfertigung für all ihre Gefühle von Zorn und Wut in jenen Sprechzimmern.
Die Ärztin sagte: «Woran denkst du? Ich sehe, daß sich dein Gesicht ein wenig entspannt.»
«Ich denke über den Unterschied zwischen einem Vergehen und einem Verbrechen nach.»
«Wieso?»
«Der Gefangene bekennt sich schuldig im Sinne der Anklage, überhaupt keine akute, x-beliebige Itis zu haben, und läßt sich wegen planvollen und vorsätzlichen Überschnappens verurteilen.»
«Vielleicht nur fahrlässig», sagte die Ärztin und lächelte ein wenig, «weder ganz freiwillig noch ganz nach Plan.»
Plötzlich erinnerte sich Deborah an das Bild, wie ihre Eltern, jeder ganz für sich und doch zusammen, auf der anderen Seite der ausbruchsicher verschlossenen Tür standen. Nicht vorsätzlich, ihre Schuld, aber doch mehr als nur ein bißchen böse Absicht.
Deborah bemerkte, daß sich die Schwester im anderen Zimmer bewegte, als ob sie sie darauf aufmerksam machen wollte, daß die Zeit um war.
Die Ärztin sagte: «Wenn es dir recht ist, machen wir einen weiteren Termin aus und fangen mit unseren Gesprächen an, denn ich glaube, daß du und ich, wenn wir wie der Teufel zusammenarbeiten, die Sache schaffen können. Zuerst will ich dir noch einmal sagen, daß ich dir nicht gegen deinen Willen Symptome oder Krankheit nehmen werde.»
Deborah scheute vor der Verpflichtung zurück, aber sie gestattete ihrem Gesicht ein vorsichtiges Ja, und die Ärztin sah es. Sie gingen aus dem Zimmer, Deborah eifrig bemüht, sich so zu benehmen, als sei sie irgendwo anders und offenbar uninteressiert an Ort und Personen hier.
Deborahs Eltern fragen sich verzweifelt, was sie falsch gemacht haben (Seite 23). Besonders Jacob kann nicht akzeptieren, dass seine intelligente Tochter krank sein sollte. Lieber sollte sie unglücklich gewesen sein, dann könnte man sich entschuldigen. Vor allem aber: War die Entscheidung richtig, Deborah in die Klinik zu geben? Esther und Jacob haben Auseinandersetzungen darüber und das hinterließ bei beiden eine Atmosphäre wortloser Verbitterung und Anschuldigung.
Die Eltern grübeln über die Ursachen nach. “Sehen Sie – diese ganze Zeit … diese ganze Zeit über haben wir uns den Kopf darüber zerbrochen, wie und warum dies geschehen konnte. Sie hat so viele Liebe bekommen! Einige Leute sagen mir, diese Krankheiten würden durch die Vergangenheit und die Kindheit eines Menschen verursacht, deshalb haben wir die ganze Zeit über diese Vergangenheit nachgegrübelt. Ich habe gesucht, und Jacob hat gesucht, und die ganze Familie hat sich Gedanken gemacht, und am Ende können wir einfach keinen Grund dafür finden. Es gibt keine Ursache, wissen Sie, und das ist so erschreckend.” (Seite 29)
Dr. Fried antwortet: “Ursachen sind zu komplex, als dass man sie alle gleichzeitig sehen könnte – geschweige denn so, wie sie wirklich sind; aber jeder von uns kann seine eigenen Wahrheiten nennen und hat seine Version von den Ursachen …” (Seite 30)
Esther erzählt also aus ihrer eigenen Geschichte, angefangen mit dem eigenen Vater. Dieser hatte einen Klumpfuß und war aus Lettland in die USA eingewandert, arm, fremd und verkrüppelt (Organminderwertigkeit!). Er hat mit seinem neuen Leben gerungen wie mit einem Feind. Er war voller Wut. Und mit dieser Wut hatte er Erfolg und ein Vermögen zusammengetragen. Seinen Kindern gab er die Aufgabe mit, weiter in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen. Esther heiratete jedoch in mehr oder minder bewusster Abgrenzung dazu einen einfachen Buchhalter. Esthers Tochter Deborah hatte blonde Haare und helle Haut, sozusagen eine Adelige in einem Bauerngeschlecht. Deborah war die Mitte, um die sich alle Träume der Familie drehten.
Das goldene Spielzeug hatte aber einen Riss bekommen, es nässte ein. Es wurde geschimpft, geschlagen und es wurden Drohungen ausgestoßen. Nichts half. Ein Blasentumor wurde in zwei grauenhaften Operationen entfernt. Obwohl sich Esther ständig Sorgen um Deborah machte, zeigte sie nach außen immer eine glatte, gezwungen heitere und starke Oberfläche.
