Garff Kierkegaard

Datum: 03.12.2018

Autor: Joakim Garff

Rezensent: John Burns

Garff, Joakim, Sören Kierkegaard, Hanser Verlag, München 2004.

In der Einleitung zu seiner ausführlich recherchierten Biographie schildert Joakim Garff, wie Bischof Martensen vom Fenster seiner Amtswohnung aus die Menschen beobachtete, die nach der kirchlichen Trauerfeier für Sören Kierkegaard die Frauenkirche in Kopenhagen verließen. Martensen war fassungslos, dass dem Ketzer und Kirchenfeind, Sören Kierkegaard, ein christliches Begräbnis zuteilwurde. Als er von der spontanen Grabrede hörte, die Kierkegaards Neffe Henrik Lund auf dem Assistenzfriedhof hielt, fühlte sich Martensen aufgefordert, einen Prozess gegen den jungen Arzt anzustrengen, der als Laie auf geweihtem Boden nicht hätte reden dürfen. So forderte der Philosoph Sören Kierkegaard auch nach seinem frühen Tod im Alter von 42 Jahren die dänische Staatskirche heraus, die er in seinen letzten Lebensjahren immer vehementer angegriffen hatte.
Kierkegaard, der sein Leben und Werk als identisch betrachtete, stellt seine Biographen vor gewaltige Probleme, weil er schon zu Lebzeiten am eigenen Mythos arbeitete. Wie sein langjähriger Sekretär Israel Levin beobachtete, war die eigentliche Persönlichkeit des Philosophen schwer fassbar. So wie er als Autor gern mit Pseudonymen arbeitete und durch Ironie sein Denken nie eindeutig werden ließ, wollte Kierkegaard, die Frage nach seiner Identität und der Bedeutung seiner Schriften offen lassen.
Joakim Garff, Mitherausgeber der Schriften des dänischen Philosophen und Dozent am Sören Kierkegaard Research Center in Kopenhagen, nähert sich dem Menschen Kierkegaard, indem er „kritischer, historischer, weniger ehrerbietig“ als seine Vorgänger das Leben und Werk des Denkers erforscht. Garff will weder zum Mythos Kierkegaard beitragen noch sein Genie verherrlichen. In akribischer Detailarbeit entwirft er das Bild eines genialen Denkers, der wie sein Vorbild Sokrates am liebsten auf dem Marktplatz philosophiert hätte, wenn sich die Intellektuellen, die er ansprechen wollte, in den Straßen Kopenhagens auf ein Disput mit ihm eingelassen hätten. Wie Sören Kierkegaard dennoch durch publizistisches Geschick und dichterische Originalität das lesende Publikum für sich gewinnen und schließlich gegen sich aufzuwiegeln verstand, wird verständlich, wenn die vorhandenen Quellen zum Leben Kierkegaards zunächst einmal für sich sprechen dürfen. Garff ist weniger an psychoanalytischen Interpretationen des Innenlebens Kierkegaards interessiert als an phänomenologischen Betrachtungen. Kierkegaard wird zunächst im Kontext des damaligen Literaturmilieus geschildert; veranschaulicht wird auch seine zunehmende Frustration mit der hegelianisch geprägten Theologie seiner Zeit; schließlich wird seine Kirchenkritik zu einer Präokkupation, als er sich auf einen individuellen Kampf gegen die Staatskirche einlässt, die seiner Meinung nach die einfache Botschaft des ursprünglichen Christentums nicht mehr verkündet. Die Theologen und Würdenträger der Kirche waren, wie Kierkegaard meinte, nicht mehr authentisch, weil sie gut bürgerlich lebten, Wasser predigten aber Wein tranken.
Auf mehr als 900 Seiten wird der Weg eines zunehmend an seiner Bestimmung leidenden Schriftstellers aufgezeigt, dessen Streben nach Anerkennung durchaus pathologische Züge annahm. Kierkegaard war ein Schriftsteller mit einem Sendungsbewusstsein, der bei jedem Thema, das er anvisierte, immer vom eigenen inneren Erleben ausging. Seine Kategorien waren stets Ausdruck seiner Subjektivität.

