Fiala. Die Geschichte einer Versuchung

Datum: 21.05.2019

Autor:  Karl Löwith, Klaus Hölzer (Hrsg.)

Rezensentin: Valeria Auletta

Erstmals veröffentlicht in seiner integralen Version „Fiala. Die Geschichte einer Versuchung“ ist der erste autobiografische Bericht der Jugend Karl Löwiths. Die Ausgabe erscheint mit einem wichtigen Nachwort des Herausgebers Klaus Hölzer, der eine bedeutende Rekonstruktionsarbeit - sowohl aus psychologischer als auch philosophischer Sicht - über diesen besonderen Fall im Werk Karl Löwiths geleistet hat. Das vom Autor 1926 unter dem Pseudonym Hugo Fiala verfasste Manuskript erzählt in der dritten Person die Geschichte der Ausbildungsjahre des Philosophen in Deutschland, bevor er 1933 wegen des Nationalsozialismus auswandern musste. Im Gegensatz zur zweiten löwithschen Autobiographie Mein Leben in Deutschland: vor und nach 1933, die Löwith 1940 zur Teilnahme an einem amerikanischen Wettbewerb verfasste, ist die nie veröffentlichte Geschichte Fialas das Zeugnis eines tiefen inneren Bedürfnisses des jungen Philosophen. In diesem Text ist die intime psychologische Analyse seines Selbst auf wunderbar tiefe Weise mit den philosophischen Fragen verwoben, die die Reflexion des Denkers von München sein Leben lang begleiten werden.

Auf diesem Grund erweist sich Fiala als ein Dokument von außerordentlicher Bedeutung im Rahmen der Studien über Löwith, insbesondere um die tiefe Verflechtung seines philosophischen Denkens mit seiner komplexen biographischen Geschichte zu verstehen.

Leider haben die akademischen Studien über Löwith die Wichtigkeit des Fiala vernachlässigt. Dazu mag beigetragen haben, dass dieses Werk erst Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung publiziert wurde. Es ist merkwürdig, dass die integrale Version dieses wichtigen Werkes erst 46 Jahre nach dem Tod seines Autors einen Verleger gefunden hat.

Während sich die löwithsche Art des Schreibens durch ihre distanzierte Nüchternheit auszeichnet, ist Fialas Geschichte eine ganz besondere, ein wahres Unikat innerhalb Löwiths Literaturproduktion. In diesem Text offenbart sich der Autor nämlich jenseits der Oberfläche des rationalen Denkens, in jener schmerzhaft sensiblen Region des Seins, wo man die eigene Existenz in Frage stellt. Fialas Geschichte ist in der Tat das Zeugnis einer inneren Unruhe und das Ergebnis des sehr persönlichen Bedürfnisses des Autors, sich dem größten Einwand der Existenz zu stellen: der Möglichkeit des Selbstmords. Dies ist die Versuchung, die im Titel des löwithschen Werkes angedeutet wird, das mit der Wiedervorlage der Hamlet-Frage to be or not to be die Grenzen zwischen dem philosophischen Denken und der persönlichen Intimität erreicht und den Autor vor die Notwendigkeit einer radikalen Offenheit gegenüber sich selbst stellt. Die Frage, die sich Fiala - der Flüchtling - stellt, wird von zwei grundlegenden Widersprüchen durchkreuzt: einerseits die innere Dialektik zwischen Gefühl und Rationalität und andererseits die Beziehung zwischen dem isolierten Individuum und der Außenwelt im Allgemeinen. Diese Themen, die bereits in diesem Text auftauchen, laufen zu einem kritischen Knoten zusammen, der Löwiths Reflexion während ihrer gesamten Entwicklung begleiten wird.

Gerade die Subjektivität stellt den problematischen Dreh- und Angelpunkt dar, um den herum sich nicht nur das Stellen der Löwith-Frage sondern auch ihre mögliche Beantwortung bewegt. Die Problematik der Frage nach der Individualität wird das zentrale Thema Löwiths für seine Habilitation „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“ sein, die zwei Jahre nach dem Entwurf von „Fiala“ 1928 unter der Leitung von Martin Heidegger verfasst wurde. Die in dieser Arbeit vorgeschlagene These ist, dass die Betrachtung des Menschen nicht auf seine Autonomie reduziert werden kann.

In der von Löwith entwickelten  anthropologischen Vision kann der Mensch definiert werden als  in Beziehung stehend, und zwar in Beziehungen vom Ich zu einem Du, die im sozialen Kontext in Form von Rollen entstehen.

