Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.

Datum: 21.10.2013

Autor: Nagel, Thomas

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

 

Nagel, Thomas (2013): Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann. Berlin (Suhrkamp), 187 S, 24,95

Nagel geht davon aus, dass Naturwissenschaftler durchgehend behaupten, alle Phänomene, also auch Gefühle, Gedanken, Bewusstsein und Verhalten, seien vollständig erklärbar durch materielle Faktoren. Dieses Axiom hält er für “höchstwahrscheinlich falsch”. Nagel hält diesen Wissenschaftlern vor, ihre Ideologie über den Wirklichkeitssinn zu stellen. Er hält es für unmöglich, dass sämtliche Phänomene des Geistes unter physikalische Konzepte subsumiert werden können. Die Evolutionstheorie sei nicht falsch, aber ungenügend (das klingt schon anders als der Untertitel). Er behauptet, aus dem Prinzip von Mutation und Selektion könne nicht erklärt werden, wie aus Anorganischem organisches Leben entstand, aus einfachen Systemen komplexe wurden und Instinkt in Verstand und Bewusstsein mündete. Er behauptet, der Mensch habe nicht zufällig Bewusstsein. Er möchte die Lehre Darwins ergänzen durch teleologische Hypothesen, die er eine “kosmische Prädisposition der Entstehung von Leben, Bewusstsein und Werten” nennt. Teleologie heißt, dass alle Dinge in den vergangenen Jahrmilliarden geschahen, weil sie auf dem Weg zu diesem einem Ziel der Bewusstwerdung des Menschen liegen.

Nagels Folie, auf der er schreibt, ist ein Unbehagen am Materialismus. Seine Teleologie ist explizit nicht gottesbasiert. Was ist sie dann? Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten, entweder ist sie idealistisch oder metaphysisch. Den Materialismus lehnt er als unvollständig ab. Bleiben Idealismus und Metaphysik, und in der Tat ist Teleologie reines Wunschdenken noch vor aller Wissenschaft. Nagel denkt selbst idealistisch, wie er es den Naturwissenschaftlern vorwirft. Er kritisiert das vorherrschende naturwissenschaftliche Weltbild und bezieht dafür intellektuelle Prügel von den Materialisten. Nagel konstatiert selbst, dass er nicht ernst genommen wird.

Das liegt unter anderem daran, dass er zentrale Begriffe wie Kosmos, Welt, Natur als Ganzes, Realität und Welt als Ganzes nicht definiert. Das Universum sei allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst geworden. Ein abenteuerlicher Gedanke. Es setzt „das Universum“ als lebendes, einheitlich handelndes Individuum voraus, das angeblich seit Jahrmilliarden daran arbeitet, sich selbst zu erkennen. Der Mensch wird so zum Werkzeug einer übergeordneten, gigantischen Macht, ein Mittel zum Zweck. Allein das dürfte aufgeklärte Menschen abstoßen und widerspricht auch unserer Vorstellung von menschlicher Würde. „Die Natur“ als Gesamtsystem hat tatsächlich Bewusstsein und Gedächtnis irgendwie „erzeugt“, aber nichts spricht dafür, dass dies von vornherein so festgelegt war. Hier zeigt sich eine weitere Schwachstelle der Nagelschen Argumentation: sein Determinismus.

Richtig ist, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, die Subjektivität zu transzendieren und zu entdecken, was „objektiv der Fall“ ist. Nagel bezieht das nun aber nicht auf die Evolution oder die Gravitation, sondern auf den Bereich der Werte. Werte hätten eine eigenständige Realität, die sich nicht auf eine materialistische Grundlage reduzieren lassen. Die Frage ist also: Existieren die Werte auch unabhängig vom Menschen? Nagel würde das bejahen, aber die Gegenargumente sind erdrückend. Ohne lebendigen Körper und ein funktionierendes Gehirn können Werte nicht erkannt und gelebt werden; selbst wenn es sie gäbe, sie sind dann faktisch inexistent, weil unerschaut. Das Argument lässt sich an der Frage der Existenz Gottes exemplifizieren: Existiert Gott, wenn es den Menschen nicht gäbe? Der Beweis dafür ist praktisch nicht anzutreten. Nach Karl Popper handelt es sich um eine nichtfalsifizierbare und damit unwissenschaftliche These. Das gilt rundum für Nagels Hypothesen.

