Lexikon Existenzialismus und Existenzphilosophie

Datum: 24.06.2014

Autor: Thurnherr, Urs, Hügli, Anton (Hrsg.)

Rezensent:  John Burns

 

Thurnherr, Urs, Hügli, Anton (Hrsg.), Lexikon Existenzialismus und Existenzphilosophie, WGB
Darmstadt 2007, 348 Seiten

Wie findet sich der allgemeine Leser, der in einer Buchhandlung ein Buch über Existenzphilosophie
in die Hand genommen und eventuell gekauft hat, in der undurchsichtigen Begrifflichkeit eines Martin
Heidegger, Karl Jaspers oder Jean-Paul Sartre zurecht?

Einführungen in die Werke der Hauptvertreter dieser philosophischen Strömung, die vor allem in
Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg in den Cafes und Jazzkellern der Hauptstadt Paris beinahe zu
einer intellektuellen Mode wurde, sind reichlich vorhanden. Der Leser erhält einen weiteren Zugang
zur Gedankenwelt der Hauptvertreter des Existenzialismus durch die Essays, Romane, Kurzgeschichten
und Dramen von Simone de Beauvoir, Albert Camus und Sartre, in denen das Verhältnis des Individuums
zu Gesellschaft, Politik, Körperlichkeit, Sexus und Welt veranschaulicht wird.

Auch die Vorläufer der Existenzphilosophie Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche wählten die
literarische Form, um ihre Gedanken in Metaphern, Bildern und exemplarischen Gestalten lebendig
werden zu lassen. Unvergesslich sind die Gewissenskonflikte eines Abraham, der seinem
unsichtbaren Gott seinen einzigen Sohn Isaak opfern soll, wie Kierkegaard in Furcht und Zittern
ausmalt. Nietzsches Also Sprach Zarathustra beeindruckte ebenfalls einige Generationen von Lesern,
die einen neuen Lebenssinn in der Umwertung tradierter Werte sehen wollten.

So eindrücklich wie die bildhafte Darstellung existenzieller Konflikte sein mag, kann der Eindruck
entstehen, dass es sich in den Klassikern der existenzphilosophischen Dichtung und Essayistik
weniger um neue Erkenntnisse als um Fiktionen bezüglich des menschlichen Lebens handelt.
Im Gedankenexperiment des Dramas Geschlossene Gesellschaft von Sartre oder in der Novelle Der
Fremde von Camus werden Menschen in Grenzsituationen geschildert. Hier kann der Zuschauer oder
Leser die Gewissensnöte und Ängste der Protagonisten mitempfinden und sie mit eigenen
Erlebnissen vergleichen. Zum Mitdenken wird er eher durch die philosophischen Abhandlungen der
Existenzphilosophie angeregt.

Die Schriften von Heidegger, Simone de Beauvoir, Sartre und Camus wirkten über die Kreise der
Fachphilosophen hinaus und schienen bisweilen der Öffentlichkeit eine neue weltanschauliche
Orientierung zu geben. Ähnlich wie die Lebensphilosophie Henri Bergsons, dessen Kampfparolen
Intuition, Zeitlichkeit, Individualismus und schöpferisches Werden von der Jahrhundertwende zum
20. Jahrhundert hin bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 als Aufforderung zur
Erneuerung des spirituellen Lebens verstanden wurden, konnte der Existenzialismus auch als eine
Art Kritik an der „Seinsvergessenheit” (Heidegger) des homo faber, des Menschen im
rationalistischen Zeitalter der Technologie, aufgefasst werden. Die Existenzphilosophie erörterte
lebensnahe Themen und konnte durch ihre ausgeprägte Hinwendung zum Individuum als Alternative
zum theologischen Weltverständnis aufgefasst werden.

Wegen ihrer Vorliebe für Neuprägungen geriet sie aber immer wieder in die Kritik. Theodor W.
Adorno veröffentlichte im Anhang zur Negative Dialektik (1962-64) eine Polemik gegen den Jargon
der Eigentlichkeit, der seiner Meinung nach in den 1960er Jahren zur Verkehrssprache oder Lingua
franca der deutschen Intellektuellen geworden war. Mitunter vermuteten andere Kritiker der
Existenzphilosophie, dass das Verhältnis von Leib, Seele und Geist in der neuen Philosophie durch
den Mangel an begrifflicher Sorgfalt eher verdunkelt als erhellt wurde.

