Das Café der Existentialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails

Datum: 23.11.2016

Autor: Sarah Bakewell

Rezensent:  John Burns

 

Bakewell, Sarah, Das Café der Existentialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails, Beck, München, 2016

Sarah Bakewell hatte sich in einem früheren Buch um die Essays von Michel de Montaigne (How To Live Or: A Life of Montaigne in one question and twenty attempts at an answer, 2010), verdient gemacht. Sie wendet sich in ihrem neuen Text einer der bedeutendsten Strömungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts, dem Existentialismus, zu. In Bournemouth geboren, reiste sie als Kind mit ihren Eltern durch viele Länder der Erde, bevor sie, nach einigen sporadischen Schulbesuchen, an der Universität von Essex begann, Philosophie zu studieren. Von Martin Heidegger begeistert, war sie entschlossen zu promovieren. Diese Absicht gab sie jedoch auf und begann nach mehreren Gelegenheitsjobs mit der Schriftstellerei.

So wie sie Montaigne als Lebensphilosophen darstellte, der uns Heutigen sogar in der Bewältigung des Alltags mit Rat und Tat zur Seite stehen könnte, erzählt die Autorin im Café der Existentialisten (2016) eine spannende Geschichte von schillernden Persönlichkeiten und reservierten Denkern, die sich gemeinsam um eine moderne, menschlich relevante Philosophie bemühten. Die vielen Fragen, mit denen sich Simone de Beauvoir, Simone Weil, Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Maurice Merleau-Ponty auseinandersetzten, waren aber in der Philosophie keineswegs unbekannt.

Ist menschliche Freiheit möglich, wenn der Organismus einer starken Kausalität unterliegt? Gibt es eine zwischenmenschliche Freiheit, oder leben wir immer nur in der Abhängigkeit von Herr-und-Knecht-Verhältnissen, wie Hegel sie in der Phänomenologie des Geistes beschreibt? Hat der Mensch aus einer politischen Notwendigkeit heraus das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen? Mit diesem Thema setzte sich z.B. Simone de Beauvoir in ihrem 1945 erschienenen Aufsatz Idéalisme moral et réalisme politique auseinander.

In ihrer Charakterisierung der politischen Divergenzen zwischen den marxistischen Denkern, zu denen sich Jean-Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty ursprünglich zählten, und den gemäßigten, eher skeptischen Denkern wie z.B. Albert Camus oder Arthur Koestler, lässt Sarah Bakewell erkennen, dass es den Vertretern der neuen Philosophie nicht nur um die phänomenologische Beschreibung der Welt ging, wie sie uns im Bewusstsein erscheint.

Als Sartre um 1936 von Raymond Aron hörte, dass der Phänomenologe u.a. auch über seinen Lieblingsapéritif, den Aprikosencocktail, philosophieren dürfe, entschied er sich sofort für einen Aufenthalt am Maison de France in Berlin, wo er das Werk Edmund Husserls ausgiebig studierte. Erst als die Realität des Krieges unübersehbar wurde, erweiterte er den Horizont seines Denkens durch Einbeziehung der politischen und ideologischen Sphäre des menschlichen Zusammenlebens.

Sarah Bakewell, die sich als reife Autorin auch den politischen und erkenntnistheoretischen Aspekten des Existentialismus zuwandte, fühlte sich als Studentin in England von dem Freiheitsdrang angesprochen, der von der neuen Kontinentalphilosophie ausging. Sie deutet in dem Einführungskapitel ihres Buches an, wie sie sich gegen den Zwang zur Konformität wehren wollte, die sie während ihrer Sozialisation verinnerlicht hatte. Wie viele junge Menschen der Nachkriegsgeneration rebellierte sie gegen den Leistungsdruck der Schule und Universität. In dieser Stimmung und Lebenslage begann sie die Werke der Existenzphilosophie zu lesen. Nachdem sie den Roman Der Ekel von Jean-Paul Sartre beendet hatte, war sie schon Existentialistin, wie sie schreibt.

