Heinrich Heines Lutherportrait in: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland

Datum: 01.02.2017

Autor: Heinrich Heine

Rezensent:  Matthias Voigt

 

Heinrich Heines Lutherportrait in: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834)

„Was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat? Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.“ In dieser geistigen Haltung scheint mir die Beziehung Heines zu seinem revoluzzerischen Vorfahren gekennzeichnet. Beide, Heine und Luther, schauen aber nicht bloß dem Volk dazu „auf’s Maul“, sondern muten ihm einiges an Bemühungen zu.

Als ich den 150-seitigen Essay Heinrich Heines vor mehr als 30 Jahren zum ersten Mal las, verstand ich wenig vom Inhalt; es ging mir wie zuvor bei seinem Deutschland, ein Wintermärchen: begeistert von poetischer Artistik und intellektuellem Esprit, etwas verschüchtert vom Eindruck, dass es hier von Geist nur so sprühte. Man hatte es mit einem Autor zu tun, der bei G.W.F. Hegel in die Schule gegangen war, der sich die Kulturgeschichte nicht bloß angelesen hatte. Ich jedenfalls litt ein wenig in der Rolle des geistigen Fußvolks und hatte nur den Trost durch die Wirkungen von Heines „hübschen Buchstaben“. Die erneute Lektüre übte nun noch einmal denselben Zauber aus – nur war der Genuss größer, da ich manches jetzt sogar zu verstehen glaubte.

Heine schrieb dieses Buch, um die intellektuellen Kollegen in seiner Wahlheimat Frankreich mit dem Geist derer vertraut zu machen, die sich der militärischen Mission durch Napoleon widersetzt hatten. Als Liebhaber der französischen Kultur will er die politisch überlegene Nation zu etwas mehr Hochachtung gegenüber den Barbaren auf der anderen Seite des Rheines verführen. Hierzu demonstriert Heine an der Person Luthers, dass von diesem Manne eine geistige Revolution ausging, die den Vergleich mit der französischen von 1789 nicht zu scheuen brauchte. Der Reformator habe die Wege gebahnt, auf denen Kant und dann Hegel seinen Eroberungszug im Riesenreich der Vernunft fortgesetzt hätten. Gegen die Radikalität der geistigen Haltung Luthers nehme sich die politische Revolution der Franzosen wie ein oberflächliches Spektakel aus.

Worin besteht nun für Heine das Übergroße an Luthers Leistung für die deutsche Kultur- und Gesellschaftsentwicklung? Luthers Kampf gegen den römischen Papst basierte auf wechselseitigem Missverstehen beider Parteien. Der Bergmanns-Sohn hatte keinerlei Bezug zum Herrschaftsbewusstsein eines Leo X., dem Prototypen eines Rennaissance-Fürsten, der dem Hause Medici entstammte. Dieser wiederum nahm den kleinen Mönch gar nicht als wirkliche Gefahr für die Kirche zur Kenntnis. Der Sohn des Lorenzo il Magnifico, ein Bewunderer Raffaels, sah seine Rolle als Papst in der Aufrechterhaltung des römischen Herrschaftsmodells, das die katholische Kirche zum Global Player gemacht hatte. Leo X. besaß die Souveränität eines Mannes der Hocharistokratie, der als Kirchenoberhaupt die Einhaltung der hierarchischen Ordnung einforderte, aber sonst den irdisch-leiblichen Bedürfnissen weltmännisch Rechnung trägt. Er lässt seine Christenheit generös sündigen und gewährt jedem Sünder gegen Ablass-Zahlung die Absolution. Ein von gut ausgebildeten Händlern weltweit verbreitetes System, mit dem das Sündenkapital ethisch saubergewaschen wird, indem man es in den Bau des Petersdomes zur höheren Ehre der Römischen Kurie und der Kunst investiert.

Der Reformator Luther erblickt in so viel spiritueller Lauheit nicht das, was sie auch ist: die Versöhnung des überfordernden geistigen Anspruchs des Christentums mit der Triebhaftigkeit des Menschen. Mit der intellektuellen Radikalität, die sozialen Aufsteigern eigen ist, nimmt der Protestant Luther einseitig Stellung für den Geist und gegen den Leib. Der Papst wird ihm so zum „Leibhaftigen“, zur Verkörperung des Teufels.

Diese manichäische Radikalität, Luthers Vorliebe für den sprachlichen Fäkalbereich, wird von der Tiefenpsychologie als typisch für eine anale Charakterdisposition betrachtet. Heine erkennt darin die noch lebendige vorchristlich-germanische Religiosität. Deren Gottheiten verdrängte das Christentum wie alles Naturhafte in den Bereich des Bösen. Und von dort bezog die vitale Affektivität des Reformators ihre nie versiegenden Kräfte und war der sprudelnde Quell seiner Kampfesbereitschaft. Sie zeigt sich Heine in Luthers Streitschriften, deren „plebejischer Rohheit“, „widerwärtig wie grandios“ zugleich. Als Ressentiment-Bereitschaft richtete sie sich gegen alles, was Luther gegen sich oder unter sich wähnt; deshalb die regelmäßigen Hasstiraden gegen ‚die’ Juden als die angeblichen Mörder Christi oder gegen Abweichler an der Reformationsfront.