Nagels Thesen funktionieren nur, weil er einen Popanz namens materialistische Naturwissenschaft aufbaut. Es mag ja einzelne Wissenschaftler geben, die auch Gefühle, Bewusstsein und Werte durch die materiellen Faktoren der Hirnphysiologie erklären wollen. Ihnen muss man keineswegs zustimmen und sie sind vielfältig und mit guten Argumenten kritisiert worden. Zieht man diesen Popanz ab, bleibt von Nagels Argumentation nicht viel übrig. „Geist und Kosmos“ ist weit davon entfernt, ein Alternativkonzept zum sogenannten psychophysikalischen Reduktionismus und zur Evolutionslehre zu sein. Den qualitativen Sprung von der Neurophysiologie und Molekularbiologie zu Seele und Geist will auch er nicht erklären. Nagel hält eine solche Erklärung für prinzipiell unmöglich, aber das wird sich vielleicht in den nächsten 20 oder 30 Jahren anders darstellen.

Die Evolution ist keine Theorie, sondern eine Tatsache, ebenso wie beispielsweise die Gravitation. Die Mechanismen der Evolution wurden seit Darwin vielfältig beschrieben und haben deutliche Umwandlungen und vor allen Dingen Verfeinerungen und Ergänzungen erfahren. Es gibt durchaus Experimente und Hypothesen, wie aus anorganischer Materie organisches Leben entstanden sein könnte. Steven Jay Gould und andere Darwinisten und Evolutionsbiologen haben vielfältige Belege dafür gesammelt, dass die Entstehung des Menschen auf einer Reihe von völlig unwahrscheinlichen Zufällen beruht. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit lag nahe bei null, war aber nicht null.

Nagels These, es gebe eine kosmische Disposition zur Entstehung von Bewusstsein, muss deutlich widersprochen werden. Die Evolution ist nicht auf Vervollkommnung und Höherentwicklung angelegt. Es gibt keine Teleologie in der evolutionären Entwicklung. Wenn es ein klares Ziel der Evolution gibt – den Geist und die Werte –, warum hat sich die Evolution dann damit so lange Zeit gelassen? Und woher will Nagel wissen, dass der menschliche Geist die letzte Stufe der Evolution ist? Könnte es nicht noch weiterführende teleologische Ziele der Evolution geben, von denen wir keine Vorstellung haben?

Nagels Kritik an der Evolutionstheorie basiert erneut auf einem Popanz, nämlich dem, Evolution könne “alles erklären”. Es gibt keinen Evolutionsbiologen, die dies behaupten würde, und wenn es jemand täte, repräsentiert er allenfalls eine Minderheitenmeinung. Die Evolutionstheorie ist wie jede Theorie (einschließlich Nagels) unvollständig; es ist aber ein gedanklicher Kurzschluss daraus zu folgern, sie sei „mit ziemlicher Sicherheit falsch“. Es gibt nach wie vor Lücken in den materialistischen Naturwissenschaften. Diese Lücken sind unter den Fachleuten bekannt. Der gute Wissenschaftler ist sich der Grenzen seines Fachgebietes bewusst.

Nagel mag andernorts als seriöser Philosoph gelten, doch das heißt nicht, dass seine Thesen oder Hypothesen höhere Plausibilität genießen als die seiner Widersacher. Er glaubt, die Wirklichkeit besser darstellen zu können als die Naturwissenschaftler. Das ist anzuzweifeln. Es gibt keinerlei Beweise für seine theologische Sichtweise außer seiner Gutgläubigkeit, die er „objektiven Idealismus“ nennt. Sein Gedankengebäude hat ebenso große Lücken wie die der materialistischen Wissenschaft. Er problematisiert scharfsinnig die Naturwissenschaften, aber umgekehrt lässt sich seine Teleologie ebenso gut auseinandernehmen. Er ist insofern kein rundum guter Wissenschaftler, als er die Gegenargumente nicht mit den seinigen abcheckt. Er bleibt damit ein Provokateur, den man nicht allzu ernst nehmen muss.

Gewidmet Dr. Gert Janssen

Gerald Mackenthun

Berlin, Oktober 2013