Aufklärung aus dem Geist der Experimentalphysik. Lichtenbergsche Konjunktive

Datum: 06.09.2016

Autor: Schöne, Albrecht

Rezensent:  John Burns

 

Schöne, Albrecht, Aufklärung aus dem Geist der Experimentalphysik. Lichtenbergsche Konjunktive.
C.H. Beck, München 3. Aufl. 1993

Wer eine Sammlung der Fragmente und Aphorismen des Göttinger Professors für Mathematik und Physik Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) in die Hand nimmt, wird vom wahren Feuerwerk der Geistesblitze dieses kühnen Denkers fasziniert sein. Der Versuch, in den Sudelbüchern des genialen Meisters der humorvollen Ironie einen roten Faden zu finden, wird jedoch an der Geisteshaltung des scharfsinnigen Autors scheitern. Lichtenbergs Denksport bestand überwiegend darin, die Meinungen und Dogmen seiner Zeitgenossen aufs Korn zu nehmen. Die Gedanken, die er selber zu Papier brachte, lassen sich zwar philologisch edieren, nicht aber in ein kohärentes System einbetten.

Müssen wir Lichtenberg deswegen zu den Skeptikern zählen, die uns durch ihren Zweifel an der Möglichkeit der Erkenntnis eher entmutigen, wenn wir versuchen, die Welt um uns herum zu verstehen? Oder hat er auch Positives formuliert, das uns bei unseren Denkbemühungen beflügeln könnte.

Albrecht Schöne, geb. 1925 in Barby, Elbe, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Freiburg, Basel, Göttingen und Münster. Er lehrte Germanistik an der Westfälischen Wilhelm-Universität Münster und von 1960 bis zur Emeritierung 1990 war er ordentlicher Professor für Deutsche Philologie (Neuere Deutsche Literatur) in Göttingen. Schöne, der sich in zahlreichen Veröffentlichungen um die Literatur der Goethezeit und der deutschen Aufklärung verdient gemacht hat, ist für seine akademische Lebensleistung vielfach ausgezeichnet worden.

Aus der Darstellung Schönes geht Lichtenberg als ein hervorragender Vertreter des Common sense hervor, der uns die Postulate der Aufklärung in moderner Form vermittelt. Modern wirkt der Denker Lichtenberg aufgrund seiner scharfsinnigen Sprachanalysen, die lange vor den Sprachphilosophen des 20. und 21. Jahrhunderts auf die paradoxen Eigenschaften der menschlichen Sprache hinwiesen. Wer die Realität in Begriffen einzufangen versucht, erschafft oft selbst nur eine Welt der Erscheinungen.

Wie Begriff und Realität auseinanderklaffen, zeigte Lichtenberg anhand der Polemik, die er gegen die Physiognomik des Schweizer Theologen Johann Caspar Lavater (1741-1801) führte. Lichtenberg stellte den kausalen Zusammenhang zwischen der äußeren Erscheinung des Menschen und seiner intellektuellen Leistung in Frage. Eine Physiognomik des Geistes, des Perfektionismus oder des ästhetischen Körperbaus konnte er u.a. durch seine eigenen körperlichen Mängel widerlegen. Der Göttinger Professor war kleinwüchsig und schämte sich zeitlebens seiner Rückgratverkrümmung. Stolz war er aber mit Recht auf seine geniale mentale Potenz. Das Ideal des gesunden Geistes in einem gesunden Körper muss in Hinblick auf die Lebensleistung des Aufklärers Lichtenberg mit einem großen Fragezeichen versehen werden.

Lichtenberg ahnte schon vor Wilhelm Dilthey, dass die Natur durch die exakten Wissenschaften zwar erklärt werden kann, die menschliche Seele jedoch verstanden werden muss. So findet Schönes Interpretation der Schriften des Göttinger Gelehrten ihr Zentrum in der Einsicht Lichtenbergs, dass der Stilbegriff zum Instrumentarium des Hermeneutikers zählt, wie er gegen Lavater geltend macht: „Allein einen klaren Satz der Physiognomik will ich dich lehren, es ist Physiognomik des Stils.“ (zit. in: Schöne 1993, 11)

Der Stilbegriff liefert Schöne den Schlüssel, um in den Fragmenten Lichtenbergs eine Ganzheit zu sehen. Ein bevorzugtes Stilmittel Lichtenbergs ist der Konjunktiv. Aus linguistischer Sicht gibt es dazu viel zu sagen, denn Lichtenberg scheint mit seiner Zitierweise nicht nur für die Authentizität des Zitats zu bürgen, sondern im Konjunktiv drückt sich auch die Einstellung des Autors zu der von ihm zitierten Aussage aus.

Für Nicht-Philologen ist die akribische Arbeit am Sprachduktus Lichtenbergs weniger ergiebig als die Aussagen selbst, denn wie Goethe treffend bemerkte: „Wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen.“ (Schöne 1993, 101)

Schöne scheint mit seiner Betonung des Konjunktivs in den Aphorismen Lichtenbergs eher Germanisten anzusprechen als den nicht fachlich ausgerichteten Leser. Das Buch kann also nicht als Einführung in das Werk des Aphoristikers empfohlen werden. Es lädt aber Leser ein, die schon über rudimentäre Kenntnisse des Werks Lichtenbergs verfügen, sich mit den philosophischen Problemen auseinanderzusetzen, über die sich Lichtenberg den Kopf zerbrach. Lichtenberg ist ein Meister des lateralen Denkens und der Bisoziation, die Arthur Koestler mit der Leistung genialer Menschen in Verbindung brachte.

Mit seiner Betonung des Konjunktivs als Stilmittel weist Schöne auf die Formel des Skeptikers hin, dass alles auch ganz anders sein kann. Die Lektüre der Aphorismen Lichtenbergs schützt uns vor Vorurteilen und geistiger Erstarrung. Der Geist Lichtenbergs kannte keine Tabus religiöser, sexueller oder autoritärer Art. Selbst seine geliebte Disziplin der Mathematik lieferte ihm keine sicheren Erkenntnisse: „Zweifel an allem wenigstens Einmal, und wäre es auch der Satz: zweimal 2 ist 4.“ (zit. in: Schöne 1993, 47)