Halbierte Wirklichkeit: Warum der Materialismus die Welt nicht erklärt

Datum: 24.02.2014

Autor: Hans-Dieter Mutschler

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

 

Mutschler, Hans-Dieter (2014): Halbierte Wirklichkeit: Warum der Materialismus die Welt nicht erklärt. Kevelaer (Butzon & Bercker), 340 S., ISBN 978-3766617217, 24,95 Euro

Prof. Mutschler weist zu Recht auf die Grenzen der materialistischen Wissenschaften hin. Der Materialismus wird allerdings nur dann zum Problem, wenn man ihn zur Erklärung sämtlicher Phänomene heranzieht. Es dürfte Konsens sein, dass jeder –ismus, also die Verabsolutierung eines nur begrenzten Ausschnittes der Wirklichkeit, in die Irre führen muss. Die Aussage, die materialistische Weltanschauung reiche nicht aus, um das Leben in all seinen Dimensionen zu verstehen, ist weder neu noch überraschend.

Die Frage ist, welche Alternative Mutschler anzubieten hat. Eine erste Antwort ergibt sich aus seinem Buch „Die halbierte Wahrheit“: eine „narrative Theologie der Natur“. Das erinnert einerseits an Goethes Naturpantheismus, andererseits an Thomas Nagels teleologischen Evolutionismus. Am nächsten dürfte Mutschler der Lebensphilosophie  eines Henri Bergson und Wilhelm Dilthey kommen, die ihre Entwürfe als Gegenentwürfe zum Positivismus verstanden. Das Werden des Lebens, seine Ganzheitlichkeit kann demnach mit Empirie und Logik nur unzureichend erfasst und beschrieben werden. Zu einem umgreifenden Leben gehören ebenso nicht-rationale, kreative und dynamische Elemente.

Wer würde heute solchen Aussagen widersprechen? Der Autor baut einen Popanz auf, den er genüsslich demontiert. Tatsächlich arbeitet er sich an einer Schimäre ab. Damit kann man leben.  Doch einige von Mutschler gezogene Konsequenzen müssen zurückgewiesen werden.

Es muss daran erinnert werden, dass religiöser Glaube und Dogmatismus jegliche wissenschaftliche Erkenntnis über Jahrhunderte verhindert haben. Glaube kann eine Alternative zur Naturwissenschaft sein, jedoch nur als Antagonismus. Auch sind die Naturwissenschaften niemals angetreten, „Grundlagen für ein gelungenes Leben zu liefern“. Hier verkennt der Autor das Wesen von Wissenschaft. Der religiöse Glaube mag diese Grundlagen liefern, doch muss an die bisherigen und anhaltenden verheerenden Folgen für die Betroffenen erinnert werden. Man könnte den Glauben agnostisch für sich stehen lassen, wenn er sich nicht in naturwissenschaftliche Belange einmischen würde. Der Dialog von Naturwissenschaft und Glaube kommt nämlich – kaum begonnen – sofort an ein abruptes Ende bei der Frage: Und wer erschuf Gott?

In einem längeren Artikel für den Tagesspiegel (16. Februar 2014, S. 7) wirft Mutschler den Naturwissenschaften vor, zu den fundamentalen „Fragen nach Liebe, Schuld, Glück, Freiheit, Erfüllung“ nichts zu sagen zu haben. Das ist auch gar nicht deren Anspruch; der Vorwurf geht ins Leere. Mutschler jedenfalls kann im Materialismus keine „überzeugende Alternative zur traditionellen Form des Christentums“ sehen. Welches Christentum meint Mutschler, etwa das bigotte, leibfeindliche, autoritäre, dogmatische, intolerante?

Sollte das die Alternative zum Materialismus sein, dann bin und bleibe ich gerne Materialist in den bewussten Grenzen seiner Erkenntisreichweite.

Gerald Mackenthun

Berlin, Februar 2014