Deborah ging auf die besten Schulen und im Sommer in die besten Sommerlager. Ihre Eltern erfuhren erst nach drei Jahren, dass die Sommerlager antisemitisch waren, Deborah hatte ihnen niemals davon erzählt. Den Lehrern fiel auf, dass sie nicht mit den anderen Kindern spielte. Sie war immer zuhause und versteckte sich. Sie aß eine Unmenge und wurde dick. Alles war schleichend gekommen. Sie schlief nicht, genauer gesagt die Mutter sah sie nie schlafend. Nachts war sie hellwach (Seite 34). Sie malte Hunderte, ja Tausende von Bildern. Zugleich war sie heftig, mit beißendem Witz, dann wieder bot sie ein Bild des Jammers. Sie war besonders, ein begabter Geist. Ihre Ziellosigkeit wurde mit Nachsicht behandelt. Im Alter von zwölf unternahm sie den ersten Selbstmordversuch. Dr. Fried versuchte Esther zu beruhigen: “Lassen Sie uns, Deborah und mich, die Ursachen finden. Quälen sie sich nicht, machen Sie sich selbst oder Ihrem Mann oder sonst irgend jemandem keine Vorwürfe. Sie wird Ihre Unterstützung brauchen, nicht Ihre Anklage.” (S. 38)
In den nächsten Kapiteln dringt der Leser immer tiefer in die Geschichte ein. Die Sache mit dem Tumor im Unterleib begann wohl bereits mit fünf Jahren. Die Ärzte drangen mit Sonden und Nadeln in sie ein. In jener Nacht hatte sie einen Traum, einen Albtraum, wie man in sie eingebrochen war wie in einen ausgeplünderten Raum, sie in Stücke gerissen, mit Scheuersand sauber geschruppt und wieder zusammengesetzt hatte – tot, aber nun annehmbar (Seite 40). Dem Mädchen wurde nicht die Wahrheit gesagt. Und sie hatte unsägliche Schmerzen. Deborah: „Sie haben mich für diese Dinge niemals um Verzeihung gebeten, und ich habe ihnen niemals verziehen“ (Seite 41). Als der Tumor entfernt war, hatten alle jubiliert, aber Deborah sah den Krankenhausaufenthalt nachträglich als schwarze Prophezeiung für das Kommende. In der Familie drehte sich alles um Deborah und Susi ist eifersüchtig auf ihre Schwester.
Neben der Unterleibsoperationen und den Lügen im Krankenhaus gab es weitere Dramatisierung: die Geburt ihrer Schwester Susi. Deborah fand Susi hässlich und konnte sie nicht lieben. Wegen der Operationen war Deborah später zu Schule gekommen und hatte die ersten Freundschaften und Gruppenbildungen nicht mitbekommen. Als kleines Judenmädchen war sie Zielscheibe von Spott. Im Sommerlager war sie die einzige Jüdin. All das versteht sie nicht und sie denkt, sie besitze einen angeborenen Fluch. Deborah war dankbar, dass Dr. Fried sich stellvertretend für das kleine Mädchen zum Zorn (auf die Ärzte, auf die Lehrer) bewegen ließ (Seite 46).
Yrs Welt: Die Autorin beschreibt den Seelenzustand ihrer Hauptperson von innen. In ihr sind zwei Welten wirksam, einmal das Land Yr und das Jetzt beziehungsweise die Außenwelt. Yr ist bewohnt von verschiedenen Gestalten, beispielsweise Anterabae, der Fallende Gott. Die Gestalten sprechen zu ihr und mit ihnen spricht die Kranke. Yr hat einen geheimen Kalender mit einer anderen Zeitrechnung als die irdische. Yr ist von Göttern und Dämonen, dem Großen Chorus und einem Zensor bevölkert. Letzterer steht zwischen Deborahs realen Welt und der geheimnisvollen Yr-Existenz. Yr ist eine Zusammenballung der Schatten aller Lehrer und Verwandten und Schulkameraden, die endlos Verwünschungen und Verurteilungen ausstoßen.
Manchmal dringt Yrs Welt nach außen, was die Patientin in panische Angst versetzt. Sie zieht sich zurück. “Yr schloss sich über ihrem Kopf wie eine Wasseroberfläche, auf der kein Zeichen ihres Eintauchens zurückblieb”. Die Oberfläche war glatt. Dr. Fried bohrt in ihrer Lebensgeschichte und versucht, ihre Geheimsprache zu verstehen, sofern sie an die Oberfläche dringt, beispielsweise „abgeschlossene Augen“, ein Wort für Sarkophag, Augen, mit denen man nur das Abbild der Wirklichkeit sehen kann.
Das Yr-Wesen Anterrabae sagt ihr, sie habe niemals „zu ihnen“ gehört, sie sei völlig anders. Zwischen sich selbst und den anderen entstand ein tiefer Abgrund.
Fried fürchtete sich nicht vor der Krankheit, zog sie nicht ins Lächerliche, benutzte keine abwiegelnden Ausdrücke, war ganz ernst. Deborah begann, ihr von Yr zu erzählen, wie die Einsamkeit in ihr um sich griff. Yr war ein schönes Land, verwandelte sich aber allmählich zu einer Quelle von Furcht und Leid. Einst eine Zuflucht jetzt eine Tyrannei. Der Chorus trug Verwünschungen feierlich vor. Der Zensor wachte darüber, dass die Welt Yr nicht mit der Erde Kontakt aufnimmt. Der Zensor war ein Tyrann. Ihre Krankheit, die jeder fürchtete, war eine Anpassung; diese verborgenen Welten und die Sprache und Geheimzeichen, all das waren für Deborah Mittel, um in einer Welt von scheinbarer Anarchie und Terror am Leben zu bleiben (Seite 57).
Dr. Fried drängt drauf, dass Deborah erkennen möge, dass die Götter und die Teufel und das ganze Yr ihre eigene Erfindung sind. Das hatten ihr die Leute ohnehin immer schon gesagt. Deborah beharrt aber darauf: Yr ist wirklich! Die kleinen, im Leben unvermeidlichen Enttäuschungen waren nach Deborahs Gefühl und Überzeugung der Weg ins Verderben, als ob sie Teil eines Planes gewesen wären.
