Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

Datum: 12.03.2017

Autor: Andreas Urs Sommer

Rezensent:  Bruno Heidlberger

 

Andreas Urs Sommer (*1972) ist ein Schweizer Philosoph, Publizist und Numismatiker. Er lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i. B. und leitet seit 2014 die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften mit Sitz an der Universität Freiburg. Er ist Direktor der Friedrich-Nietzsche-Stiftung in Naumburg (Saale). Sein neustes Buch „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“ wurde im Juni 2016 im Verlag J.B. Metzler veröffentlicht.

Unterliegen wir nicht alle dem Zwang an Werte zu glauben – an ihr Vorhandensein, an ihre Wirkungskraft, an ihren Verpflichtungscharakter? Gibt es universelle Werte oder sind diese bezogen auf die jeweilige Kultur und Tradition relativ? Das sind die Fragen, denen Sommer in seinem Essay nachgeht. Angesichts der Umwertung der westlichen Werte durch den neuen US-Präsidenten und seine europäischen Freunde versprechen Titel und Thema des Buches großes öffentliches Interesse.

Der Philosoph aus Freiburg hält den Glauben an die Existenz von Werten für ein Produkt ontologischen Denkens des 19. Jahrhunderts. Gegen derlei „materiale Wertethik“ empfiehlt er, vor allem gegenüber „politischen Wertpredigern, hochdosierte Skepsis“. Angebracht sei sie hinsichtlich der „Sprechblasen“ der Bundeskanzlerin und des „nicht ganz so beliebigen SPD Hofhistoriographen“ Heinrich August Winkler, vor allem dann, wenn diese von einem „Europa der Werte“ mit einem „universal-integrativen Anliegen“ redeten.

Was ist ein Wert?

Wenn ich bewerte, so Sommer, schreibe ich einer Sache oder Gegebenheit einen bestimmten Wert zu. Werte seien „Übersetzungen sehr konkreter und sehr divergenter Wünsche. Der Banker versteht unter Freiheit etwas anderes als der Häftling, der Sozialrevolutionär etwas anderes als der religiös Erweckte. Werte sind immer Werte für jemanden.“ Sommer ist überzeugt, Bewertungen hängen von der Perspektive des Bewertenden, von der Situation, der Kultur, aber auch von der Zeitebene ab. Ihrer Geltung hafte der „Geruch der Vergänglichkeit“ an.

„Woher“ und Wozu“ der Werte.

Das Wertedenken sei relativ neu. Werte seien von Philosophen in einem Augenblick „entdeckt“ worden als die weltanschaulichen und religiösen Rahmenbedingungen im 18. und 19. Jahrhundert wegbrachen. Sommer nennt die Philosophen Nicolai Hartmann, Hermann Lotze und den konservativen katholischen Max Scheler, für den „die Werttatsachen als Urphänomene keiner weiteren Erklärung zugänglich“ seien. Der Historismus und die Erkenntnisse Darwins hätten demgegenüber zu der Einsicht von der Kontingenz, gerade auch der menschlichen „Vernunft als Absolutem“, geführt. Sommer teilt mit Nietzsche und den großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, mit Heidegger und Wittgenstein, die Skepsis, mittels einer praktischen Vernunft auf die Frage, was sind legitime universelle Werte, eine Antwort geben zu können.

Einer der Popularisatoren der Rede von Werten ist für Sommer Friedrich Nietzsche. Nietzsche war der Ansicht, dass alle Maßstäbe, an denen wir messen, was Menschen tun und hervorbringen, historisch geworden sind. Dies gelte sowohl für die Kantische Vernunft als auch für Werte. In einem von historischem Bewusstsein durchdrungenen Universitätsleben des 19. Jahrhunderts habe Kants Ethik an Überzeugungskraft verloren.

Sommer bevorzugt die „Unbestimmtheit der Werte“. Sie seien deshalb attraktiv für alle. Dem neuen Sprachspiel der Philosophen hätten jetzt nicht nur die sparsame schwäbische Hausfrau oder der Lübecker Kaufmann etwas abgewinnen können, sondern auch Leute, denen die Familie und das Vaterland am Herzen lagen. Die Pluralisierung der Werte sei ein Ausdruck unserer Streitkultur und der Pluralisierung unseres Lebens. Werte seien „nicht auf Wahrheit gepolt“. „Sie müssen nicht wahr sein, um zu wirken, um zu gelten.“ Wir bräuchten „Werte, weil moderne Gesellschaften auf letzte Wahrheiten verzichtet haben.“

Was bedeutet es, wenn Werte sich vermehren, wie verändert sich dann die Welt?
Moral majorisiert alles!

