Schriften zur Existenzphilosophie

Datum: 14.07.2018

Autor: Karl Jaspers

Rezensent: Gerhard Danzer

Karl Jaspers: Schriften zur Existenzphilosophie. Herausgegeben von Dominic Kaegi, Gesamtausgabe, Abteilung I: Werke, Band I/8, Schwabe-Verlag Basel 2018, 254 Seiten.

 
Man zählt Karl Jaspers (1883-1969) neben Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre und Albert Camus zu den Hauptvertretern der Existenz-Denker und -Philosophen im 20. Jahrhundert. Er war in seinem ersten Berufsleben Arzt und Psychiater; nach und nach geriet über seine Publikationen und Monographien immer mehr ins philosophische Fach, in dem er zuerst in Heidelberg und später in Basel eine Professur bekleidete.

Mitte der 30er Jahre – damals war Jaspers noch in Heidelberg, wobei er sich aufgrund der politischen Verhältnisse zunehmend unwohl fühlte – wurde Jaspers von der Universität Groningen eingeladen, eine Reihe von Vorlesungen im Rahmen der sogenannten Aula-Vorträge zu halten. Vom 25. bis 29. März 1935 sprach er an der altehrwürdigen Reichs-Universität über das Thema Vernunft und Existenz. Dieses Thema hatte er mit fünf verschiedenen Schwerpunkten versehen, die jeweils an einem Tag im Mittelpunkt standen.

Erste Vorlesung: Herkunft der gegenwärtigen philosophischen Situation (Die geschichtliche Bedeutung Kierkegaards und Nietzsches); zweite Vorlesung: Das Umgreifende; dritte Vorlesung: Wahrheit als Mitteilbarkeit; vierte Vorlesung: Vorrang und Grenzen vernünftigen Denkens; fünfte Vorlesung: Die Möglichkeiten gegenwärtigen Philosophierens.

Weil Jaspers damals gerade mit der Abfassung seines Nietzsche-Buches befasst war (Nietzsche – Einführung in das Verständnis seines Philosophierens, 1936) nimmt es nicht Wunder, dass er in seiner ersten Vorlesung auf ihn als wesentlichen Takt- und Stichwortgeber für das philosophische Denken, speziell auch für die Existenzphilosophie im 20. Jahrhundert verwiesen hat. Parallel zu Nietzsche erörterte Jaspers in der Vorlesung die Biographie und das Werk Sören Kierkegaards, von dem er zeigen konnte, wie sehr der dänische Denker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben Nietzsche zum zweiten entscheidenden Stammvater der Existenzdenker des 20. Jahrhunderts geworden war.

Ausgehend von der Gegenüberstellung Nietzsche / Kierkegaard konzentrierte sich Jaspers in den folgenden Vorlesungen auf einzelne Topoi der Existenz- sowie seiner eigenen Philosophie. Dieser verortete er im Spannungsfeld von Vernunft und Existenz, wobei er Letztere als permanente Herausforderung begriff, sie zumindest partiell in Worten und Begriffen auszudrücken – eine Herausforderung, die nach Jaspers immer wieder mit dem Erlebnis von Scheitern und Vergeblichkeit assoziiert sein kann. Dennoch sah er eine der Hauptaufgaben philosophischer Denker in der nicht nachlassenden Bemühung, das Umgreifende der menschlichen Existenz mit den Werkzeugen der Vernunft begreifbar werden zu lassen.

In seiner letzten Vorlesung griff Jaspers die Positionen Nietzsches und Kierkegaards nochmals auf. Seiner Meinung nach soll und darf sich philosophisches Denken zwischen den Polen von Gottlosigkeit (Nietzsche) und Offenbarungsreligion (Kierkegaard) ereignen, und ein Philosoph lebe „aus eigenem Glauben“. Dieser Glaube der Philosophen beziehe sich auf die Tradition jener „wenigen großen Philosophen, die, keine Jünger verlangend, ja sie verschmähend, ihrer menschlichen Endlichkeit sich so bewusst wie der Unendlichkeit, in der sie leben, die Fackel reichen dem, der sie von sich aus ergreift und am Ende vielleicht nur als verglimmenden Funken weiterträgt, bis der Nächste sie wieder zu heller Flamme entzündet“ (S. 94).

Im hier angezeigten Band sind diese fünf Vorlesungen von Jaspers mit einem ausführlichen Vorwort sowie mit einem kenntnisreichen Stellen- und Zitate-Kommentar versehen. Die Gediegenheit und Seriosität der Gesamtausgabe des Jaspers’schen Oeuvres, dem sich dankenswerter Weise der Schwabe-Verlag in Basel verschrieben hat, spiegelt sich auch in der Schriften zur Existenzphilosophie vollumfänglich wieder, die neben den erwähnten Vorlesungen in Groningen noch drei weitere Vorträge zur Existenz-Philosophie, gehalten 1937 in Frankfurt am Main beim Freien Deutschen Hochstift, beinhalten.