Reisen eines Deutschen in Italien 1786-1788

Datum: 18.02.2013

Autor: Karl Philipp Moritz

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in Italien 1786 bis 1788. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013, 695 Seiten.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts galt es unter aufgeklärten und kunstsinnigen Deutschen durchaus als passend und obligat, eine Kultur- und Bildungsreise nach Italien zu unternehmen. Das Land, in dem die Zitronen blühen (wie es in Goethes Wilhelm Meister besungen wurde), versprach nicht nur Sonne, Meer und Kunstgenuss. Darüber hinaus suchten nicht wenige Italien-Reisende den Anschluss an die Welt der Renaissance wie auch der antiken Kultur Roms und Griechenlands.

Einer dieser Rom-Fahrer war Karl Philipp Moritz, der 1756 in Hameln als Sohn eines Regimentsmusikers geboren wurde. Mit zwölf Jahren gab man ihn in eine Hutmacherlehre nach Braunschweig, wo sich das familiäre Elend als Lehrlingsmisere fortsetzte. Später durfte er das Gymnasium besuchen. 1776 ging Moritz ohne Abschlussprüfung von der Schule ab. Völlig mittellos wanderte er durch Thüringen in der Hoffnung, sich einer Theatergruppe anschließen zu können. Studienaufenthalte in Erfurt und Wittenberg folgten, wo er den Magister in Theologie absolvierte.

Daraufhin wandte er sich nach Berlin, wo er als Gymnasiallehrer tätig wurde. Er unterrichtete Geschichte und Literatur, wobei sein Lehrstil als genialisch geschildert wird. 1782 unternahm er eine Reise nach England und schrieb darüber einen Bericht, der viel Anklang fand. Land und Leute des Inselstaates, die er in langen Fußwanderungen kennen lernte, wurden von ihm begeistert porträtiert. Nach Berlin zurückgekehrt, begann er mit der Herausgabe des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde, für das er namhafte Mitarbeiter gewinnen konnte. Anklang fand er auch mit kunsttheoretischen Abhandlungen, die er damals veröffentlichte, so Über die bildende Nachahmung des Schönen (1788). 1786 erschien sein Roman Andreas Hartknopf, der jedoch im Schatten des ein Jahr zuvor publizierten Anton Reiser blieb. Dieser gilt als einer der gelungensten psychologischen Entwicklungsromane in deutscher Sprache.

1786 machte sich Moritz nach Italien auf. Ein Vorschuss des Hamburger Buchhändlers Julius Campe erlaubte ihm diese italienische Reise, die für ihn außerordentlich großen Nutzen mit sich brachte. Zwei Tage nach Moritz (am 29. Oktober 1786) traf auch Goethe in Rom ein, mit dem er bald in eine freundschaftliche Beziehung trat. Goethe kannte Moritz‘ Schriften, die er Charlotte von Stein zur Lektüre empfahl. Am Anton Reiser glaubte er gesehen zu haben, dass dessen Verfasser ihm wie ein Bruder vorkam, allerdings vom Schicksal beschädigt, wo er selbst vorgezogen und begünstigt worden war.

Als Moritz sich in Rom bei einem Ausritt den Arm brach und wochenlanger Pflege bedurfte, besuchte ihn Goethe täglich und sorgte auch dafür, dass nachts an seinem Bett gewacht wurde. Goethe war jedoch in diesem Verhältnis nicht nur der Geber. Als er daran ging, seine Iphigenie aus der Prosafassung in Verse umzugießen, half ihm Moritz durch seine subtilen Kenntnisse in der Verskunst, was Goethe in seinen Briefen nach Hause dankbar bezeugte. Die Zukunft von Moritz lag ihm am Herzen, und so wurde er zum Protektor von dessen Karriere, indem er den preußischen Minister von Heinitz auf ihn aufmerksam machte und ihm eine Professorenstelle an der Akademie der Künste in Berlin vermittelte.

Als Goethe 1788 nach Deutschland zurückging, blieb Moritz noch in Rom und bereitete sich auf seine zukünftige Vorlesungstätigkeit vor. Anfangs 1789 kam er nach Weimar, wo ihn Goethe gastfreundlich bei sich aufnahm. Der Herzog Karl August ließ sich von ihm in englischer Sprache unterrichten, wahrscheinlich mit dem Motiv, die kläglichen Finanzen des Wanderers aufzubessern.

Die traurige Kindheit und chaotische Jugendzeit waren an Moritz nicht spurlos vorübergegangen. Er hatte eine Tuberkulose akquiriert, die ihm zunehmend zu schaffen machte. Gesundheitliche Schonung kannte er nicht, und auf seinen Fußreisen wanderte er bei Wind und Wetter durch die Gegend, ohne auf Schutz und Ernährung zu achten. Die Hauptsache war für ihn, dass er seinen Homer oder Vergil bei sich trug, woraus er bei seinen Märschen und Wanderungen durch Rom und seine Umgebung zu lesen pflegte. Moritz starb bereits 1793 in Berlin. Der Sektionsbefund ergab, dass er offenbar jahrelang mit nur einer Lunge gelebt hatte; die andere war durch Infektion zerstört.

In den letzten Jahren seines Lebens hatte Moritz Aufzeichnungen aus seiner Italienischen Reise veröffentlicht, die auf große Resonanz stießen. Diese waren jetzt lange nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich Die Andere Bibliothek zu einer exzellent gestalteten Neuherausgabe dieses Textes entschlossen hat. Für alle Moritz-Verehrer ist dieses Buch ebenso ein Muss wie für die Italien-Liebhaber, die von der Lebendigkeit und Frische der Moritz’schen Schilderungen mehr als überrascht sein dürften.