Werte seien zu „Substanzen als ob“ geworden. Sie kämen motivierend oder rechtfertigend in alltäglichen Situationen zum Tragen. Werten werde mit Werten pariert, Moral mit Gegenmoral. Gegen den Wert des Gottesglaubens würde der Wert der Religionsfreiheit erfunden, gegen den Wert der sozialen Hierarchisierung nach persönlichem Verdienst würde der Wert der Inklusion erfunden, gegen die Werte der Ehe und der Familie, würden die Werte der freien sexuellen Orientierung und des Gender Mainstreams erfunden. „Aus dem Zwang zum Wertediskurs entsteht Werteinflation.“ Werte werden also kommunikativ und reflexiv erzeugt. Für unterschiedliche Lebensbereiche bräuchten wir unterschiedliche Werte. Unser modernes Leben ließe sich eben nicht auf „die Kanten eines so groben Klotzes zurechtzimmern“ wie es „das Gute der Kirchen“ gewesen sei. Die Geschichte zeige: Moralische Werte seien formbar wie Wachs. Dies sei kein Mangel, sondern ein gewaltiger „evolutionärer Vorteil“ der Werte. Werte hätten eine geschichtliche Halbwertzeit.

Eine Vermehrung der Werte sei „kein notweniges Übel, sondern ein hohes Gut“. Sommer sieht aber auch die Gefahr einer Wertedeflation und das „Zusammenschnurren eines bunten und breiten Werterepertoires auf wenige Werte“, womöglich auf einen einzigen, etwa den der eigenen Nation und Rasse. Dagegen helfen, so Sommers Überzeugung, „die Vielfalt und Vielstimmigkeit verschiedener Werte“ sowie die Offenheit der Streitkultur. Sie verfeinere unseren Wirklichkeitszugriff und garantiere unsere Freiheit.

Seiner wertrelativistischen Sicht ordnet der Nietzscheforscher auch Kants Begriff der Würde unter. Denn Werte sind, so Sommer, immer in „Relation zu anderen Werten“ zu sehen. Wer von Werten rede, nehme immer ihre gegenseitige Relativität in Kauf. Nichts sei „von Natur aus wertvoll oder wertlos; die Menschen machten es dazu.“ Sommer bringt es so auf den Punkt: „Im Wertedenken ist der Relativismus notwendig eingepflanzt.“ Dies erzwinge die Verabschiedung vom „metaphysischen Gespenst des Universalismus“. Werte seien eben nicht universell, sondern situativ, dynamisch, wandelbar und immer vorläufig, das gelte z.B. auch für die Europäische Wertegemeinschaft so wie für die Grundrechte unserer Verfassung. Sie seien weder unantastbar, noch gingen sie der rechtsstaatlichen Ordnung transzendental voraus. Sommer hegt gar den Verdacht, dass sich hinter dem „Anspruch der Politiker“, die „westliche Wertegemeinschaft“ zu verteidigen, nichts weiter als die „Fortsetzung des alten imperialistischen Weltgeltungsanspruchs mit anderen Mitteln“ verberge. Ein gefährliches Denken in einer Zeit der Bedrohung der liberalen Demokratie durch die Internationale des reaktionären Nationalismus (Trump, Putin, Orban, Kaczyński, Le Pen u. a.).

Ist der Werte – Relativismus ein tragfähiges ethisches Konzept?

Sommers erster Einwand, Werte seien nicht universell, bedeutet, dass es kein normatives ethisches und zivilisatorisches Fundament, wie es die Menschenrechte sind, gibt. Der Einwand trifft aber nur das variable kulturelle inhaltliche Moment an der Moral, z. B. nach dem Prinzip der Polygamie zu leben, übersieht aber, dass es in kulturell bedingten moralischen Konflikten auch ein invariables Moment gibt, z.B. nach dem Prinzip zu leben, immer, und überall unbedingt gut zu handeln, das Prinzip der Moralität. Dieses verbindet die Völker über alle religiösen und kulturellen Grenzen hinweg. Hier sei an ein interkulturelles Moralprinzip, die Goldene Regel, erinnert. Die Menschenrechte sind mitnichten, wie Sommer unterstellt, ein normatives Projekt des Westens. Bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 haben Asiaten, Afrikaner, Juden, Buddhisten und Hindus – Männer und Frauen – mitgeschrieben. Anders als einige Herrscher und Philosophen stellen die unterdrückten und gepeinigten Menschen die Universalität der Würde des Menschen nicht in Frage.

