Nicolai Hartmanns Neue Ontologie und die Philosophische Anthropologie – Menschliches Leben in Natur und Geist

Datum: 06.01.2020

Autor: Moritz von Kalckreuth, Gregor Schmieg, Friedrich Hausen (Hrsg.)

Rezensent:  Gerhard Danzer

Moritz von Kalckreuth, Gregor Schmieg, Friedrich Hausen (Hrsg.): Nicolai
Hartmanns Neue Ontologie und die Philosophische Anthropologie –
Menschliches Leben in Natur und Geist. Verlag Walter de Gruyter,
Berlin 2019, 283 Seiten.

Die Herausgeber dieses Bandes stellen in der Einleitung ihres Buches eine anthropologische Grundfrage, deren intellektuelle wie existentielle Flughöhe beträchtlich ist: Wie kann der Mensch in seiner Vielschichtigkeit – d.h. als biologisch beschreibbare Gattung, als kulturell-geistige Person, als sozialer und politischer Akteur sowie als Inhaber eines besonderen normativen Status (der selbst im säkularisierten Selbstverständnis als „Menschenwürde“ formuliert wird) – verstanden werden, ohne reduktionistischen Verkürzungen zum Opfer zu fallen? Diese Frage versuchen sie und die Beiträger dieses Bandes unter Bezugnahme auf Nicolai Hartmanns Ontologie zu beantworten.

Nicolai Hartmann gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten deutschen Philosophen. Er wurde meist in einem Atemzug mit Edmund Husserl, Ernst Cassirer und Martin Heidegger genannt. Zu seinen Lebzeiten (1882-1950) meinten nicht wenige, dass er neben Husserl sogar die Nummer eins der Philosophie sei. Seine Beiträge zur Anthropologie sind vor allem in seinen ontologischen Schriften sowie in dem Sammelband Kleinere Schriften I enthalten. Zu den ontologischen Schriften Hartmanns zählen neben Der Aufbau der realen Welt –
Grundriss der allgemeinen Kategorienlehre auch Zur Grundlegung der Ontologie (1935), Möglichkeit und Wirklichkeit (1938) sowie Philosophie der Natur – Abriss der speziellen Kategorienlehre (1950). Das Hauptwerk dieser Schriftengruppe ist zweifellos das erstgenannte Buch.

Hartmanns Ontologie ist hinsichtlich anthropologischer Aussagen insofern nützlich, als er am Menschen eben jenen Schichtenaufbau als relevant annahm, den er im gesamten Kosmos als gegeben erachtete. Am Menschen lassen sich Materie, Bios, Psyche und Logos (Geist) erkennen, wobei es sich dabei keineswegs um eigene Wesenheiten handelt. Dem Philosophen schwebte ein holistisches anthropologisches Konzept vor, das sich nicht in billigen Ganzheitspostulaten erging.

Bei der (anthropologischen) Erörterung seines Schichtenmodells hatte Hartmann das Problem zu lösen, dass es bei Tieren ähnlich wie bei Menschen Formen von Bewusstsein gibt. Letztere wollte er allerdings als triebgebunden, vorrangig in der seelischen Schicht verankert und geistlos verstanden wissen, indes sich das menschliche Bewusstsein durch mehr oder minder große Trieb-Entbundenheit (ein ursprünglich von Max Scheler stammender Gedanke) sowie durch Geistigkeit auszeichnet. Das tierische Bewusstsein bezeichnete der Denker daher als dienend, das  menschliche hingegen als herrschend.

Die geistige Schicht im Menschen hat im Vergleich zur materiellen, biologischen und seelischen ein bedeutend größeres Maß an Variabilität und Vulnerabilität. Inhalte und Qualitäten des personalen Geistes müssen von den betreffenden Individuen erlernt, erobert und vertieft werden, wobei sich die Weite und die Höhe der Geistigkeit von Einzelnen immens unterscheiden können. Außerdem lassen sich merkliche intraindividuelle Schwankungen beschreiben: Das geistige Niveau eines Menschen als Kleinkind, Jugendlicher, Erwachsener oder Greis weist normalerweise
große Differenzen auf, wobei durchaus nicht immer von einem stetigen Zuwachs ausgegangen werden darf.

Vor allem in Bezug auf die Geistigkeit gilt, dass sich die Person zu dem machen muss, was sie ist. Hier hilft kein Hoffen auf Vererbung oder den glücklichen Zufall – jedem Menschen stellt sich in seinem Leben die Aufgabe neu und jeweils speziell auf ihn bezogen, sich die Fülle der Kultur anzueignen und womöglich noch durch eigene Beiträge zu erweitern. Es ist den Herausgebern dieses Bandes wie auch den einzelnen Beiträgern hoch anzurechnen, dass sie mit ihrem Buch an einen Denker des 20. Jahrhunderts erinnern, der im 21. Jahrhundert nur selten erwähnt und rezipiert wird. In Bezug auf philosophisch und anthropologisch höchst relevante Begriffe und Topoi wie Personalität, Geistigkeit oder Natur- und Kulturhaftigkeit des Menschen gibt es bei Nicolai Hartmanns strengem Denk-Duktus immer noch sehr viel zu entdecken.