Heine diagnostiziert diese Charakterpathologie Luthers, ohne aber zugleich dessen große Persönlichkeit in Frage zu stellen. Er sei es gewesen, der in Deutschland der Vernunft zum entscheidenden Durchbruch verholfen habe. Die moralisch-geistige Stickluft konnte Dank seiner Vorarbeit aus der Welt des Geistes vertrieben werden. Indem die Mittlerrolle der Priesterschaft ausgeschaltet war, seien – heute würde man sagen – basis-demokratische Elemente in die neue Kirche gekommen; die Abschaffung des Zölibats habe auch allgemein zu mehr moralischer Aufrichtigkeit beigetragen.
So sei Luther zum Erfinder des protestantischen Pfarrhauses geworden. Die Pfarrersfamilie als pädagogische Vorzeigeinrichtung des Protestantismus konnte zur intellektuellen Brutstätte und Kaderschmiede einer neuen Form der Geistigkeit werden. Schrift und Wort standen hier in höchsten Ehren. Nicht nur die Köpfe der deutschen Aufklärung, auch viele Literaten waren Pastorenkinder.

Nachzutragen ist hier noch Luthers unbestreitbarste Kultur-Tat: Für den Reformator sollte das Wort Gottes nicht mehr der Vermittlung durch eine weltliche Instanz bedürfen. Der Hegelianer Heine erkennt in dieser angestrebten Einheit von Gläubigem und Bibel das Verhältnis des subjektiven Geistes, der im objektiven Geist zu sich findet. Die unmittelbare Beziehung des Gläubigen zum Wort Gottes wird zur Vorstufe der sich selbst erkennenden Vernunft. Die Lese- und Denkfreiheit bahnte so einer autonom werdenden Philosophie den Weg. Zugleich wirkt diese Emanzipation von der kirchlichen Obrigkeit in den Bereich der weltlichen Herrschaft hinein. Sie muss sich legitimieren, indem sie sich am Maß der Heiligen Schrift messen lässt. Und hierzu muss jeder den eigenen Zugang zum Wort Gottes erhalten.

Die Bibelübersetzung war das eigentliche Wunderwerk, das Luther vollbrachte, denn die einheitliche Volkssprache, in die der Text zu übertragen war, gab es noch nicht. Erst Martin Luther schuf sie. Zu seiner Zeit konnte in Deutschland kein Süddeutscher mit einem Norddeutschen ein flüssiges Gespräch führen. Nur Latein und eine künstliche Kanzlei-Sprache ermöglichte die Kommunikation zwischen den Höfen. Erst das Luther-Deutsch schuf die Voraussetzung, dass eine Literatur entstehen konnte, die nicht hinter der Poetik des Minnesanges zurückblieb.

Luther vollbrachte wahre Wunder an sprachlicher Schöpferkraft. Seine Bibelübersetzung und das bald florierende Druckwesen brachten innerhalb weniger Jahrzehnte unser heutiges Hochdeutsch in Umlauf. Das politisch und religiös zerstückelte Land wuchs so auf literarischem Wege zur geistigen Einheit zusammen. Ein feste Burg ist unser Gott – diese von Luther gedichtete Hymne – wurde zur Marseillaise der Reformation. Sein Sprachgenie hatte die Mittel bereitgestellt, die jetzt zur Entfaltung der Geistigkeit in Deutschland führte, das man westlich des Rheins zu Heines Lebenszeit noch als barbarisch einschätzte.

Wir belassen es hier bei Heines Lobpreisung Luthers, „von dessen Wohltaten wir noch heute leben! Es ziemt uns wenig über die Beschränktheit seiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg, der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser selbst.“ Diese Einschätzung des Spottmauls Heine erinnert uns daran, dass auch wir Luther gegenüber zu Dank verpflichtet sind. Um diese Dankespflicht überhaupt zu fühlen, bedarf es offenbar der Hilfe eines Heinrich Heine und anderer umfassender Persönlichkeiten, denen dazu noch die sprachlichen, emotionalen und intellektuellen Mittel zur Verfügung standen. Es fehlt uns gewissermaßen ein Übersetzer, der uns die Syntax und Semantik des Gefühls wieder zugänglich zu machen hilft. Den gelehrten Kollegen seiner Zeit hielt Heine vor, sie sprächen verklausuliert, weil sie nicht „wagen, dem Volke mitzuteilen“, was die Resultate ihres Denkens seien. Das ist wohl der einzige Vorwurf, den man der heutigen Wissenschaft nicht machen muss.