Steckt hinter dem regionalen Begriff des Westens nicht auch die überregionale Idee der Gerechtigkeit? Sind Wissenschaft, Forschung und Technik und die Verpflichtung auf Wahrheit, das Argument und die reflexive Selbstkritik nicht kulturindifferent. Der Anspruch auf universelle Geltung von Werten kann legitim nur erhoben werden, wenn die betreffende moralische Norm nicht dogmatisch behauptet, sondern nachweislich begründet wird. Die größte Herausforderung liegt also darin, die Universalisierung der Menschenrechte ohne Arroganz voranzubringen. Vor allem das Recht kann bindende Entscheidungen über ausgedehnte Handlungsräume und Zeiträume hinweg durchsetzen, es ist generalisierbar und zugleich für spezifische Organisationen und Institutionen anschlussfähig.

Der Relativismus behauptet unter anderem: Alle moralischen Urteile sind relativ bezogen auf die jeweilige Gesellschaft. Diese Auffassung kommt nicht nur autoritären und diktatorischen Regimes entgegen, er ist auch ein Beispiel für ein absolutes moralisches Urteil, das mit dem normativen Relativismus unvereinbar ist. Dürfen wir uns nicht in ungerechtfertigte Hinrichtungspraktiken oder Mädchenbeschneidung in anderen Ländern zumindest argumentativ einmischen? So wichtig der Relativismus ist, wenn es um die Respektierung anderer Sitten, Religionen und Kulturen geht, so unakzeptabel wird er, wenn Verletzungen der Menschenrechte mit kulturellen oder zivilisatorischen Differenzen gerechtfertigt werden.

Sommer, ein Verfechter der Freiheit oder Nietzsche gegen Kant

Der Autor sieht die Freiheit durch das „Anspruchsdenken“, das die Menschenrechte angeblich fördern, bedroht. Denn die „Bestrebungen aller möglichen Gruppen“ zielten auf Inklusion: „Jeder“, so kritisiert Sommer, „solle alles haben können. Viele Europäer, vor allem die Griechen, seien Menschenrechtsnutznießer.“ Eine Entwicklung, die für Sommer eine „Lust an der Versklavung“ zeige und Ausdruck einer starken europäischen Tendenz zur Egalisierung sei. Auch leide die Meinungsfreiheit unter dem Diktat der politischen Korrektheit. Ähnlich hat schon Thilo Sarrazin geklagt.

Sommers relativistische Ethik wird verständlicher, wenn man einen Blick auf sein Bild vom Menschen wirft. Bei der Bildung des Selbstbewusstseins und der Wertewahl räumt Sommer, wie der Behaviorismus, der Gesellschaft den Primat ein. Eine Moral, die auf der kantischen Selbstgesetzgebung eines freien Willens gründet, ist für Sommer nicht denkbar. Wir Menschen seien in ein historisches und kulturelles Wertgefüge eingebettet und „keine souveränen wertsetzenden Individuen“.

Sommer lobt die diffuse Mehrdeutigkeit des „Wertepluralismus“ als Befreiung von normativen Zwängen und „philosophischer Oberzensur“. Gehört denn auch die begriffliche Unterscheidung zwischen Gut und Böse der Vergangenheit an? Oder heißt moralisch sein nicht im Kern, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu kennen und zu wissen, wo die Grenze zwischen beiden verläuft? Dies heißt auch, die eigene Verantwortung für die Förderung des Guten und den Widerstand gegen das Böse zu erkennen.

Sind denn alle Werte relativ, gleich viel wert? Ist alles nur eine Frage der Perspektive oder hat doch ein Wert, vor dem alle anderen Werte zurückzustehen haben, universelle Geltung? Die Menschenwürde gilt im Grundgesetz als auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte absolut – als „Norm der Normen“. Sie bildet den normativen Rahmen für alle nachfolgenden Menschenrechte. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen hat ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln sowohl im Christentum wie in der vor allem seit Kant geläufigen Idee von der sittlichen Autonomie des Menschen. Kant verabschiedet die religiös-metaphysische Begründung der Würde und verankert sie in der aus der Natur herausragenden menschlichen Vernunft. „Jedes vernünftige Wesen“, erklärt Kant, „existiert als Zweck an sich selbst und nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauch für diesen oder jenen Willen“. So stelle sich notwendig jeder Mensch sein eigenes Dasein vor. Warum soll eine derartige Vernunftnorm, wie die Würde, nur für uns und nicht auch für alle anderen gelten? Wenn wir davon ausgehen, dass Vernunftnormen nur für uns gelten, dann haben wir auch keine moralische Verpflichtung, die Menschenrechte anderer zu respektieren oder uns für die Würde anderer einzusetzen.

