Muße im kulturellen Wandel – Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen

Datum: 25.10.2016

Autor: Burkhard Hasenbrink und Peter Philipp Riedl (Hrsg.)

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Burkhard Hasebrink und Peter Philipp Riedl (Hrsg.): Muße im kulturellen Wandel – Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen. Walter de Gruyter, Berlin – Boston 2014, 317 Seiten.

Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt – meinte Oscar Wilde in einem fiktiven Dialog zwischen den zwei Müßiggängern Gilbert und Ernest, die sich in der Bibliothek eines Londoner Stadthauses in der Piccadilly über Kunst, Leben und Muße austauschen. Die beiden Dandys plaudern witzig und mit Esprit zum Beispiel über Balzac, Flaubert, Lord Byron und Madame de Sévigné, genießen den Blick auf den Green Park und bestätigen aufs Köstlichste ihre These vom geistreichen dolce far niente als einer intellektuellen wie auch emotionalen hohen Herausforderung, der oftmals nur wenige gerecht werden können.

Man muss nicht gleich Seneca zitieren, um die heiklen Probleme zu benennen, die häufig mit dem süßen Nichtstun verbunden sind. Dieser römische Denker im ersten Jahrhundert nach Christus war überzeugt, dass Muße ohne geistige Tätigkeit dem Tod oder zumindest dem lebendigen Begraben-Sein ähnele. Als Stoiker war er gewohnt, seine Lebenszeit mit kontinuierlichem Nachdenken und Schreiben zu nutzen, so dass er jene Stimmung nicht kannte, die viele überfällt, sobald sie keine strukturierenden Aufgaben zu erledigen, keine Arbeiten zu vollbringen oder keine ablenkenden Events auf ihrer Agenda zu verzeichnen haben – die Langeweile, zu der sich auch Arthur Schopenhauer kritisch äußerte:

Was nun aber wirft die freie Muße der meisten Menschen ab? Langeweile und Dumpfheit, so oft nicht sinnliche Genüsse oder Albernheiten da sind, sie auszufüllen. Wie völlig wertlos sie ist, zeigt die Art, wie sie solche zubringen: Sie ist eben das ozio lungo d’uomini ignoranti (die Langeweile der Unwissenden) des Ariosto (Orlando furioso). Die gewöhnlichen Leute sind bloß darauf bedacht, die Zeit zuzubringen; wer irgendein Talent hat, – sie zu benutzen… während den Allermeisten die freie Muße nichts abwirft als einen Kerl, … der sich schrecklich langweilt.

Wie aber mit freier Zeit (die nicht gleichbedeutend ist mit Muße) umgehen, ohne in Langeweile zu verfallen? Und welche Qualitäten und Merkmale dürfen gegeben sein, damit Freizeit zur Muße wird? Diesen und weiteren Fragen zur Muße gehen die überaus soliden und tiefschürfenden Beiträge des hier angezeigten Bandes über die Muße nach. Das Buch spiegelt die Vorträge einer Tagung zur Muße wider, die 2013 in Freiburg im Breisgau stattfand. Dort an der Universität existiert ein Sonderforschungsbereich, der sich seit Jahren mit dem Thema Muße explizit beschäftigt.
Muße bedeutet freies Verweilen in der Zeit sowie Betrachten des Daseins ohne Angst, Begierden und Affekt. Sie ereignet sich jenseits von Notdurft und Zweckrationalismus, wobei sie stets in kulturelle Kontexte eingebettet ist und mit unterschiedlichen Begriffen und Inhalten assoziiert wird. Sprachen die Alten von otium (Lateinisch für Muße, Ruhe, Studium, Verzögerung, Langsamkeit) und kontrastierten diese mit negotium (steht für Arbeit, meist von Sklaven realisiert), benutzen heute viele Termini wie chillen, relaxen und meditieren sowie Wellness und Quality time, um auf Ähnliches wie in der römischen Antike abzuheben.

Ob allerdings mit Relaxierung analoge Ergebnisse erzielt werden, wie es der tradierte Muße-Begriff zumindest idealerweise glauben macht, darf füglich bezweifelt werden. Von Cicero stammt die Formel otium cum dignitate, also würdevolle Muße, die auf eine philosophische, das eigene Ich wie auch die Welt bedenkende Schau hintendierte. Ebenso war die schöpferische Muße gemeint, wenn in der Antike von otium die Rede war – also eine entspannte und spielerische Art der Nachdenklichkeit und des Lauschens auf Einfälle, Phantasien und Bilder, die sich in gewisser Weise als Kommentar zum Leben und dessen Phänomenen konstellierte, ohne dass der Betreffende damit bestimmte Ziele und Zwecke verfolgte.

Dass derartige Existenzformen seltener geworden sind, verdanken wir nicht nur den Einflüssen einer christlich geprägten Kultur, welche den Müßiggang und die Trägheit als Laster disqualifizierte. Daneben hat sich auch, unter anderem auf der protestantischen Ethik fußend, der in der westlichen Kultur dominierende Kapitalismus als ziemlich Muße-feindlich erwiesen. Zumindest käme es diesem wohl nicht in den Sinn, so wie in der Antike die Muße (otium) als das begriffliche Positivum und die Arbeit (negotium) als das Negativum (neg bedeutet die Verneinung, das Nicht) zu begreifen.