Neuromythologie – Einen Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung

Datum: 23.10.2014

Autor: Felix Hasler

Rezensent:  Gabriella Hunziker

 

Rezension ertsmalig erschienen 2012 in der Schweizerischen Ärztezeitung und mit deren Einverständnis hier abgedruckt.

Im September 2012 ist das neue Buch von Felix Hasler «Neuromythologie, eine Streitschrift
gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung » erschienen. Dr. pharm. Felix Hasler
ist Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität
Berlin und Wissenschaftsjournalist.Das Buch wirft einen kritischen Blick auf die
überzogene Interpretation neurowissenschaftlicher Daten. Früher hatten psychiatrische
Störungen mit der eigenen Biografie zu tun. Heute dagegen werden sie im synaptischen
Spalt geortet und als eine Hirnerkrankung angesehen. Die hauptsächliche Therapie
erfolgt demzufolge im synaptischen Spalt.

Die Hirnforschung vertritt die Auffassung, dass sich das Denken und Verhalten des Menschen mit naturwissenschaftlichen Methoden erklären lässt. Der Startschuss für diesen neuromolekularen Blick
sei in den USA der 60er Jahre erfolgt. Felix Hasler deckt in seinem Buch zahlreiche Ungereimtheiten
und Widersprüche bezüglich der Interpretation von bildgebenden Verfahren auf. Er zeigt auf, weshalb
es nicht möglich ist, mit reduktionistischen neuromolekularen Methoden die Komplexität
des Gehirns verstehen zu wollen. Er führt Beispiele an, die zeigen, dass es der Pharmaindustrie
immer wieder gelungen ist, ein Medikament auf den Markt zu bringen, obwohl klinische
Studien dagegen sprachen. Zudem seien zahlreiche Studien bewusst manipuliert
worden. Felix Hasler deckt auf, wie über direkte Finanzierung durch Pharmaunternehmen
neue Krankheiten popularisiert und vermarktet werden.

Die besten Chancen für «condition branding» gibt es in der Psychiatrie. In Zukunft wird sich die Zahl der psychiatrischen Patienten drastisch erhöhen. In der geplanten Neufassung des DSM-V (US-amerikanisches
Diagnostik-Manual), die im Mai 2013 erscheinen soll, werden die Diagnosekriterien
ausgeweitet. Selbst eine Trauerreaktion, beispielweise aufgrund eines Todesfalls in der
Familie, wird als Depression diagnostiziert und behandlungsbedürftig sein.

Am umstrittensten aber ist die Einführung einer ganzen Reihe von «Risiko-Syndromen». So soll es zukünftig
auch möglich sein, lediglich vermutete Vorstufen von Krankheiten mit einer
psychiatrischen Diagnose zu belegen, beispielweise dem «Risiko-für-Psychose-Syndrom ».
Weiter zeigt er auf, dass jegliche Form der Einflussnahme auf das Gehirn, sei sie
pharmakologischer oder nicht pharmakologischer Art, zu neuroplastischen Veränderungen
führt.

Zum Thema Kinder- und Jugendpsychiatrie findet Felix Hasler deutliche Worte. Er schreibt:
«Die heute dominierende Sichtweise, dass abweichendes Verhalten eines Kindes durch eine neurologische oder biochemische Abweichung verursacht ist, verschiebt den Ort der Einflussnahme weg von
pädagogischen Interventionen durch Eltern und Lehrer hin auf die Bühne der Medizin.»

Noch deutlicher sagt es der Kinderpsychiater Sami Timimi: «Mit der weitverbreiteten Anwendung
medizinischer, besonders psychopharmazeutischer Techniken zum Management von Verhalten und Emotionen unserer
Kinder haben wir einen Zustand erreicht, den ich die ‹McDonaldisierung der Kindergesundheit›nenne.
Die gegenwärtige medikamentenzentrierte Vorgehensweise ist in vieler Hinsicht
mit Fast-Food vergleichbar …». Die Biologische Psychiatrie, die zu einem umfassenden Erklärungsmodell für psychiatrische Erkrankungen geworden ist, beeinflusst unser Leben sehr wohl. Das Erklärungsmodell
trägt zu einem Neuro-Fatalismus bei. Wieso muss ich mich anstrengen, wenn sowieso
schon alles in den Hirnzellen vorbestimmt ist? Dieses Erklärungsmodell ist gefährlich,
weil es den Willen des Menschen lähmt und ihm die Verantwortung für sein Leben nimmt.

Es ist wichtig, den Menschen wieder als einen durch seine Familie und Umwelt Gewordenen zu sehen, der nicht seiner Hirnchemie ausgeliefert ist, sondern sich mit seinen Gefühlen aktiv auseinandersetzen und sich dadurch verändern kann. Effektiv und nachhaltig sind deshalb psychotherapeutische Verfahren. Glücklicherweise bildet sich
eine neue Generation von kritischen Neurowissenschaftlern, die sehr wohl die Begrenztheit
der Hirnforschung erkennen.

Das Buch ist gut verständlich geschrieben und fesselt von Beginn an durch Haslers scharfsinnige Gedanken.
Es ist ein Muss für die Auseinandersetzung mit den aktuellen Strömungen in der Psychiatrie. Ich kann das
Buch nur wärmstens empfehlen.