Man (Dis)connected. How technology has sabotaged what it means to be male

Datum: 27.05.2015

Autor: Philip Zimbardo, Nikita D. Coulombe

Rezensent:  John Burns

 

Philip Zimbardo & Nikita D. Coulombe: Man (Dis)connected. How technology has sabotaged what it means to be male. London, 2015.

Philip Zimbardo, emeritierter Professor der Psychologie der Stanford University USA, ist Verfasser des viel beachteten Standardwerkes der empirischen Psychologie Psychology and Life (dt. Psychologie, 20. Aufl. 2014). In weiteren Veröffentlichungen behandelte der renommierte Sozialpsychologe Themen wie z.B. Autoritarismus, Schüchternheit und das menschliche Zeitgefühl.

Mit seinem Stanford Prison Experiment (1971) geriet Zimbardo in die Kritik, als er von seinen Studenten und Studentinnen eine Gefängnissituation mit Wärtern und Gefangenen nachspielen ließ. Aus den ursprünglich gut angepassten Probanden wurden im Laufe einer Woche sadistische Aufseher und unterwürfige Häftlinge. Ähnlich wie beim Milgram Experiment (1963) übte eine vorgegebene Situation, in welcher Gewalt schon legitimiert war, auf das individuelle Verhalten der Probanden einen negativen Einfluss aus.

In seinem neuen Buch Man (Dis)connected (2015) untersucht Zimbardo mit einer jüngeren Co-Autorin, Nikita D. Coulombe, das veränderte Verhalten von männlichen Jugendlichen in der modernen technologischen Gesellschaft. Wie der Untertitel verkündet, wollen die Autoren aufzeigen, in welchem Ausmaß die Technologie das Männlichkeitsideal der Heranwachsenden „sabotiert“ hat. Ihre Thesen werden anhand von Internetbefragungen und Medienberichten erhärtet.

Wie kommt es, fragen die Autoren, dass sich die schulischen Leistungen von Mädchen in den USA und Großbritannien in den letzten Jahren verbessert haben, während die Problemkinder in Schule und Elternhaus überwiegend Jungen sind? Trauen sich heutige Jungen weniger zu als gleichaltrige Mädchen? In einer Gesellschaft, in der Männlichkeit mit Leistungsstärke gleichgestellt wird, ist das männliche Selbstverständnis der Heranwachsenden scheinbar brüchig geworden. Sind Mädchen in den letzten Jahren im Zuge der weiblichen Emanzipation selbstbewusster geworden?

Offensichtlich fühlen sich zahlreiche Jungen von der Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter hinein von der Flut der Bilder überfordert, welche Männlichkeit als körperliche Vollkommenheit und technische Perfektion inszenieren. Verunsichert durch die Anforderungen, welche sie im wirklichen Leben verspüren, flüchten sie in die virtuelle Welt der Computerspiele, wo sie mühelos ihren Mann stehen können. Der Bildschirm simuliert alle Lebensbereiche, in denen Heranwachsende ihre soziale Kompetenz entwickeln und auf die Probe stellen sollten. Ungeklärt ist jedoch die Frage nach dem tatsächlichen Einfluss der digitalen Welt auf die psychische Entwicklung der Jugend.

Nun haben die Hersteller von Videospielen und die Pornoindustrie die Bedürfnisstruktur der jungen Männer, die sie ansprechen wollen, genau studiert. Es entspricht dem Zeitgefühl des Heranwachsenden, dass er seine Erfolge schnell und schmerzlos erringen möchte, während das Hineinwachsen in die Berufswelt oder die Suche nach einer zuverlässigen Partnerin einen Aufschub des sofortigen Genusses verlangt.

Mit Hinweisen auf die psychologischen Theorien von Erik H. Erikson und Abraham Maslow wird auf die Komplexität der Identitätsentwicklung hingewiesen, welche die männliche Jugend in den modernen Industrieländern zu absolvieren hat. In der Hierarchie der Bedürfnisse, die Maslow als Pyramide veranschaulicht, steht der Wert des Selbstaktualisierens oben an der Spitze. Zur kreativen Ausgestaltung seiner Person schreitet der Mensch erst vor, wenn er seine soziale Zugehörigkeit, Liebesfähigkeit und Selbstachtung entfaltet hat.

