Roman mit Kokain

Datum: 26.07.2013

Autor: M. Agejew

Rezensent:  Jutta Riester

 

 

Roman mit Kokain von M. Agejew, neu aus dem Russischen übersetzt von Valerie Engler und Norma Cassau, Nachwort Karl-Markus Gauss, Manesse Zürich 2012

Agejew war in Wirklichkeit Mark Levi (1898-1973, Übersetzer, Geheimagent; Universitätsdozent) und die deutsche Neu-Übersetzung des erstmalig 1936 in Paris erschienenen Werkes könnte auch heißen Liebschaft mit Kokain, denn „Roman“ bedeutet im Russischen auch „Romanze“ oder „Liebschaft“.

Im Nachwort zum Roman spricht der Kommentator davon, dass Agejew eine Zeitlang für Nabokow gehalten wurde und ihn wahrscheinlich gründlich gelesen habe. Eigene Assoziationen wanderten zu einem früheren russischen Schriftsteller, zu Dostojewski. Auch auf ihn scheint mir sein Roman ein Zitat. Sein Protagonist Wadim Maslennikow kommt mir vor wie ein Wiedergänger des namenlosen Kellerlochmenschen, durchsetzt mit Aspekten Rodion Raskolnikows und des Spielers Alexej Iwanowitsch. Die Frau, in die sich Maslennikow verliebt, heißt Sonja, so wie die unendlich geduldige und gütige und mit natürlicher Anmut und Weisheit ausgestattete Sonja in Schuld und Sühne. Beide Sonjas handeln bei dieser positiven Grundausstrahlung nicht nach gesellschaftlich moralischen Erwartungen oder Leitbildern, Raskolnikows Sonja ist seit kurzem Prostituierte, die im Roman mit Kokain hat einen Ehemann und lässt sich trotzdem mit Maslennikow ein.

Was ist nun das Charakteristische sowohl an Rodion Raskolnikow, als an dem „paradoxen Menschen“ aus dem Keller oder an Wadim Maslennikow? Allesamt sind sie einsam bis zur Menschenscheu und in ihrer Beziehungsfähigkeit hochgradig gestört. Vielleicht als verstiegene Reaktion auf dieses letztliche Alleinsein erfolgt die „Lust am Widerlichen“ (Gisa Funck, TSP 18.11.12) und die selbstzerstörerische Marotte, sich die schönen Lebensmomente selbst kaputt zu machen.

Obwohl sie durchaus als fiese Typen dastehen, gewinnen sie die Sympathie des Lesers. Der Leser wird angezogen, hineingezogen und mitverwickelt, wie es Manès Sperber in Bezug auf Dostojewski ausdrückte. Intuitiv hat der jeweilige Dichter wohl erkannt, dass das Widerwärtige auch im Leser steckt, zumindest in seinen Gedanken, das Rachsüchtige des „paradoxen Menschen“ aus dem Kellerloch, das Vermessene und Verstiegene Raskolnikows und das brutal Paschahafte Wadim Maslennikows. Mark Levi alias M. Agejew hat die menschliche Seele ähnlich tiefgründig geschildert wie Dostojewski.

Funck lobt den Charme und das grandiose Zugrundegehen Maslennikows als anziehend. Mich selbst hat seine menschenverachtende Behandlung der Frauenfiguren, insbesondere seiner Mutter eher bedrückt und am Ende heruntergezogen.

Bei Wadim wird der Psychologe auf anschauliche Weise fündig, was den „selbstzerstörerischen Erfolgsmelancholiker“ (Gisa Funck), die narzisstische bzw. die Borderline- Persönlichkeitsstörung und eben den Süchtigen anbelangt, insofern ein unbedingtes Muss.