Im letzten Kapitel untergräbt Sommer seine wertrelativistischen Aussagen, wenn er unerwartet zwei „oberste moralische Werte“ ins Spiel bringt: Freiheit und Gleichheit. Er empfiehlt von der Schweiz zu lernen, wo beide „kontradiktorischen Werte“ in einem „dynamischen Gleichgewicht“ gehalten würden. Auch in der Weimarer Republik herrschte die Auffassung vor, allein das freie Spiel der Kräfte gewährleiste in einer Demokratie automatisch auch deren Erhalt und Recht sei, was auf verfassungsgemäße Weise Recht und Gesetz geworden war. Was für ein Irrtum!

Auf der vorvorletzten Seite erwähnt der Autor ganz nebenbei „die so genannten freiheitlich-demokratischen Werte beispielsweise, die wir verteidigen, weil es Werte sind, die wir für hilfreich, angemessen, nützlich oder gut erachten.“ Und: An diese Werte sollten „die, die zu uns kommen, sich anpassen, weil es uns für ein friedliches Zusammenleben unter den Bedingungen der Moderne tunlich erscheint.“ Der Leser ist verwirrt. Gibt es nun doch Werte „höherer Ordnung“? Vor allem: Ist es nicht eher so, dass die, die zu uns kommen, gerade wegen unserer Werte zu uns kommen und wir die freiheitlich-demokratischen Werte weniger gegen die, die zu uns kommen als gegen die, die für die Beseitigung dieser Werte kämpfen, wie vor allem in Ungarn, in Polen, den USA, aber auch in Deutschland, verteidigen müssen?

Der Werterelativismus, Ausdruck vielfältiger Interessen in einer offenen Gesellschaft, versagt, wenn reaktionäre politische Kräfte an den Grundfesten der liberalen Demokratie rütteln. Er untergräbt den Glauben des Humanisten an universell gültige Werte und an die reflexive Urteilskraft und bereitet so ungewollt den Feinden der Freiheit den Boden vor. Losgelöst von Nützlichkeitserwägungen formuliert das Bundesverfassungsgericht grundsätzlicher: Es versteht die Grundrechte als „objektive Wertordnung“. Auch verbietet das Grundgesetz im Art. 79 Abs. 3 mit der „Ewigkeitsklausel“ jegliche Veränderung der Art. 1 und 20. Wehrhafte Demokratie und Grundrechtestaat sind der sichtbarste Ausdruck des Fazits, das das Grundgesetz aus dem „Trauma Weimar“ gezogen hat.

Heute erscheint uns die Bestimmung von Werten als ontologische Wesenheiten, denen ein objektives Sein zukommen soll, sonderbar. Auch kann es nur einen metaphorischen Sinn haben zu sagen, die Menschenrechte sind angeborene Naturrechte und gelten universell. Sie können, wie alle Rechte, nur verliehene Rechte sein und als regulative Ideen gelten. Schüttet Andreas Urs Sommer nicht das Kind mit dem Bade aus, wenn er sich, trotz lauem Bekenntnis zu so „genannten freiheitlich-demokratischen Werten“, von einer wertrationalen praktischen allgemeinen Vernunft verabschiedet und dem Nihilismus erneut den Weg bereitet? Und das in einer Zeit, in der die Aufklärung rückwärts zu laufen scheint. Wenn alles Meinungssache ist, dann wird alles zu einer Machtfrage, wie wir es aktuell mit dem Trumpismus erleben. Denn, wenn die Macht das letzte Wort hat, entscheidet sie auch über Recht und Moral und darüber, was wahr und gut ist. Mit Ernst Tugendhat wäre an Andreas Urs Sommer die Frage zu stellen: Wie kann eine moralisch legitime Ungleichbehandlung und eine nur partikulare Anerkennung von Menschenrechten begründet werden? Eine solche Auffassung müsste Gründe für eine “primäre Diskriminierung” angeben, die annimmt, “dass es eine vorausgehende Wertunterscheidung zwischen den Menschen gibt”. (Ernst Tugendhat)