Yr erschien ihr als Geschenk zu ihrem neunten Geburtstag. Dieses Land konnte sie betreten oder verlassen, ohne sich äußerlich zu verändern. Yr hatte ihr die Macht gegeben, ihre Gestalt zu verwandeln. Sie war ein Pferd oder ein Vogel. Als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war und die Namen der Pazifischen Inseln für die Amerikaner ein anderes Wort für Magie und Hölle wurde, hatte der Chorus zu ihr gesagt: “Sie hassen diese Japaner genauso, wie sie dich immer gehasst haben”, sie war nicht eine von ihnen (den Amerikanern). Sie hatte im Radio gehört, „wer nicht für uns ist, ist gegen uns!” Und der Chorus hatte geschrien: „Dann musst du dieser Feind sein, den sie bekämpfen!” Deborah wurde wiedergeboren als japanischer Soldat, der Tumor war seine Kriegswunde.
Die Krankheit war zugleich ihre einzige Verteidigung und Stärke. Sie hatte sie an einen Ort gebracht, wo sie die Entscheidung zwischen der Welt und Yr in Sicherheit treffen konnte.
Auf Station: Schonungslosigkeit und Offenheit waren zwei Vorrechte in der Klinik, und jeder schöpfte sie bis zur Neige aus: „Meine Mutter”, sagte Carla beiläufig, „sie schoss auf mich, meinen Bruder und sich selbst. Sie starben; ich lebe. Mein Vater hat wieder geheiratet, und ich bin verrückt geworden.” (S. 42)
Auf Station D ist den Patientinnen so gut wie nichts erlaubt. Ihr Tagesablauf besteht aus Langeweile und Warten. Sie warten auf das Abendessen, auf die Dunkelheit, auf die Beruhigungsmittel, auf den Schlaf, „eine schwere Urin- und Desinfektionsmittelatmosphäre“.
Sie ritzt sich tief, sehr tief mit dem gefundenen Deckel einer Blechdose. Sie wird auf die geschlossene Station verlegt. Hier gab es keine verlogene Höflichkeit mehr und keinen Zwang, nach denen unverstehbaren Gesetzen der Erde zu leben (Seite 48). Sie bekommt Kaltpackungen: kalte Tücher werden um ihren nackten Körper gewunden und damit wird sie auf einem Brett festgeschnallt. Der Kampf gegen die Kälte soll sie ermüden und erschöpfen. So kann sie aus der Welt der Dunkelheit zur Erde auftauchen.
Selbst die Verrückten leben in einer Gruppe, sagt die Ärztin. Deborah widerspricht, sie gehöre hier im Krankenhaus zu niemandem, aber ein neuer Lichtstrahl senkt sich in die Dunkelheit Deborahs und sie wehrt sich zu spät, um es ungeschehen machen zu können. Letzten Endes war sie auf Station D zu Hause, und zwar als ein erkennbares und definierbares Ding, als eine von den Verrückten.
Das tierische Schreien, das Urinieren auf dem Boden, das Verschmieren von Exkrementen und Essen, die Verweigerung der Hygiene, die täglichen Gewalttätigkeiten untereinander, gegen sich selbst und gegen die Pfleger – all das wird in dem Roman nur angedeutet.
Als Esther und Jacob ihre Tochter besuchten, war diese beinahe nicht zu erkennen gewesen. Es war, als ob sie ihren eigenen Körper nicht bewohnte, als ob sie von innen heraus zu Tode geschlagen wird. Sie beschließen, Susi die Wahrheit zu sagen (Seite 101).
Die Arbeit auf der Station ist ansteckend. Zwei Schwesternschülerinnen brachen zusammen und wurden selbst Patienten in einer psychiatrischen Klinik. Die Gewalt und die Zügellosigkeit der Patienten sind kaum auszuhalten.
Die tägliche Gewalt auf der Station wird nur angedeutet (Seite 167/168). Schlagen, Stehlen, Fluchen, Gotteslästerung und außergewöhnliches sexuelles Verhalten waren keine Sünden auf Station D. Auf den Boden spucken, urinieren, Stuhlgang haben oder unmäßig in der Öffentlichkeit masturbieren erregte nur beiläufigen Ärger, aber keinen Schrecken (Seite 170).
Traumata: Die zweite Wandlung kam, als sie neun war und im Sommerlager antisemitisch beschimpft wurde. In allen größeren Städten Amerikas gab es während des Zweiten Weltkrieges Überfälle auf Synagogen und jüdische Nachbarn. Wenig später hörte sie die Stimme, die sagte, “du bist nicht eine von ihnen. Du bist eine von uns”. Der Hass der Menschen in der Welt war plötzlich keine Wunde und keine Scham, sondern eher ein Beweis für die Existenz Yrs. Die dritte Wandlung war der Umzug in die Stadt kurz vor ihrem 16. Geburtstag, der sie noch tiefer in die Einsamkeit stieß. Yr nahm sie auf und sie musste nicht mehr kämpfen oder Widerstand leisten.
Nach der Tumoroperation, dem Antisemitismus im Sommerlager und dem Umzug in die Stadt musste diese bösartige und verderbliche Einsamkeit begonnen haben, die der Boden von Geisteskrankheiten ist (Seite 58). Deborah kommt den Randgebieten irdischer Wirklichkeit wenigstens manchmal nahe, das wird sie später gesunden lassen (anders als andere Patienten).
Deborah wird getadelt und man wendet sich von ihr ab, aber sie weiß nicht warum. An einer kleinen Episode kann die Ärztin zeigen, dass es Deborah selbst war, die sich dazu zwang, ihre Malkunst zu verleugnen. Die Ärztin sieht, wie Deborah Angst bekommt; sie würde sich selbst begegnen müssen, wie sie an ihrer eigenen Zerstörung mitarbeitet. Die Schlacht wird jetzt in vollem Ernst ausgetragen.
