Nietzsches Philosophie des Unbewussten

Datum: 15.02.2013

Autor: Jutta Georg und Klaus Zittel (Hrsg.)

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Jutta Georg und Claus Zittel (Hrsg.): Nietzsches Philosophie des Unbewussten. De Gruyter Verlag, Berlin 2012, 297 Seiten.
Friedrich Nietzsche war neben Arthur Schopenhauer einer der einflussreichsten philosophischen Vorläufer der Psychoanalyse und der gesamten Tiefenpsychologie. Zwar meinte man lange Zeit, dass Sigmund Freud die Philosophie Nietzsches kaum gekannt hat. Inzwischen ist allerdings nachgewiesen, dass über einen gemeinsamen Bekannten, den Physiologen Joseph Paneth (1857-1890), Nietzschesche Gedanken in nicht unerheblichem Ausmaß dem Begründer der Psychoanalyse mitgeteilt wurden.

Als zentrale Denkfigur der Tiefenpsychologie gilt das Unbewusste. Die Psychoanalyse ebenso wie alle verschiedenen tiefenpsychologischen Schulrichtungen gehen von dem anthropologischen Credo aus, dass hinter der bewusst wahrzunehmenden Oberfläche eines Menschen (seine Entscheidungen, Handlungen, Willensbekundungen, Erinnerungen etc.) unbewusste Kräfte, Motive und Intentionen wirksam sind, die als die eigentlichen Motoren der menschlichen Daseinsgestaltung gelten. Wer sich als Psychoanalytiker und Tiefenpsychologe versteht, bekennt sich damit zum Konzept des Unbewussten, wie immer es im Detail ausgemalt und beschrieben werden mag.

Für eben jene anthropologisch-tiefenpsychologische Überzeugung lieferte Nietzsche in seinen Texten reichlich Anregungen und Material. So argumentierte der Philosoph etwa in Fröhliche Wissenschaft (1882), dass das Bewusstsein der unfertigste und unkräftigste Teil des menschlichen Organismus sei. Dementsprechend unzuverlässig und fehlerhaft arbeite das Bewusstsein. Bei weitem stabiler imponiere jener Anteil des Leibes, den man als nicht- oder unbewusst bezeichnen kann.

2011 widmete die Nietzsche-Gesellschaft ihre Jahrestagung dem Thema Nietzsches Philosophie des Unbewussten. Aus den Vorträgen der Tagung wurde der vorliegende Tagungsband zusammengestellt, der mit seinen Beiträgen in vier große Cluster unterteilt wurde: Genealogien und Perspektiven des Unbewussten; Traditionslinien des Unbewussten; Sprachen des Unbewussten; Kulturen des Unbewussten. Die einzelnen Aufsätze reichen dabei thematisch von einer historischen Einordnung des Unbewussten bei Nietzsche bis hin zum „Missverständnis des Leibes“ – seine Formel für die Bewusstseins-Philosophie der Vergangenheit.

Bei der Lektüre dieses Tagungsbandes wird offenkundig, wie überaus anregend die Philosophie Nietzsches nicht nur für die Denker vom Fach, sondern auch für Psychologen und Psychotherapeuten sowie Kulturwissenschaftler aller Couleur ist. Bei derart großer Relevanz für die Geistes- und Kulturgeschichte steht zu hoffen, dass sich der Verlag bald zu einer Paperback-Ausgabe durchringt, um Studenten und Menschen mit einem niedrigen bis mittleren Einkommen den Kauf dieses inhaltlich wertvollen Buches ebenfalls zu ermöglichen.