Um die Frage nach dem Erklärungswert der Existenzphilosophie besser stellen zu können, eignet sich
eine vergleichende Darstellung der Werke ihrer Hauptvertreter, die offensichtlich sehr bemüht
waren, die Tradition der Lebensphilosophie aufzugreifen und zu erneuern. Diese Arbeit setzte
zunächst einmal eine begriffliche Analyse voraus, welche mit Kontroversen und Konflikten unter den
Kontrahenten verbunden war.

Die Schriften der Existenzphilosophen sind allesamt als Beitrag zur Klärung des Seins- und
Selbstverständnisses des modernen Menschen in einer Welt ohne Gott zu lesen. Sie schaffen ein
Problembewusstsein und fordern den Leser zu einem Dialog über die fundamentalen Fragen des
Lebens auf. Um nach der Existenz zu fragen, müssen wir uns aber zuerst von unseren Vorurteilen
lösen, und die Begriffe, Metaphern und Bilder Revue passieren lassen, in denen wir gewohnt sind,
über unser Verhältnis von Selbst, Mensch und Welt zu reflektieren und zu sprechen.

Hierbei kann das von Urs Thurnherr und Anton Hügli herausgegebene Lexikon Existenzialismus und
Existenzphilosophie als Leitfaden dienen.

Eine Einführung von Urs Thurnherr stimmt den Leser des Lexikons auf eine genaue sprachanalytische
Betrachtung der verschiedenen Ausprägungen der deutschen Existenzphilosophie und des
französischen Existentialismus ein, deren gemeinsame Wurzeln in den Werken des dänischen
Junghegelianers Sören Kierkegaard (1813-1855) und Friedrich Nietzsches (1844-1900) liegen, welche
in dem Lexikon ausführlich zitiert werden.

Angesichts der Pluralität der Begriffssysteme, die allesamt als Existenzphilosophie gelten, ist der
Protest Albert Camus’ und einiger seiner Zeitgenossen gegen das Etikett Existenzialismus
verständlich.

Dennoch überwiegen die gemeinsamen Interessen der Existenzphilosophie gegenüber ihren
Differenzen. Sie behandelt z.B. philosophische Probleme aus ontologischer oder anthropologischer
Sicht. Ferner bemüht sich die Existenzphilosophie um die Existenz des Menschen, die der Essenz
vorausgeht. Christliche oder religiöse Denker wie Gabriel Marcel, Karl Jaspers und E. Lévinas gehen
jedoch immer noch von einem menschlichen Wesen aus, das im Laufe eines individuellen Lebens
verwirklicht werden soll, in der das Ziel der Vervollkommnung noch religiös untermauert ist.

In den 106 Beiträgen des Lexikons werden die diversen Strategien untersucht, mittels derer
namhafte Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts auf die fundamentalen Fragen des menschlichen
Daseins zu antworten versucht haben. Trotz seines Bedenkens bezüglich der Zuordnung der
verschiedenen Philosophen zur Existenzphilosophie weist Thurnherr auf deren Denkverwandschaft
und gemeinsamen Diskussionszusammenhang hin.

Zu den eher ontologischen Beiträgen des Lexikons zählen die bekannten Begriffe der
Existenzphilosophie: das Absurde, die Angst und der Entwurf. Der Entwurf bezieht sich auf die
Aufforderung, die jeder Mensch in sich verspürt, aus den Gegebenheiten seines Lebens ein sinnvolles
und glücksverheißendes Projekt zu machen. Seit der Antike gilt die Selbstreflexion als fundamentale
Tugend der individuellen Lebensgestaltung, die angesichts der Tendenz des Menschen, ins Irreale zu
flüchten oder sich etwas vorzutäuschen, immer nur partiell verwirklicht wird. Das Absurde seiner
Situation ängstigt den Menschen, so dass er die Suche nach einem Lebenssinn auf einen ihm schon
vorgegebenen Sinnzusammenhang beschränken möchte. Er verfehlt, so Heidegger, die Existenziale
der Rede und verfällt dem Man, das durch Gerede – sinnloses oder monologisches Gespräch –
gekennzeichnet ist.

Während Kierkegaard auf das Absurde der menschlichen Existenz mit einem Sprung in den Glauben
reagieren möchte, lehnte sich der französische Dichter der Revolte Albert Camus mutig gegen die
Verzweiflung auf, indem er von menschlicher Solidarität im Diesseits sprach.