Deborah hatte durchaus Gründe dafür, dass die Welt für sie so erschreckend war. Da war zum Beispiel der Großvater, dessen dunkler Schatten über der ganzen Familie hing. Er lehrte sie, die Beste zu sein und hart zu sein.
Dr. Fried und Deborah kommen dahinter, dass Deborahs Vater irrsinnige Angst um seine Tochter hat. Ununterbrochen warnte er sie vor der tierischen Lust der Männer. Er schlug sie wegen Trivialitäten oder Missverständnissen. Er sprach wenig und dann schlug das Schweigen um in ein unsinniges Toben. Er selbst hatte Angst vor Männern und vor seiner eigenen dunklen Begierde. Er machte sie zu einer geheimen Komplizin seiner Angst. Zugleich wünschte Jacob sich ein sittsames, gehorsames, frauliches Wesen, unschuldig und im weißen Kleid.
Dynamik: Der Großvater war stolz auf ihre frühreife Klugheit, zugleich war sie nur ein Mädchen, eine Kuh, die irgendwann mal Kinder in die Welt werfen werde. Die Frühreife gaukelte ihr aber nur vor, etwas Besonderes zu sein. Die Altersgenossen ließen sich nicht täuschen und Deborah kam mit ihnen nicht klar. Im Gespräch mit Dr. Fried (Seite 88 folgende) kommt sie zu dem Punkt, als die Mutter mit Zwillingen eine Fehlgeburt hatte und sich für einige Zeit wegbegab, um sich zu erholen. Deborah erlebte das Gefühl der Verlassenheit und des Verlustes aller Liebe. Die jahrelange Verstärkung von Erinnerungen geben diesen ein Gewicht, das ungeheuer werden kann. Die Kälte der Verlassenheit sagte ihr immer wieder: “Siehst du? So ist letzten Endes das Leben.” (Seite 90) Die Geister der Vergangenheit packen sie in der Gegenwart.
Die Ärztin erhob einen Anspruch auf Verständigung. Sie lobte Deborah dafür, dass sie ihr von der geheimen Welt erzählt. Die Ärztin vermutet hinter der geheimen Sprache eine noch geheimere; eine Welt, die eine verborgene Welt verschleiert, und Symptome, die noch tiefere Symptome bewachen – und diese verbargen einen viel, viel tieferen brennenden Wunsch, den Wunsch zu leben (so sieht es Fried).
Symptomatik: In ihren erregten Stunden kann sie nur noch grau sehen, kaum noch hören, nicht mehr sprechen, vergisst die englische Sprache und selbst Yri, die reale Welt rückt von ihr ab und sie lebt wieder in Yr. Die Aussicht darauf, gesund zu werden, herauszukommen und zu arbeiten, versetzt die Patientin in Panik. Dass sich die Türen der Anstalt öffnen könnten, ist eine Chance und eine unbegreifliche Bedrohung.
Besonders eindrücklich sind die Schilderungen der Zustände, wenn Deborah wegdriftet und die Beziehung zur realen Welt verliert:
“Ein schwarzer Wind kam auf. Die Wände zerfielen, und die Welt wurde ein Gewirr von Schatten. Sie suchte nach dem Schatten von festem Boden, auf dem sie stehen konnte, und wurde nur wieder getäuscht, als er sich wegbog wie eine Hitzespiegelung der Luft. Sie sah Land, und der Wind blies es weg. Jede Richtung wurde eine Lüge. Die Gesetze der Physik und der festen Materie waren aufgehoben, und die lebenslange Erfahrung des Tastsinns, der Form, der Schwerkraft und des Lichts wurden außer Kraft gesetzt. Sie wusste nicht, ob sie stand oder saß, was oben oder unten war. Sie verlor das Gefühl für die Teile ihres Körpers; vergaß, wo ihre Arme waren und wie man sie bewegte. Während ihr Sehvermögen unberechenbar in schnellem Wechsel schwand und zurückkehrte, versuchte sie, sich an Gedanken festzuhalten – und bemerkte nur, dass sie jede Erinnerung an die englische Sprache verloren hatte und daß selbst Yri nur Kauderwelsch war. Das Gedächtnis verließ sie ganz und dann der Verstand und es blieben die schneller und schneller werdenden Abfolgen von Wahrnehmungen, nicht identifizierbar, ohne Worte oder Gedanken, um sie festzuhalten. Sie suggerierten etwas Geheimnisvolles und Schreckliches, aber sie konnte nicht festhalten, was es war, denn letzten Endes gab es kein antwortendes Selbst mehr. Jetzt war das Entsetzen ohne Grenzen.“ (Seite 82)
Es sind keine Metaphern wenn gesagt wird, man verliert den Verstand, man bricht zusammen, man wird verrückt, wahnsinnig, irrsinnig. All das ist wahr. Dr. Fried sagt: “Wir, die wir diese Krankheit niemals am eigenen Leibe erfahren haben, können nur vermuten, welche Schrecken und welche Einsamkeit dort sein müssen.” (S. 99)
Der Titel „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ entspringt aus einer Episode, die ab Seite 94 erzählt wird. Deborah und eine Mitpatientin liegen in der Kälte-Packung. Ein Wärter kommt herein und will den Puls an der Schläfe fühlen. Die Mitpatientin spuckt den Wärter an, der schlägt ihr ins Gesicht. Je mehr sie spuckt, desto mehr schlägt er sie. Das erzählt Deborah ihrer Therapeutin. Deborah will die Sache nicht auf sich beruhen lassen, aber die Ärztin sagt, dass sie sich nicht in die Angelegenheiten der Station einmischen kann. Deborah ist verbittert. Was nützt ihr die Wirklichkeit da draußen, wenn Gerechtigkeit scheitert und Ehrlichkeit vertuscht wird. Dr. Fried antwortet: „Ich hab dir keinen Rosengarten versprochen. Ich hab‘ dir nie vollkommene Gerechtigkeit versprochen und ich habe dir nie Frieden oder Glück versprochen. Ich helfe dir, damit du selbst frei wirst, für all diese Dinge zu kämpfen. Die einzige Wirklichkeit, die ich anzubieten habe, ist eine Herausforderung, und gesund sein heißt frei sein, sie anzunehmen oder nicht …“ (S. 96/97) Schließlich verspricht Dr. Fried, den Vorfall in der nächsten Besprechung anzubringen.
