Bertrand Russell. Ein Essay

Datum: 12.06.2017

Autor: Josef Rattner

Rezensent: John Burns

 

Rattner, J., Bertrand Russell. Ein Essay. Studienausgabe, Verlag für Tiefenpsychologie, Berlin 2016

John Burns, Berlin

Josef Rattner, geboren 1928 in Wien, betrachtet seit seiner Studentenzeit in Zürich das Leben und Werk Bertrand Russells mit kritischem Wohlwollen. Der erste Teil seines kürzlich erschienenen Aufsatzes zu Russell besteht aus einem unterhaltsamen Porträt des Philosophen, das der Autor aus bekannten Quellen erstellt hat. Die Art der Darstellung beruht zwar auf einer persönlichen Wertschätzung des Pazifismus Russells und seines Einsatzes für Aufklärung und Vernunft; Rattners Buch beinhaltet aber auch psychologische und philosophische Erkenntnisse, die den Essay sowohl für den allgemeinen Leser als auch für Experten interessant erscheinen lassen. Obwohl Rattner sich auf bekannter Literatur zum Thema stützt, beruhen seine Interpretationen auf einer kulturellen Einsicht in das Leben und Werk des herausragenden Denkers, die durchaus innovativ wirken.

Russell zählt heute zu den Gründervätern der analytischen Erkenntnistheorie, deren Grundlagen er in Zusammenarbeit mit seinem damaligen Mentor A.N. Whitehead in Principia Mathematica (1910-1913) schuf. Vor 1914 vertrat der Philosoph einen strengen Empirismus, der auch in seinen späteren populärwissenschaftlichen Büchern seinen Niederschlag findet.

Im zweiten Teil des Essays werden acht Themen aus den Werken Russells, die er für ein allgemeines Publikum schrieb, zusammengefasst und kritisch analysiert. Während vier Themen – die Autobiographie, Ehe und Moral, Eroberung des Glücks und die Schriften zu Erziehung – den tiefenpsychologischen Ansatz Ratttners rechtfertigen, sollten vielleicht Skepsis und Eine Geschichte der Philosophie des Abendlandes lieber den Russell-Experten überlassen werden, die dem britischen Philosophen schon einige aufschlussreiche Arbeiten gewidmet haben. Besonders erwähnenswert sind hier die kurzen Einführungen von A. J. Ayer Russell (1972) und A.C. Grayling Bertrand Russell. A Very Short Introduction (1996). In Scepticism and the Possibility of Knowledge (2008) setzt sich Grayling ausdrücklich mit dem Skeptizismus seines illustren Vorgängers und Fachkollegen auseinander.

In seiner Darstellung und Kritik der oben genannten philosophischen Themen schöpft Rattner anders als die analytisch orientierten Autoren aus dem Fundus seines Wissens um den deutschen Idealismus und die Hermeneutik. In zahlreichen Publikationen hat sich der Tiefenpsychologe in der philosophischen Grundlegung der Psychotherapie und der psychosomatischen Medizin Pionierarbeit geleistet.

Wie entsteht nun ein philosophisches Genie? Die Frage kann nur annähernd beantwortet werden, wenn wir Erkenntnisse aus Psychologie, Philosophie und Anthropologie heranziehen und die logische Analyse des Subjekts zunächst beiseitelassen. Rattner führt die Entwicklung des selbständigen Denkens, das Russell in hohem Maße praktizierte, auf die Einsamkeit seiner Kinderjahre zurück. Der künftige Philosoph nutzte seinen inneren Freiraum, um die Kunst des Selbstgesprächs zu üben. Obwohl Russell im Denken zumindest nicht durch ein übermäßig strenges Über-Ich gehemmt war, bezweifelt der Autor, dass eine überragende Begabung quasi ohne fremden Einfluss entsteht. Weder Russell noch Jean-Paul Sartre, der behauptete, er habe seine schriftstellerische Gabe ex nihilo entfaltet, konnten sich den sozialen Einflüssen ihrer Kindheit entziehen. Russell betonte im späteren Leben wie seine puritanische Großmutter einen starken Einfluss auf ihn ausübte. Ferner wuchs das wissbegierige Kind in der geistig-kulturellen Atmosphäre von Pembroke Lodge auf, wo er genügend Gelegenheit hatte, die führenden Politiker des Landes zu beobachten, die bei den Russells ein- und ausgingen.

Während Rattner in seiner Einschätzung der Biographie Russells mit seinen Kenntnissen der Psychoanalyse und Psychotherapie eher diplomatisch verfährt, hält er bei zwei weiteren Themen mit sachkundiger Kritik nicht zurück.  Sowohl in seiner Analyse der politischen und sozialen Machtverhältnisse, die Russell in Power (1938) veröffentlichte, als auch im großen Wurf seiner Philosophie des Abendlandes verzichtete der Philosoph auf eine Auseinandersetzung mit der deutschen Philosophie, die vor dem Zweiten Weltkrieg eine Hochblüte verzeichnete. So müsste die Philosophie des Abendlandes mit einem substantiellen Kapitel über deutsche Philosophen wie Ernst Cassirer, Edmund Husserl oder Nicolai Hartmann ergänzt werden. Ferner betont Rattner, dass die Erforschung von Herrschaftsverhältnissen unvollständig bleibt, wenn die Theorien von zwei der bedeutendsten Vorläufer der Philosophie und Psychologie der Macht, Friedrich Nietzsche und Alfred Adler, nicht beachtet werden.

Im Allgemeinen wird Russell von Josef Rattner sehr positiv dargestellt. Immerhin war der britische Philosoph ein Denker, der den Elfenbeinturm der akademischen Philosophie verließ, um seinem Liberalismus und Humanismus einen breiten Wirkungskreis zu verschaffen. Russell war von seinem Wesen her nicht nur Philosoph sondern auch Pädagoge, der mit seiner zweiten Frau Dora Black eine freiheitliche Erziehung in Theorie und Praxis vertrat. Heute sind die Schulen weniger autoritär als zu Russells Zeiten. Ob die Ideale, die er als progressiver Erzieher und öffentlicher Intellektueller vertrat, die Welt verändert haben, muss aber dahingestellt sein.