Liebe und Erkenntnis

Datum: 08.02.2012

Autor: Max Scheler

Rezensent:  Klaus Hölzer

 

Liebe und Erkenntnis – Max Scheler

Zum ersten Mal veröffentlicht in Krieg und Aufbau, Leipzig 1916

Goethe, Leonardo und Giordano Bruno stimmen darin überein, dass Liebe und Erkenntnis in einer tiefen und innigen Beziehung stehen und sich gegenseitig fördern. Alle drei scheinen aber dem bourgeoisen Urteil, dass Liebe blind mache, zu widersprechen. Auch Blaise Pascal widersetzt sich dieser Auffassung, und zwar mit dem unglaublich klingenden Satz: „Liebe und Vernunft sind ein und dasselbe“ Erst im Verlauf der Liebe, so Pascal, tauchen die Dinge auf, die unsere Sinne wahrnehmen und die unsere Vernunft beurteilen oder bewerten kann. Auch Spinoza hat in seiner Lehre von der höchsten Erkenntnisstufe die umfassendste und adäquateste Erkenntnis des Seins mit einem liebevollen Hängen am Gegenstand zu einem innigen Erlebnis der Einheit  als verschmolzen angesehen.

„Nicht für uns als rein erkennende Geister, sondern nur für uns als triebhaft wollende und nicht wollende, für uns als handelnde Wesen nehmen die reinen Inhalte der Welt jenen sonderbaren Unterschied von „wirklich und „unwirklich“ an“.

Die indische Liebesidee ist ebenso schroff intellektualistisch wie die griechische des Platon und des Aristoteles. Eros ist für Platon Trieb und Sehnsucht  des „Nichtseienden“, also dem Schlechten, zum „Seiendem“, also dem Guten. Anders als im Christentum ist bei den Indern und Altgriechen alle Erlösung Selbsterlösung des Individuums durch den Erkenntnisakt. Deshalb gibt es bei den Indern keinen Gott als Erlöser sondern nur den  Lehrer der Weisheit, dessen Lehre den Weg des „Heiles“ weist. Dagegen muss im christlichen Verständnis der Häretiker irren, weil er der göttlichen und kirchlichen Liebe nicht teilhaftig ist.

Auch bei Platon ist Liebe ganz allein auf Erkenntnis bezogen. Sie ist nur Streben von unvollkommener zu vollkommener Erkenntnis, was aus der Bestimmung hervorgeht, dass weder die Unwissenden noch die vollkommen Wissenden lieben können, sondern nur die Liebhaber der Weisheit. Liebe, Eros, ist der Sohn des Reichtums und der Armut, des Wissens und Nichtwissens. Deshalb ist bei den Griechen die Gottheit nur Gegenstand der Liebe, nicht selbstliebend wie in der  christlichen Sphäre. Überall, wo Liebe der Erkenntnis folgt und wo Liebe nur der Weg zu wachsender Erkenntnis ist, findet man das Bild einer in sich selbst glänzenden Gottheit, die nicht wiederliebt, sondern sich von den Menschen nur anbeten lässt.

Das höchste Ziel, zu dem alle geistige Befähigung, zu dem auch die Liebe in ihrer reinsten Form führen kann, ist die „Ideenschau“ des Philosophen. Sie ist vom „Schaffen und Zeugen“ am weitesten entfernt. Sie bedeutet Vermählung mit dem Wesen. Nur diese Erhaltungsfunktion hat nach Platon die Liebe in der inneren Werkstatt unseres Geistes. Was sie im pflanzlichen und tierischen Leben als Zeugung und Vererbung leistet, das leistet sie in der Seele des menschlichen Individuums  in der Erinnerung und Reproduktion der Vorstellungen.

Das griechisch-indische Prinzip, wonach Erkenntnis Liebe begründet, hat von Hause aus eine isolierende und vereinsamende Kraft. Sie wäre eine Gottesliebe, die die Nächstenliebe vernachlässigt und die nicht fruchtbar und tätig würde. Sie wäre im christlichen Bewusstsein nicht Liebe zu Gott , dem auf die Kreaturen liebreich Bezogenen, sondern Liebe zu einem Götzen. Ein Ketzer als Ketzer, nicht wegen des Inhaltes seiner Thesen, muss also irren;  Ketzer ist, wer nicht die Brücke der Nächstenliebe und die in ihr gegründete Heilsgemeinschaft der Kirche sucht, sondern auf einsamen Wegen zu seinen Behauptungen kommt.

Mit dem Verblassen der Ideen Augustins brachen die Versuche, aus dem christlichen Grunderlebnis eine neue Auffassung des Verhältnisses von Erkenntnis und Liebe zu gewinnen, vollständig zusammen. Erst die Renaissance hat mit Giordano Brunos heroischer Weltliebe und mit Spinozas Amor intellectualis Dei einen neuen Typus dieser Auffassung entwickelt. Sie ähnelt der Weltanschauung, die Wilhelm Dilthey als „dynamischen Pantheismus“ charakterisiert hat. In seiner Arbeit „Vom Wesen der Philosophie“, als Teil des Buches Vom ewigen im Menschen liefert Scheler eine rein sachliche Untersuchung dieser großen Frage.

Klaus Hölzer 3.11.2009