In biblischen Erzählungen, momentanen Eindrücken, Metaphern und Märchen gibt Kierkegaard Einblick in eine selbstgestaltete Welt der Phantasie. In seinen Werken verwendet der Autor häufig Pseudonyme, die eine multiperspektivische Wiederspiegelung der Realität ermöglichen. Obwohl Kierkegaard im gewissen Sinne das Schreiben als Versuch einer Seelen- und Selbstheilung verstand, hat er Erkenntnisse zu Tage gefördert, die für seine Zeitgenossen und für spätere Generationen eine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Er wurde zum Vorläufer der Existenzphilosophie indem er die von Hegel formulierte Ontologie des Selbst, – das An-und Für-sich- Sein -, als Problem auffasste, das jeder Mensch neu zu lösen hat. Wenn er sich mit den Gegebenheiten seiner Existenz auseinandersetzt, kann er durch sinnvolle Handlungen sein Selbst entfalten. Flüchtet er aber vor der Sinnsuche, verfällt er unter Umständen seiner Lebensangst. Obwohl Kierkegaard sein Leben zeitweise als Leidensweg empfand, vermitteln seine Aufzeichnungen und Tagebücher das Bild eines Schriftstellers, der mit seiner Berufswahl durchaus zufrieden war. Kierkegaard steuerte aber unbeirrt auf die „Kollisionen“ in seinem Leben zu, aus denen er reichlich Material für seine Schriften schöpfte.

Sein Vaterkomplex, die geplatzte Verlobung mit Regine Olsen, der Streit mit seinem älteren Bruder, die Affäre Corsar, seine Polemik gegen Bischoff Martensen und die dänische Staatskirche bilden den äußeren Rahmen des „Komplexes Kierkegaard“ (Garff). Wie Kierkegaard seine Lebensereignisse dichterisch, philosophisch und psychologisch auslotete, ohne je zu einem abschließenden Urteil oder zu einer eindeutigen Bewertung seiner Handlungen zu gelangen, kann entweder als Ausdruck eines grüblerischen Temperaments gesehen oder als Hinweis auf das menschliche Schicksal an sich verstanden werden. Kierkegaard war ein Meister der Ironie. Wie wird nun der jüngste Sohn eines Wollhändlers zum bedeutendsten Dichter-Philosophen Dänemarks?
Der Vater Sören Kierkegaards, Michael Christensen Kierkegaard, wurde als viertes Kind einer kinderreichen Familie auf dem von seiner Familie gepachteten Hof in Saedding in der jütländischen
Heide geboren. Michael wuchs in Armut auf, hütete schon als junger Knabe Schafe und wurde im Alter von 11 Jahren nach Kopenhagen zu seinem Onkel Niels Andersen Seding geschickt, in dessen Geschäft er eine Lehre als Wollhändler absolvierte. Da er geschäftlich recht erfolgreich wurde, konnte Michael im Alter von 38 Jahren heiraten. Seine Frau, die Schwester seines Kompagnons, Kirstine Nielsdatter, starb aber zwei Jahre nach der Hochzeit an einer Lungenentzündung. Ein Jahr später heiratete Michael Kierkegaard sein Dienstmädchen, Ane Sörensdatter Lund, das schon vor der Hochzeit schwanger war. Nach der Geburt von drei Mädchen kam 1805 der erste Sohn des Ehepaars Peter Christian zur Welt. Die Familie zog von Hilleröd nach Kopenhagen zurück, wo der Vater, der sein Wollgeschäft verkauft hatte, ein Haus mit der Adresse Nytorv 2 erwarb. Hier wurden drei Söhne geboren. Sören Aabye Kierkegaard war das siebte Kind der Familie, sein Vater 65 Jahre alt, seine Mutter 45.
Für die Familie wurde finanziell gut gesorgt, denn der Vater hatte den Erlös vom Verkauf seines Geschäfts in Staatsanleihen angelegt, die gegen die Inflation geschützt waren. Während andere
Investoren über hohe Verluste klagten, nachdem das dänische Königshaus durch eine sinnlose Allianz mit Napoleon die Wirtschaft Dänemarks destabilisiert hatte, handelte der geschäftstüchtige Michael Kierkegaard weiterhin mit Wollwaren und wurde zu einem der reichsten Männer des Landes. Sören rivalisierte als Kind mit seinen älteren Geschwistern. Sein Verhältnis zu seinem älteren Bruder Peter Christian war besonders stark von Neid und Eifersucht geprägt. Er hatte ambivalente Gefühle seinem Bruder gegenüber, den er einerseits entthronte, andererseits weiterhin als fürsorglichen Beschützer gern gesehen hätte. Peter Christian war aber nicht geneigt, die radikale Kritik seines Bruders an den Normen und Konventionen der Staatskirche zu teilen, so dass Sören kurz vor seinem Tod die Beziehung zu seinem Bruder ganz abbrach. Die stärkste Bindung des jungen Sören bestand zu seinem Vater, der ihn zwar liebevoll pflegte aber
auch mit seiner religiösen Melancholie bedrängte. Michael Kierkegaard litt zeitlebens an einem krankhaften Schuldwahn, der ihn ständig um eine Sünde gegen Gott kreisen ließ. Seine vermeintliche Schuld bestand darin, dass er eines Tages Gott verfluchte, weil er ihn in der Kälte Hunger erleiden ließ, als er in der jütländischen Heide Schafe hütete.