Wendung zum Guten: Eine erste kleine Veränderung bewirkt die ernstgemeinte Bitte eines beliebten Pflegers an Deborah, sie möge einen neuen Aushilfspfleger, einen Wehrdienstverweigerer, in Ruhe lassen. Deborah ist entsetzt, dass ihre Verantwortung zugebilligt wird, aber dieses Entsetzen ist durchsetzt von einem neuen Gefühl, dem der Freude (S. 86).
Eine weitere Wende tritt ein, als Miss Coral in die Station zurückkommt, die sie vor ein paar Jahren längere Zeit bewohnt hatte. Ihr geht der Ruf voraus, mehrere Sprachen zu sprechen und Mathematik zu können. Deborah setzt sich vor ihre Zimmertür und wartet, dass sie herauskommt. Als das geschieht, bittet Deborah sie, sie zu unterrichten. Miss Coral, eine ältere Frau, sagt zu. Ein konventioneller Lehrer hätte niemals auch nur die Spur eines Erfolges verzeichnet gegen die Feindseligkeit Deborahs, aber von Miss Coral fühlte sie sich nicht bedroht. Coral bringt ihr ein wenig Lateinisch und Griechisch bei. Deborahs Wissbegier ist geweckt. Sie fragt andere Patientinnen nach Gedichten, die sie auswendig können, oder nach Stellen aus Theaterstücken. Deborah erkennt, dass man lernen und dennoch verrückt sein kann.
Deborah zieht sich für Monate in ihr Bett zurück. Frau Fried sagt zu ihr: „Ich vertraue auf unsere gemeinsame Arbeit und auf die verborgene Gesundheit in dir.“ Als Deborah das Zimmer wieder verlassen konnte, freuten sich Miss Coral und die Mitpatientin Carla darüber. Deborah beginnt es zu dämmern, dass Carla ihre Freundin geworden war und dass sie noch die Fähigkeit hatte, Freundschaft zu fühlen.
Eines Tages verletzt die kleine Miss Coral eine bei vielen beliebte Patientin. Warum eine von den Guten? Es scheint ein Zeichen der Genesung zu sein, dass Deborah darüber weinen kann.
Ganz langsam lässt die Ärztin Deborah näher und näher an das Aussprechen der Wahrheit herankommen. Stück für Stück entlockt die Ärztin Deborah wertvolle Geheimnisse, beispielsweise dass sie ein Japaner war. Deborah kann diese Wahrheiten nie sofort annehmen, zwischendrin erscheinen sie als Teil des allgemeinen großen Betrugs und einer weiteren Finte der Hölle, sie leiden zu lassen.
Dann wird eine frühere Mitpatientin, Doris Rivera, wieder auf die Station eingeliefert; „das große Rad der Welt hatte ihr das Rückgrat zerbrochen“. Deborah stellt ihr die Frage: „Wie kommt es, dass Du wieder da bist?” (S. 129), ein Zeichen von Anteilnahme. Deborah kann Dr. Fried etwas aus ihrem Innenleben erklären, was Deborah freut, weil es vielleicht heißt, dass sie irgendwo etwas wert ist (Seite 146). Dr. Fried versucht Deborah dazu zu verlocken, es doch mit der Welt zu versuchen. (Seite 132)
Die therapeutischen Bemühungen der Ärztin bestehen darin, sie in irgendeiner Weise an die reale Welt anzudocken. Die Arbeit ist intensiv, die Symptome und Geister der Vergangenheit müssen aufgestöbert werden. Dr. Fried ist erschöpft nach den Sitzungen. Die Intensität ihres Zuhören, ihres Teilnehmens ist so stark, dass sie im Zweifel ist, ob sie den ganzen Nachmittag lang die Schreie und Qualen der anderen Patienten aushalten würde.
Der Sinn dieser Therapie und ihr Erfolg erscheinen erst, wenn die Welt für den Patienten Wirklichkeit wird. Nur ganz selten gibt die Ärztin dabei etwas von sich Preis. Einmal schenkte Fried ihr eine Blumenblüte, als Ausgleich und Trost für die furchtbaren Bestrafungen von Yr. Später erzählte sie ein wenig von sich, wie sie einmal mit ihrem Vater nach Karlsbad gefahren war, als sie noch selbst ein kleines Mädchen war. Diese persönlichen Momente sind äußerst kostbar und machen aus Deborah einen gleichberechtigten Partner (Seite 143).
