Reise um die Welt. Mit 150 Lithographien von Ludwig Choris

Datum: 28.01.2013

Autor: Adelbert von Chamisso

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt. Mit 150 Lithographien von Ludwig Choris. Die Andere Bibliothek, Berlin 2012, 525 Seiten.
Adelbert von Chamisso wurde 1781 auf Schloss Boncourt in der Champagne geboren. Als der Knabe etwa zehn Jahre alt war, verließen seine Eltern mit ihren insgesamt sieben Kindern ihren Stammsitz und ließen sich in Berlin nieder. Finanzielle Kalamitäten waren dafür ebenso verantwortlich wie die unübersichtlichen politischen Verhältnisse in Frankreich nach der Revolution von 1789.

In Berlin erhielt Adelbert nur eine halbsolide Schulbildung. Im Anschluss daran wurde er zuerst Edelknabe der Königin-Gemahlin Friedrich Wilhelms II. und zog darauf einige Jahre als Soldat der preußischen Armee durch Europa. Ab 1804 suchte er engen Kontakt zu Romantikern wie Friedrich de la Motte Fouqué und Karl August Varnhagen von Ense, den späteren Gatten von Rahel Varnhagen. Später befreundete er sich auch mit E.T.A. Hoffmann.

1814 publizierte Chamisso, dessen Muttersprache Französisch war, in deutscher Sprache Peter Schlehmils wundersame Geschichte, die überaus bekannt geworden ist. Diese märchenhafte Erzählung berichtet von einem eigentümlichen Handel der Hauptperson Peter Schlehmil mit einem grauen Herrn (der sich als Teufel herausstellt), der ihm für einen Säckel voller Gold nichts weiter als seinen Schatten abkauft. Ohne diesen Schatten wird Schlehmil jedoch zum Außenseiter, und seine Versuche, den teuflischen Handel rückgängig zu machen, misslingen. Erst als er das Goldsäckchen in einen Abgrund wirft, kann er sich vom Einfluss des grauen Herrn emanzipieren, bleibt aber bis zum Ende der Erzählung ein einsamer Naturforscher.

Ein Jahr nach dieser Publikation nahm Chamisso als Titular-Gelehrter und Naturforscher an einer Weltumsegelung teil. Das Schiff Rurik war von einem russischen Grafen ausgerüstet worden, um die Nordwestpassage zu entdecken und zu erkunden. Diese Passage führt nördlich des amerikanischen Kontinents entlang und verbindet den atlantischen mit dem pazifischen Ozean. Seit dem 16. Jahrhundert hatte man mehrere große Versuche unternommen, diese Passage zu finden; unter anderem James Cook scheiterte in den 70-er Jahren des 18. Jahrhunderts; der einbrechende Winter an der Behringsstraße zwang ihn zur Umkehr.

Auch die Rurik-Expedition endete letztlich ergebnislos – zumindest was die Nordwestpassage anbelangte. Für Chamisso freilich bedeuteten die insgesamt fast drei Jahre seiner Weltreise eine ausnehmend prägende und fruchtbare Zeit seines Lebens. Einige Jahre später (1836) stellte er seine Aufzeichnungen und Erinnerungen an das „Hauptstück“ seiner Lebensgeschichte als Reise um die Welt zusammen und veröffentlichte diesen Text, welcher die zahlreichen Neuentdeckungen entlang der Route und die vielfältigen menschlichen und kulturellen Erfahrungen eindrücklich wiederspiegelt.

Neben den ethnologischen, geographischen und botanischen Schilderungen beeindrucken vor allem auch die Lithographien des Malers und Zeichners Ludwig York Choris, der als Illustrator und Reisebegleiter an der Weltumsegelung der Rurik teilnahm. Sie verleihen den Texten Chamissos eine zusätzliche Farbigkeit und Lebendigkeit, die durch die bibliophile Aufmachung in der Anderen Bibliothek besonders zur Geltung gebracht werden.

Wie aufgeklärt, solidarisch und humanistisch Chamisso in seinen Gesinnungen war, wird an vielen seiner Reisebeschreibungen deutlich. So echauffiert er sich an einer Stelle zu Recht über die Bezeichnung „Wilde“, die in Europa für die Bewohner des Pazifikraumes gebräuchlich war: „Ich ergreife diese Gelegenheit, auch hier gegen die Benennung ‚Wilde’ in ihrer Anwendung auf die Südsee-Insulaner feierlichen Protest einzulegen… Wo den Südsee-Insulanern Verderbtheit der Sitten schuld gegeben werden kann, scheint mir solche nicht von der Wildheit, sondern von der Übergesittung zu zeugen“ (S. 114).

Wer immer sich mit dem Leben und Werk Chamissos, der übrigens bereits 1838 im Alter von nur 57 Jahren in Berlin an Lungenkrebs gestorben ist, ausführlicher beschäftigen will, wird nicht umhinkommen, neben den märchenhaften Geschichten und Erzählungen dieses liberalen und sozial ausnehmend wachen Schriftstellers auch dessen Reise um die Welt ausführlich zu rezipieren. Blättert man in den Reise-Aufzeichnungen dieses „wilden Europäers“ (so der Titel einer Biographie über Chamisso von Beatrix Langner), wird rasch offenkundig, dass ihn neben dem Dichter-Dasein auch seriöse wissenschaftliche Fragestellungen (von der Botanik bis zur Ethnologie) umgetrieben haben. Es gereicht der Anderen Bibliothek zur Ehre, mit ihrem Prachtband Reise um die Welt an diese Seite Chamissos erinnert zu haben.