Nicolai Hartmanns Dialoge 1920-1950 – Die Cirkelprotokolle

Datum: 27.12.2020

Autor: Joachim Fischer, Gerald Hartung (Hrsg.)

Rezensent:  Gerhard Danzer

Joachim Fischer, Gerald Hartung (Hrsg.): Nicolai Hartmanns Dialoge 1920-1950 – Die Cirkelprotokolle. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2020, 489 Seiten.

Die Herausgeber dieses Bandes stellen in der Einleitung ihres Buches zu  Recht fest, dass die Bedeutung Nicolai Hartmanns als Philosoph des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu derjenigen von Heidegger (und teilweise auch von Jaspers) im deutschsprachigen Raum immer noch unterschätzt wird. In der Einleitung zu den von ihnen herausgegeben Cirkelprotokollen betonen sie jedoch, wie sehr diese Einschätzung von den historischen und zeitgeistbedingten kulturellen Verhältnissen abhängt – und wie sehr sich diese (Fehl)-Einschätzung unter anderem auch durch ihre  Publikation der Cirkelprotokolle verändern könnte.

Seit den frühen 20er Jahren bis zu seinem Tod 1950 hat Nicolai Hartmann jedes Semester ein Privatissimum abgehalten, an dem einige Mitarbeiter und Kollegen sowie ausgewählte Studierende teilnehmen durften. Diese Treffen fanden in den Privatwohnungen des Philosophen statt und begannen (Hartmann arbeitete vorzugsweise nachts) um 21.00 Uhr; die Dauer eines Privatissimums war auf drei Stunden angesetzt. Insbesondere in Marburg kam es bei den Studierenden aufgrund dieser zeitlichen Vorlieben Hartmanns oftmals zu Konflikten. Zur selben Zeit wie Hartmann war auch Martin Heidegger als Philosophie-Dozent in der Stadt an der Lahn tätig, wobei Heidegger seine Vorlesungen jeweils um 7.00 Uhr morgens ansetzte. Man musste sich also entscheiden, ob
man lieber bei Hartmann oder bei Heidegger als müde und unkonzentriert wirken wollte.

Die regelmäßig jedes Semester durchgeführten Privatissima waren für Hartmann willkommene Gelegenheiten, diverse philosophische Fragen und Problembereiche sehr gründlich zu diskutieren respektive diskutieren zu lassen. Jedes Semester stand unter einem inhaltlichen Schwerpunkt, von dem man vermuten konnte, dass der Philosoph daraus ein Manuskript für eine neue Publikation ableiten wollte. Die Treffen wurden protokolliert, und Hartmann sammelte die Mitschriften am Ende des Semesters zu kleineren oder größeren Konvoluten. Die allermeisten dieser Protokolle – auch Cirkelprotokolle genannt – sind erhalten; eine Auswahl daraus haben die beiden Herausgeber in den vorliegenden Band als repräsentativ für Hartmanns Vorgehen integriert.

Als inhaltliche Schwerpunktsetzungen sind im Band etwa Themen wie Was sind ästhetische Werte (Wintersemester 1939/40), Über geistiges und seelisches Sein (Sommersemester 1942) oder Über das Denken (Sommersemester 1948) zu finden. Bei der Lektüre dieser Protokolle fällt auf, dass Hartmann die Diskussionen zwar atmosphärisch, nicht aber organisatorisch oder inhaltlich leitete. Es herrschte ein sachlich-nüchtern- konzentrierter Diskussions-Stil vor, von dem man merkt, dass und wie sehr Hartmanns Persönlichkeit und Arbeitsweise ihn geprägt haben. Es macht den besonderen Reiz dieser Publikation aus, dass man als Leser einen direkten Einblick in die Denk- und Ausdrucksweise einer philosophisch-intellektuellen Werkstatt erhält. Das sokratisch Dialogische war darin ebenso enthalten wie die strenge Arbeit an den Begriffen und die Kohärenz und Plausibilität von Gedankengängen. Man kann verstehen und nachvollziehen, dass Helmuth Plessner im Hinblick auf Hartmann in einem Brief an Josef König 1924 schrieb: „Ich hatte den ganzen Abend das Gefühl, und das wirkt bis heute ungeschwächt nach, einem antiken Philosophen, vielleicht auch einem Hegelschen Geiste, gegenüber zu sitzen.“

Der Auswahlband der Circelprotokolle ist ausgesprochen solide und wissenschaftlich fundiert zusammengestellt. Er kann allen an Hartmann und seiner Philosophie nachhaltig Interessierten  uneingeschränkt ans Herz gelegt und empfohlen werden.