Eines Tages kündigt Dr. Fried eine längere Abwesenheit an. Bevor sie fuhr, wurde Deborah in eine etwas weniger strenge Station B gebracht, wo sie unter anderem Papier, Stift, und Bücher erhielt. Dort war es ruhig, verglichen mit dem überschäumenden Wahnsinn auf Station D. Deborah aber befürchtet, dass Dr. Fried sie für immer verlassen wird. Die Vertretung, Dr. Royson, ist humorlos, automatisch, klug, streng, logisch – aber für sie bedeutungslos. Deborah versteinert. Die Hitze des Sommers nahm zu und türmte sich in ihr auf. Sie weiß, die Menschen entfachen ein Gegenfeuer, um damit ein anderes zu löschen. Sie zündet sich Zigaretten an und drückt sie auf ihrer Haut aus (S. 148). Dr. Halle kümmert sich um sie. Für Deborah wurde das Gegenfeuer zum einzigen Weg, den Inneren Druck des Vulkans erträglich zu machen. Sie hörte nicht auf, die gleichen Stellen immer wieder zu verbrennen (S. 153). Andererseits merkte sie plötzlich, dass sie sich vor dem Tod fürchtet. Die Bestrafungen von Yr setzen wieder ein und Deborah muss oftmals in die Kaltpackung.
Aber Dr. Fried kam wieder (S. 155). Deborah hatte vergessen, dass Dr. Fried wiederkommt.
Dr. Fried sagt denkwürdige Worte: „Miß den Hass, den du jetzt fühlst, und die Scham. Ihre Größe entspricht deiner Fähigkeit, zu lieben, Freude zu empfinden und Mitleid zu haben.” (S. 156) Am selben Abend bringt eine Mitpatientin ein Buch mit, das ihr der Stationsarzt geschenkt hat. Es ist eine Dramensammlung, unter anderem die Komödie von Oscar Wilde The Importance of Being Ernest. Die Patientinnen lesen mit verteilten Rollen. Es wird ein lustiger Abend, der nicht in ihre Verdammung einbezogen wurde.
Wenig später beteuert Dr. Fried gegenüber Esther Blau, dass sie sich nicht so mit Deborah abgeben würde, wenn sie nicht die Hoffnung und Zuversicht hätte, dass Deborah einigermaßen selbstbestimmt leben könnte. Esther ist entsetzt über die Selbstverstümmelung ihrer Tochter, und Dr. Fried muss auch mit der Familie Blau irgendwie fertig werden und ihnen sowohl reinen Wein einschränken als auch Hoffnung machen.
Später gibt es eine Situation, in welcher Deborah den Wunsch verspürt, die geringste unter den Patientinnen zu trösten, weil sie geschlagen wurde. Sie kann sich nicht auf diese zubewegen und spürt darüber heftige Scham. Auch das ist für Dr. Fried ein Zeichen, dass Deborah in die menschliche Welt zurückkehren möchte. “Lass uns dankbar sein für die Kraft, die dich das hat merken lassen, und lass uns auf die Zeit hinarbeiten, wo du das auch tun kannst, was du als notwendig erkennst.” (S. 160f.)
Fried sagt ihr, dass sie ihre Mitpatienten zu Komplizen macht, wenn sie deren Zigaretten und Streichhölzer stiehlt, um sich zu verbrennen. Deborah verspricht, es nicht mehr zu tun. Stattdessen fängt sie an, ihren Kopf langsam und regelmäßig gegen die Fliesen zu schlagen. Ihre Wut wird noch einmal gewaltig. Wie in solchen Fällen üblich kommen sechs Pfleger, um sie zu bändigen. Erst kommt Deborah in die Absonderungszelle, dann in die Kaltpackung. Sie kämpft wie ein Tier und wehrt sich mit Kopf und Zähnen, während die Gurte angezogen werden. Sie spürt keinen Schmerz mehr. Sie fürchtet die schrecklichen Kräfte in ihr, die nicht den Tod bringen, sondern den Tod des Verstandes, ein andauerndes Sterben. Fried kann Deborah verdeutlichen, dass sie Hilfe bei einer Krankenschwester holen konnte, der sie vertraute. Fried sagt: „Gar nicht so dumm für jemanden, der angeblich nicht alle Tassen im Schrank hat. Gar nicht so schlecht, dieses Talent zum Leben” (S. 146).
Deborahs Verbrennungen hatten zur Folge, dass auf der Station Zigaretten und Streichhölzer verboten wurden, und alle waren sauer auf sie. Aber niemand fragte, warum sie sich die Verbrennungen beibrachte. Aber Deborah wollte wissen, warum Miss Coral das Bett nach Mrs. Forbes geworfen hatte.
Als Deborah wieder einmal aufgeben will, sagt Fried:
“Habe ich dir je gesagt, dass es leicht sein würde? Ich kann dich nicht gesund machen und ich will dich nicht gesund machen gegen deinen eigenen Willen. Wenn du mit aller Stärke und Geduld, die du hast, kämpfst, werden wir es zusammen schaffen.”
“Und was, wenn ich es nicht tue?”
“Nun, es gibt so viele Anstalten, und jeden Tag bauen sie neue.”
“Und wenn ich kämpfe, dann wofür?”
“Für nichts, was leicht oder süß ist. Ich habe dir das im letzten Jahr gesagt und im Jahr davor. Um dich selbst auf die Probe zu stellen, um deine eigenen Fehler zu machen und die Folgen zu tragen, um selbst zu bestimmen, was Liebe ist und Gesundheit – ein gutes, starkes Selbst, mit dem du anfangen kannst zu leben.” (S. 172)
Die Wärter werden freundlicher zu ihr. Fried fragt Deborah, ob sie wisse, warum? Fried sagt es ihr: weil die Versteinerung des Gesichts gebrochen ist. Man kann jetzt in ihrem Gesicht lesen. Man sehe ihr nicht mehr nur Zorn und Furcht an, auch Freude und Vergnügen und Hoffnung. Die Gesichtsausdrücke sind angemessen (S. 170). Es werden kleine Unterhaltungen mit dem Pflegepersonal möglich – auf gleicher Höhe von Mensch zu Mensch.