Wenn Sarah Bakewell ihre entwicklungsbedingte Verzweiflung durch Fleiß, Kompetenz und Zuversicht überwinden konnte, hat sie die authentische Lebenseinstellung verinnerlicht und beibehalten, die sie damals in den Werken der Existentialisten vorfand. Die Leserinnen und Leser vom Café der Existentialisten werden von einer sachkundigen, kritischen Erzählerin in die kuriose Welt der Existentialisten eingeführt, in der es nicht immer sachlich zugeht. Sarah Bakewell hat ihre Vorlieben unter den Intellektuellen, deren Lebens- und Denkwege sie nachzeichnet; sie erteilt z.B. sanfte Seitenhiebe gegen den schrulligen Sartre. Ihr Hinweis auf die Aggressivität von Artur Koestler wird kurz erwähnt, nicht aber weiter kommentiert.

Sarah Bakewell hätte gern eine harmonische Kaffeehauskultur der Intellektuellen geschildert; aus zeitlicher Distanz gelingt es ihr, im recht dogmatisch anmutenden Diskurs der Philosophen, den roten Faden eines von der Phänomenologie geprägten Denkstils aufzuzeigen. Mit Hinweisen auf die Einflüsse der Existenzphilosophie auf die heutige Umweltethik und Technologiekritik wird auf die Kontinuität einer Denkrichtung hingewiesen, die in der Generation nach Sartre als zeitbedingte Erscheinung abgetan wurde.

Die Existenzphilosophie hat in der Tat mit uralten Aporien der Philosophie gerungen, die auch sie nicht lösen konnte. Wenn z.B. das handelnde Subjekt in der Ethik vordergründig wird, wie Sartre es mit seiner Betonung der Gefühlsqualität des individuellen Entwurfs dem Leser glaubhaft machen will, erscheinen die Handlungsmaximen des Menschen eher willkürlich. Es sind dann hypothetische und keine kategorischen Imperative, die das Sollen des Handelnden prägen. Die Existenzphilosophie hat nur in Ansätzen eine Ethik formuliert.

Die Kritik Sartres an der Psychoanalyse, die er gründlich studiert hatte und die in das Sein und das Nichts einige Seiten in Anspruch nimmt, wurde von den Psychoanalytikern Ludwig Binswanger, Medard Boss und Rollo May aufgegriffen, wie die Autorin kurz erwähnt. Es bleibt jedoch bei einem kursorischen Hinweis auf einen Trend, ohne dass die Autorin auf die innovative Leistung des französischen Philosophen hinweist, der gegen die starke Zunft der orthodoxen Analytiker Stellung bezog. Auch Maurice Merleau-Ponty setzte sich mit der führenden psychologischen Theorie seiner Zeit auseinander; der Behaviorismus wurde seiner Meinung nach dem komplexen Leib-Seele-Verhältnis des Menschen nicht gerecht. Die ontologische Erkenntnistheorie des französischen Phänomenologen basierte auf dem heute noch gültigen Begriff des embodiment, der zum wichtigen Fundament einiger Theorien in der medizinischen Anthropologie und Psychosomatik wurde.

Das Café der Existentialisten eignet sich für Leserinnen und Leser, die wie die Autorin selbst in ihrer Studentenzeit bei den Existentialisten mal reingeschnuppert haben oder für eine jüngere Leserschaft, welche von diesen Denkern schon etwas gehört hat, ohne sich je ein Bild von ihnen machen zu können.
Sicherlich ist die Existenzphilosophie wie jede Philosophie Ausdruck des Lebens der Denker, welche sich an die Probleme der Philosophie herantrauen. Bei einem biographischen Ansatz besteht aber die Gefahr, dass die Fragen, um die es hier geht, nicht deutlich genug in Erscheinung treten.
Wir warten noch auf eine lesbare Darstellung der philosophischen Auseinandersetzung, welche die Existenzphilosophen in einer Zeit führten, in welcher die analytische Sprachphilosophie und der logische Positivismus den Anspruch erhoben, Erste Philosophie zu sein.