Dr. Rieux in dem Roman Die Pest (1947) bleibt beim Ausbruch einer tödlichen Krankheit in seiner
Heimatstadt an seinem Posten im Ortskrankenhaus. Auch als die Ausbreitung der Pest nicht mehr
aufzuhalten ist, widmet er sich unermüdlich der Pflege seiner Patienten. Er braucht keine religiöse
Deutung des Geschehens oder eine Rechtfertigung seiner Entscheidung, sondern behält seine
menschliche Würde, indem er weiterhin nach seinem ärztlichen Ethos handelt.

Wie bei vielen Begriffen und Themen der Existenzphilosophie verweist das Wort Ethos auf das
Wertbewusstsein des Menschen. Die existenzialistischen Schriften umreißen eine Vielzahl von
Themen, die der traditionellen Moralphilosophie zugeordnet werden können. So stoßen wir rasch in
dem Lexikon auf Beiträge zu Freiheit, Gewissen, Glück, Schuld, Verantwortung und Unaufrichtigkeit.
Unter der Rubrik Humanismus wird auf die unterschiedlichen Positionen von Heidegger und Sartre zu
diesem Thema hingewiesen. Heidegger, der den Menschen als einen Modus des Seins betrachtete,
kritisierte die Aufwertung des Menschen bei Sartre zum ausschließlichen Thema seiner Ontologie.

In der Schrift Sartres Der Existenzialismus ist ein Humanismus werden Kantische Gesichtspunkte
sichtbar, die der Existenzphilosophie insgesamt anhaften. Immanuel Kant in Anthropologie in
pragmatischer Hinsicht formulierte eine Charakterlehre, die den Menschen unter dem Aspekt zu
betrachten versuchte, was er als freihandelndes Wesen aus sich macht oder machen kann und soll.

Obwohl weder Heidegger, Jaspers noch Sartre sich in erster Linie als Ethiker verstehen wollten,
deckten sie Aspekte des menschlichen Willens auf, die für die moralphilosophische Diskussion
durchaus bedeutsam sind. Sartre erläuterte in Das Sein und das Nichts wie der Mensch den Blick
eines anderen als Bedrohung empfinden kann. Aus ontologischer Sicht tendiert der Mensch dazu,
seine Freiheit zu leugnen, indem er sich lieber an der Dingwelt orientiert und sich zum
An-sich-sein ohne die Mängel eines zum Freisein bestimmten Wesens macht. In der Stimmung der
Unaufrichtigkeit ist der Mensch wertblind, denn er erkennt weder seine Freiheit noch die Freiheit
des Anderen an.

Die Abkapselung eines verängstigten Menschen, der in Unaufrichtigkeit lebt, weil er seine
Handlungsfreiheit eingrenzt, wurde von den Daseinsanalytikern Ludwig Binswanger und Medard Boss
zu den möglichen Ursachen psychischer Erkrankungen gezählt.

Wenn die Ausführungen der Existenzphilosophen zum Weltverständnis des modernen Menschen
bisweilen etwas pessimistisch ausfallen, kann sich der Leser aus den Lexikonbeiträgen zu Ästhetik,
Dichtung, Liebe, Literatur und Kunst die Hoffnung schöpfen, dass die Mühen des Lebens sich lohnen.

Liebe wird zum Beispiel als die Voraussetzung jeder wissenschaftlichen Erkenntnis betrachtet und von
Hannah Arendt zur „Grundlage des menschlichen Weltverhältnisses” erklärt. In der Liebe überwindet
der Mensch die existentielle Sorge um das Dasein und entwickelt ein Wertbewusstsein. Seine
individuelle Sinnsuche mündet in Persönlichkeits- und Herzensbildung.

Die Lexikonbeiträge zeichnen sich durch sorgfältige Forschung und enorme sachliche Kompetenz aus.
Durch die Hinweise auf neuere Literatur zu existenzphilosophischen Themen wird auch auf die
heutige Relevanz dieser Philosophie hingewiesen. Eine leichte Lektüre ist das Lexikon aber trotzdem
nicht, weil die Beiträge keine Zugeständnisse an die Alltagssprache machen. Wie aus der Einleitung
des Lexikons hervorgeht, betonen die Herausgeber, dass die Existenzphilosophie in allen ihren
Abzweigungen eine ernstzunehmende Philosophie ist.

Insofern eignet sich das Lexikon eher als Nachschlagewerk für Philosophiestudenten, – dissertanten
und fortgeschrittene Leser, die schon über gute Kenntnisse der Existenzphilosophie verfügen. Für
solche Nutzer des Lexikons wäre allerdings ein alphabetisches Stichwortverzeichnis der Themen
hilfreich.