Die Farben und Farbschattierungen kehren für sie zurück und Deborah wird immer bestimmter klar, dass sie nicht sterben würde (S. 177). Ihr schmeckt das Essen wieder. Jetzt hat sie Angst, weil sie nicht weiß, was aus dieser Geschichte werden wird. Vielleicht war es nur eine weitere Seite des grausamen Spiels. Die Gespräche mit Dr. Fried gehen weiter. Sie entdecken neue Einzelheiten. Die Rolle des feindlichen Japaners war Antwort auf den Hass der anderen im Sommerlager. Das Märtyrertum hatte etwas mit Christus zu tun, dem Stolz und dem Schrecken jedes Juden. Zorn und Märtyrertum – das ist die Beschreibung des lettischen Großvaters, rief Deborah (S. 180). Noch kann Deborah Yr nicht aufgeben, aber Fried verlangt es auch nicht. “Wenn du dazu in der Lage bist, wirst du wählen.” (S. 180) Aber sie mahnt sie: „Lass nicht zu, dass sie dich jedes Mal quälen, wenn du etwas von dem guten Licht der Welt in dein Fenster einlässt.” Die Brandwunden wollen nicht heilen, aber Deborah fühlt keinen Schmerz.
Ein neuer Arzt versucht es mit einer neuen Salbe gegen die nicht verheilenden Verbrennungen. Deborah ermuntert ihn mit einem Lächeln. Die Salbe wirkt.
Deborah beginnt den Leuten ins Gesicht zu sehen, mit ihnen zu sprechen und sie zu hören. Die Station und ihre Patienten beginnen sie zu langweilen. Sie erhält Ausgang und sie wird auf eigenen Wunsch in die leichtere Station B verlegt, wo Bücher, Papier und Bleistifte gibt. Als sie das letzte Mal auf Station B gewesen war, hatte es nur Dunkelheit und Schweigen gegeben, ausgenommen das Brüllen des Chorus und das Anschwellen des Vulkans. Deborah hatte nichts und niemanden gesehen, nur den Weg zum Bad, zum Essen und die Schlange vor der Medikamentenausgabe. Diesmal sieht sie in die Gesichter der Schwestern, fragt nach ihren Namen und möchte auf ein Zimmer, wo es laut und lebendig ist. Carla ist auch auf der Station. Die Welt erscheint ihr unvergleichlich aufregend und wunderbar.
Carla hat es ein paar Monate draußen versucht und war zurückgekommen. Deborah will wissen wie es draußen ist. Beide machen sich lustig über die Ärzte, die daran arbeiten, zwischen sich und dem Patienten eine Mauer aufrecht zu erhalten. Dr. Fried und andere Ärzte hatten das Tor zwischen sich und ihren Patienten niemals ganz verschlossen.
Fried erinnert sich an eine Geschichte, die Deborah früher erzählte, wie sie als Fünfjährige ihre neugeborene Schwester aus dem Körbchen nahm und aus dem Fenster hielt, um sie fallen zu lassen. Fried sagt ihr jetzt auf den Kopf zu (S. 189), dass die Geschichte nicht stimmen kann. Ein fünfjähriges Mädchen ist zu klein und zu schwach, um ein Neugeborenes aus der Wiege zu heben und aus dem Fenster zu halten. Der Hass auf die Konkurrenz war real, auch der Schmerz und ihr Schuldgefühl, dass sie der Schwester den Tod gewünscht hat. Die Gefühle wurden in eine (Deck-)Erinnerung verwandelt. Deborah ist eine Möchtegern-Mörderin, nur eine eifersüchtige Fünfjährige. Deborah hatte sie nicht einmal angefasst. Damals war sie noch dem Leben verpflichtet gewesen, war freudig und begierig auf die Zukunft zugegangen. Deborah versteht, dass dieses sehr frühe Glücksgefühl ein Beweis dafür ist, dass ihr Fluch nicht ererbt, dass sie nicht durch und durch verdammt ist. Sie litt unter der Konkurrenz der Schwester, aber sie lebte. Und dann geschah es, dass sie der unruhigen Freundin Carla die Hand hielt und Carla wurde ruhig. Deborah traf es wie ein Schlag, dass sie Gutes tun kann.
An einem 1. Januar (1951) kann Deborah erstmals nach Hause fahren. Alle sind da, um sie zu bemuttern. Deborah ist nach dem ersten Tag erschöpft. Diese mittelmäßigen Menschen waren für sie wie Titanen, die keine Ahnung von der ungeheuren Kraft hatten, die es braucht, um lebensfähig zu sein. Deborah erinnert sich an den Zensor, der aufgetaucht war, die beiden Welten voneinander getrennt zu halten. Für eine kurze Zeit fühlte sie sich frei in Yr, bis die Gestalten zu Tyrannen wurden.
Wenig später büxt sie abends mit ihrer Freundin Carla aus der Klinik aus. Es ist wunderbar, lachend durch den Regen zu laufen. Sie singen und erzählen sich Geschichten. Dr. Halle bestraft sie nicht dafür.