Ähnlich dachte auch der Selbstpsychologe Erikson, der den Aufbau der Ichidentität des Jugendlichen in Zusammenhang mit einer mehr oder weniger erfolgreichen Absolvierung anderer Entwicklungsphasen brachte. Hierzu zählte Erikson das frühkindliche Urvertrauen, die Identifikation mit einer Aufgabe und die Überwindung von Minderwertigkeitsgefühlen.

Was Maslow und Erikson in einem gelungenen menschlichen Reifungsprozess sehen wollen, bietet die virtuelle Welt, wenn überhaupt, dann nur in entfremdeter Form an.

Hilfreich ist die oben skizzierte Theorie des Selbst, weil sie das Verhalten der „unverbindlich verbundenen“ Jugend – im englischen Buchtitel steht „(dis)connected“ – besser verstehen lässt. Männliche Jugendliche können ihr Selbstwertgefühl in der digitalen Welt nach Belieben sichern. Sie schützen sich vor den Niederlagen, die sie in der realen Welt fürchten oder erleben.

In dem Prozess der Selbstfindung, in dem sich der Jugendliche befindet, spielt die Entwicklung der männlichen Identität eine besondere Rolle. Zimbardo und Coulombe sind der Ansicht, dass die Medienwelt, aber auch die Bildungsinstitutionen wie Schule und Universität, eine falsche Optik auf die männliche Potenz vermitteln.

Ausgehend von einer Analyse des Mythos des Patriarchats, der den Mann durch sozialen Status, Besitz und Einkommen definiert und überfordert, empfehlen Zimbardo und Coulombe eine ausgewogene persönliche Stärke, die sich an gewissen traditionellen Werten orientiert. In den soft skills von Beziehungs- und Liebesfähigkeit, Selbst- und Fremdachtung wollen die Autoren das Fundament der neuen Männlichkeit sehen.

Mit einem enormen Fundus von empirischen Recherchen aus dem Bereich der Kommunikationswissenschaften und der Geschlechterforschung überzeugen die Autoren sich und vermutlich auch ihre Leser, dass es einen Wandel im Selbstverständnis von männlichen Jugendlichen gegeben hat. Wie Zimbardo und Coulombe erläutern, findet die Entwicklung von Jugendlichen in einem dynamischen Prozess statt, der von individuellen, situativen und übergeordneten ökonomischen Aspekten beeinflusst wird.

Die objektiven und aufregenden Berichte, an denen sich die Autoren orientieren, befassen sich eher mit den situativen und systemischen Aspekten ihres Themas zum Nachteil der Darstellung individueller Schicksale. Einige der Informanden teilen sich aber ausführlicher mit, als die Untersuchung verlangt. Dennoch bleiben viele Fragen zum individuellen Verhalten der Jugend offen, die im vertraulichen Gespräch erörtert werden könnten. Durch „exakte“ Forschungsmethoden, erfahren wir nicht, welche Jugendliche Anpassungsstörungen erleiden, weil sie sich dem digitalen Überangebot nicht entziehen können. Über welche persönlichen Ressourcen muss ein Jugendlicher verfügen, wenn er Medienkompetenz erwerben will, ohne seine körperliche und psychische Gesundheit zu gefährden? Welchen Einfluss haben aggressive Computerspiele auf das Realitätsempfinden der Spieler?

Erst auf der Grundlage des Verstehens wird eine Veränderung der Situation des Jugendlichen möglich. Wie die Autoren andeuten, sollten alle, die sich um das Schicksal der jungen Menschen kümmern, sie dort abholen, wo sie sich aufhalten, um mit ihnen über ihre Sehnsüchte, Zukunftsängste und Hoffnungen ins Gespräch zu kommen.

In den „Lösungen“, die in den letzten Kapiteln des Buchs angeboten werden, schließen sich die Autoren dem Trend der psychologischen Selbsthilfeliteratur an, die in den USA reichlich vorhanden ist.

Man Dis)connected eignet sich für Leser und Leserinnen, die sich für die Anpassungsschwierigkeiten von Jugendlichen in der modernen technologischen Welt interessieren. Die Adressaten des Buchs sind alle, die in ihrem Umfeld Jugendliche zu betreuen haben und möglicherweise schon festgestellt haben, dass die jüngere Generation in der digitalen Kommunikation der älteren schon einiges voraus hat.