Sören war körperlich zart, aber schlagfertig und konnte sich durch Spott und Ironie gegen andere Schüler verteidigen, die ihn wegen seiner Wollsocken und exzentrischer Art hänselten.
Obwohl er die Schule mit Erfolg absolvierte, ging er sein Studium der Theologie eher zögerlich an. Er gönnte sich anscheinend ein langes Moratorium (Aufschub), in dem er sich in Literatur, Philosophie und Theologie fundierte Kenntnisse erwarb, von denen seine späteren Werke beredtes Zeugnis ablegen. Der junge Theologiestudent grübelte ferner über seinen späteren Werdegang. Für die Kirche durch frommes Elternhaus und Studium bestens qualifiziert, kreisten die Gedanken des Magisterkandidats Kierkegaard ständig um seine wahre Bestimmung im Leben. Er suchte, wie er seinem Tagebuch anvertraute, die Idee, für die er leben oder sterben wolle. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1838 gelang es Sören, sein unstetes Studentenleben zugunsten
ernsthafter Prüfungsvorbereitungen einzuschränken. Zwei Jahre später bestand er das theologische Staatsexamen, das ihn für den Klerus oder die Universitätslaufbahn qualifizierte. Kierkegaard hatte aber vom Vermögen seines Vaters genug geerbt, um sich der Berufsroutine zu entziehen. Heiraten und eine Familie gründen, wollte er nicht. Seine Verlobung mit Regine Olsen wurde nach einem Jahre gelöst und fand Eingang in sein erstes Hauptwerk Entweder-Oder. Weder das ästhetische Leben des Verführers noch der moralische Weg in die Ehe, die Alternativen, vor denen junge Männer am Anfang ihres Erwachsenenlebens stehen, zogen den Schriftsteller Sören Kierkegaard an. Er wollte im dänischen Kulturleben an die oberste Spitze heran, alle überragen, möglicherweise durch Spott und Ironie seine Gegner in die Schranken weisen. Sogar der friedfertige Hans Christian Andersen musste einen Kopf kleiner gemacht werden, als Kierkegaard den Roman seines Landsmannes Nur ein Spielmann ungebührlich kritisierte. Auf der Suche nach seinem Selbst geriet Kierkegaard zunehmend in Opposition zu allen
Hauptströmungen und Modeerscheinungen der Theologie und Philosophie seiner Zeit. Radikaler als viele seiner Vorgänger in der kulturellen Tradition untersuchte er in zunehmender Einsamkeit immer nur eigene Einfälle, eigene Empfindungen und eigene Erlebnisse, die er in glänzende Formulierungen einzukleiden verstand. Als er nach einem verbitterten Kampf gegen die christliche Orthodoxie im Jahre 1855 verstarb, hinterließ er eine Reihe von Werken wie Der Begriff Angst, Die Wiederholung, Furcht und Zittern, Die Krankheit zum Tode und Philosophische Brocken , die heute zu den Klassikern der modernen Philosophie zählen.
Wer sich nicht von der Länge der Biographie Garffs abschrecken lässt, lernt Sören Kierkegaard mit allen seinen charakterlichen Stärken und Schwächen kennen. In den Szenarien, die Garff aus seinen vielen Quellen entwirft, erscheint Kierkegaard als gründlich missverstandener Mensch, vielleicht etwas liebenswürdiger als der Autor ihn manchmal sehen will. Kierkegaard kämpfte unter widrigen Bedingungen gegen seine inneren Dämonen und lernte am eigenen Leibe Lebensangst und Verzweiflung kennen. Wenn sein Genie ihm letztlich keinen Ausweg aus der Verzweiflung (Sartre) aufzeigen konnte, hat seine enorme geistige Leistung ihm geholfen, seiner melancholischen Stimmung eine schöpferische Lebensleistung abzuringen. Für Psychologen und Psychotherapeuten ist die Biographie Sören Kierkegaards von Garff oder eine kürzere Lebensbeschreibung – z.B. Rohde, Peter. R., Kierkegaard, 25. Aufl. Hamburg 2006 – unentbehrlich.