Ein anderes Mädchen aus reichem Hause, das erst kurz dabei ist, wird von ihren Eltern wieder abgeholt. Deborah merkt, dass ihre Eltern all die Jahre nicht drauf bestanden haben, dass sie zu gesunden habe. Sie hatten niemals eine Genesung verlangt, beispielsweise um das Prestige der Familie wieder herzustellen. Deborah empfindet Dankbarkeit. Ihre Eltern gaben ihr die Zeit, um ihren Kampf mit den Dämonen von Yr zu kämpfen. Sie hatten den Glauben an eine Zukunft behalten.
Greens Denkweise ist komplex und arbeitet auf mehreren Ebenen: die Wahnsinnswelt von Yr, die Zwischenwelt, die Normalität mit den verschiedenen Bewusstseinsstufen. Auch die Normalität ist teilweise verborgen und unter Konventionen begraben. Man kann tot sein in der normalen Welt, aber man kann sich auch spüren und kämpfen. (Es ist natürlich kein politischer Kampf.) Deborah unterscheidet zwischen einer guten, gesunden Krankheit und einer kranken Krankheit. Die gesunde Krankheit hat noch Hoffnung und den Willen zu kämpfen. Die kranke Krankheit will sich arrangieren und in Ruhe gelassen werden oder aber den Anschluss an die vage Oberflächlichkeit von Konventionen finden. Den Unterschied wird man erst nach langer Zeit erkennen können. Was aber gesagt werden kann ist, dass zwischen der lehrbuchhaften Beschreibung von Krankheit und der Erlebniswelt von Deborah ein ebenso großer Abgrund klafft wie zwischen der Normalität und der Welt von Yr.
In Deborah war der Hunger nach der Welt erwacht. Sie unterhält sich mit den Schwestern und Pflegern und fragt sie nach deren Leben aus – sie will Anteil nehmen und lernen. Sie besucht immer häufiger das nahe gelegene Städtchen und singt im Kirchenchor mit. Schließlich beantragt sie sogar die Entlassung aus der Klinik (S. 207). Deborah nimmt ein Zimmer in der Stadt, unterstützt von der Sozialarbeiterin der Klinik. Dr. Fried und Deborah treffen sich weiterhin für Gespräche. Deborah erinnert sich, dass sie früher eine Freundin hatte. Warum hatte sie sich nicht früher daran erinnert? Weil diese schöne Erinnerung ihre schwarze Sicht auf die Dinge infrage gestellt hätte, antwortet Dr. Fried. Deborah brauchte Gründe, um der Welt Ade zu sagen. Schöne Änderungen hätten da nur gestört. Deborah besucht auch ihre Freundin Carla, die wieder in der Stadt arbeitet.
Sie bemerkt, dass sie nie unter die höflich verschlossenen Gesichter des Kirchenchores oder des Nähkurses dringen würde. Der Klatsch des Damenclubs langweilte sie. Diese Gesellschaft forderte sie zu wenig heraus (Seite 213). Drei Jahre lang war sie nicht zur Schule gegangen. Sie überlegt, die High School zu besuchen. Aber selbst wenn sie nicht mehr zu Yr gehörte, würde immer noch die furchtbare Entfremdung von den anderen andauern. Sie könnte Sonderkurse zur Vorbereitung auf die Prüfung absolvieren, die Möglichkeit dazu erfüllt sie mit Panik. Die Welt verschwindet hinter einer roten Brandung und sie wird zurück auf Station D gebracht. Alles noch mal von vorn. Der Pfleger Quentin erscheint und zum ersten Mal wird ihr bewusst, dass Quentin, ihr Freund, ein Mann ist. Sie entdeckt das Verlangen. Dr. Fried hatte recht: Deborah kann fühlen. Sie versucht sich wieder mit Zigaretten zu verbrennen, kann es aber nicht, weil es diesmal weh tut. Fried erklärt ihr, dass die Krankheit sich auf einem verzweifelten Rückzug befindet.
Yr war für sie der logische und verstehbarer Ort und die Welt ein anarchisches Ding. Fried sagt, wir werden niemals in der Lage sein, die Welt mit all ihren Vorzügen wirklich zu ergreifen, ehe sie die doppelte Bindung nicht aufgegeben hat (Seite 221). Fried war immer die Repräsentantin der gegenwärtigen Welt. Sie spürte in den Gesprächen immer wieder ein schmerzliches Ungenügen, als säße sie vor einem Blinden, dem sie die Farbe des Lichts deutlich zu machen versucht. Sie möchte Deborah begreiflich machen, dass Gesundheit nicht einfach die Abwesenheit von Krankheit ist.
Deborah entscheidet sich für die Vorbereitungskurse. Zunächst fährt sie von der Klinik ins andere Ende der Stadt und zurück, später bezieht sie wieder ihre Wohnung in der Stadt. Deborah gehört damit zu den wenigen der Station D, die das schafften. Dreiviertel waren in andere Kliniken verlegt worden; einige hatten sich so weit gebessert, dass sie eine Art Halb-Leben als ambulante Patienten führen konnten.
Sie setzt all ihre Kraft, ihre Kampfbereitschaft und ihren Willen ein und besteht die Abiturprüfung, zwei Jahre später als die anderen. Verstärkt spürt sie ihre Einsamkeit, noch immer ist sie wie durch eine Glaswand von der Normalität getrennt. Wieder muss sie in die Kaltpackung auf Station D.
Deborahs Lebensgeschichte bezieht ihre Spannung und Intensität nicht aus äußeren Verhältnissen, sondern aus inneren Entwicklungsvorgängen, aus seelischen Prozessen, die mit größter Subtilität nachgezeichnet sind. Der Leser muss bereit sein, sich von der Autorin führen zu lassen und dabei den Schritt über die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn zu wagen, die er für unüberschreitbar gehalten hatte.