Der Ansatz dieser Frage, deren methodische Bedeutung weit über ihre anthropologischen Prämissen hinausgeht, wird nicht nur der Ausgangspunkt für Löwiths Abkehr von Heideggers Philosophie sein, sondern auch der Ansatzpunkt für die Ausarbeitung jenes dekonstruktiven kritischen Apparats, den der Philosoph im Laufe der Jahre als Modell der Analyse des modernen philosophischen Denkens und seiner Prämissen in der Geschichte der postchristlichen westlichen Reflexion verwenden wird. Darüber hinaus lässt sich sagen, dass es im Fiala möglich ist, die gemeinsame Genese zu verfolgen, die das oben genannte Problem der Subjektivität mit einer anderen zentralen Frage in Löwiths Reflexion verbindet: jener der Welt der Natur. Tatsächlich hat diese Verbindung ihre Wurzeln im Interesse an Nietzsche, einem Autor, der die Kindheit von Löwith-Fiala prägte und mit dem der Philosoph bis zu seinem Lebensende eine grundlegende Auseinandersetzung führen wird.

Für Fiala ist die Isolation die notwendige Voraussetzung dafür, Selbstmord zu begehen. Diese Isolation hängt in erster Linie davon ab, sich von der Lust an der Existenz des Andersseins entfernt zu haben, was sowohl in Bezug auf den Mitmenschen als auch auf die Natur verstanden wird. Gerade die Möglichkeit der Offenheit gegenüber dem Anderen im Allgemeinen stellt den stärksten Einwand gegen jede philosophische Theorie dar, die auf der absoluten Sicherheit des sich selbst genügenden Subjekts beruht. Die Geschichte von Fiala, der sich intensiv der Erfahrung seiner Jugend mit einer philosophischen Haltung aussetzt, die sich im Verhältnis zur komplexen und unberechenbaren Realität immer als unzureichend erweist, zerstört sanft und Schritt für Schritt jene Vision des modernen Denkens, die den Einzelnen in seiner absoluten Autonomie betrachtet und die ihn als eine Existenz, die nur auf sich selbst gründet, definieren will.

Bei der Annäherung an dieses Werk, in dem sich der kritische Geist des Philosophen im Einklang mit der tiefen persönlichen Wirkung seiner Lebenserfahrung offenbart, wird uns der Eindruck vermittelt, dass Löwith nicht darauf verzichten konnte, sich selbst so zu kritisieren, wie er die anderen Philosophen kritisiert hat. Von Nietzsche bis Kierkegaard, von Dostojewski bis Schopenhauer tauchen auf den Seiten von Fiala die Namen der großen Philosophen und Schriftsteller auf, die das Denken von Löwith beeinflussten.

Durch die Konfrontation mit ihren Werken kollidiert sein Problemdenken mit der aus den eigenen Erfahrungen gewonnenen Weisheit: die Berührungspunkte der Kollisionen werfen einen Schatten auf die Möglichkeit, den Einzelnen auf sein Denken zu reduzieren.

Wenn die Unruhe Fialas tatsächlich aus dem Bewusstsein resultiert, dass die Existenz bereits gegeben ist, bevor man seine Entscheidung darüber getroffen hat, dann wird deutlich, dass die ursprüngliche Hamlet-Frage eine Bedeutung annimmt, die weit über eine rein rationale Ebene hinausgeht. Fialas Angst ist nicht die heideggersche Angst vor dem Tod, sondern die tiefere und schockierende Angst vor dem Leben.

Dennoch stellen die Buchseiten von „Fiala“ eine zutiefst anschauliche und klare Demonstration der Bedeutung einer philosophischen Auseinandersetzung mit der Frage des Selbstmords als einer durchaus menschlichen Möglichkeit dar. Das so sehr, dass es für Löwith möglich ist, eine philosophische Theorie des Selbstmords zu erarbeiten. Ein Bedürfnis, entstanden aus großer innerer Kraft, da diese Frage im westlichen Denken eine besondere Bedeutung für die christliche Religion angenommen hat, die sie als schwere Sünde betrachtet.

Die Philosophie bleibt jedoch bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema, das durch die Behandlung im Fiala radikal angezweifelt wird, eine offene Frage. Tatsächlich geht die autobiographische Darstellung gerade bei der Überwindung eines rein theoretischen Ansatzes in der Frage des Selbstmordes so weit, die tiefe Komplexität zu demonstrieren, die das löwithsche Denken auszeichnet. Wegen seiner skeptischen Haltung kann man das Denken Löwiths nicht auf eine einzige Bedeutung reduzieren.

Die Geschichte von Fiala dagegen ist in erster Linie die Geschichte einer Suche nach Schönheit; einer Schönheit, die der Antiheld des Buches vor allem in seinen intensiven und tiefen Freundschaftsbeziehungen wiederentdeckt, die eine grundlegende Rolle im Leben von Fiala spielen und sein Denken prägnant und spürbar stören. Auch die Schönheit, die in der Liebe zu Italien, dem von Löwith gewählten Lebensmittelpunkt, wiederentdeckt wurde, als das Land, in dem sich das empfindliche Gleichgewicht der Freude sowohl an der Existenz des Anderen als auch an der Natur ausdrückt.