Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt

Datum: 15.12.2012

Autor: Joachim Bauer

Rezensent:  Annette Schönherr

 

Joachim Bauer: Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, Karl Blessing Verlag, München 2011, 285 Seiten, 18,95 €.   Rezensentin:  Annette Schönherr

 

Mit diesem Buch ist dem Autor ein zentrales, wegweisendes Werk zur Entmystifizierung des menschlichen Aggressionstriebes gelungen. Angesichts der Schrecken des Ersten Weltkrieges hatte Sigmund Freud 1920 einen Aggressionstrieb formuliert, der besagt, dass der Mensch ab und zu ein Spontanbedürfnis zur Destruktivität habe. Leider ist diese falsche Theorie durch Konrad Lorenz weiter radikalisiert und popularisiert worden: Zur Sicherung gelingender zwischenmenschlicher Bindungen müssten nach Konrad Lorenz Aggressionen gegen Außenstehende gerichtet werden. Aus der Sicht von Joachim Bauer ist diese Theorie eines dem Menschen inne wohnenden Aggressionstriebes nicht nur nicht haltbar, sondern sie löst im Sinne einer selbst erfüllenden Prophezeiung verstärkt Gewalt aus und legitimiert sie sogar. Die Erkenntnisse der  modernen Neurobiologie interpretieren die menschliche Aggressivität eindeutig nicht als Triebgeschehen, sondern als Schmerzreaktion. Der Schmerz dient dem evolutionären Zweck als Aggressionsstimulus zum Überleben bei Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit. Wird diese Schmerzgrenze des menschlichen Körpers überschritten, ist mit Aggression zu rechnen. Wie auf körperlichen Schmerz reagieren die Schmerzzentren des Gehirns in gleicher Weise ebenso auf soziale Zurückweisung, Ausgrenzung oder Demütigung. Die neurobiologische Neudefinition der Schmerzgrenze gibt Charles Darwin Recht, der schon um 1880 die stärksten “sozialen Instinkte” oder menschlichen Bedürfnisse als diejenigen verstand, die nach sozialer Gemeinschaft streben. Dieses mitmenschliche Grundbedürfnis hat bereits vor über hundert Jahren der Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler als “Zärtlichkeitsbedürfnis” postuliert. Auch stehen diese neurobiologischen Forschungsergebnisse im Einklang mit allen neueren Studien aus Psychologie und Sozialforschung, die die wichtigsten Aggressionsauslöser in der fehlenden Zugehörigkeit zu einer Gruppe und in der Zurückweisung durch andere Menschen sehen. Die Ursachen für das sehr ähnliche Wahrnehmen des menschlichen Gehirns von körperlichem sowie seelisch-sozialem Schmerz liegen in der evolutionären Vorgeschichte des Menschen begründet, der kein Jäger, sondern ein Gejagter war. Um zu überleben, war der Mensch bzw. das Motivationssystem seines Gehirns notwendiger weise auf Bindung, Akzeptanz, Zugehörigkeit und Kooperation angewiesen. Das erklärt, warum das menschliche Gehirn im Laufe der Evolution gelernt hat, soziale Ausgrenzung mit der Bedrohung der eigenen Leiblichkeit gleichzusetzen. Ausgrenzung bedroht Bindungen und zerstört Gemeinschaften. Diese Erkenntnis hat auch eine politische Dimension, die in Anbetracht von weltweit jährlich einer Million Toten und begrenzter globaler Ressourcen deutlich zum Ausdruck kommt. Hier sind der Einsatz aggressionsmindernder Kulturtechniken für das Überleben der Menschheit unbedingt erforderlich. Wer mit seinem Wissen auf der Höhe der Zeit sein will, sollte dieses Buch kennen, das außerordentlich klar und auch für Laien sehr verständlich geschrieben ist.

 

Über den Autor:

Der Autor ist Arzt und Psychotherapeut und einer der führenden Neurobiologen, der einen fundierten Überblick über die weltweiten Forschungsergebnisse der modernen Neurowissenschaft bietet. Er lehrt an der Universität Freiburg an der Abteilung für Psychosomatische Medizin, Habilitationen in den Bereichen Innere Medizin und Psychiatrie. Für seine Genforschungen erhielt er den Organon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie. U.a. zuvor erschienene Bücher des Autors: Gedächtnis des Körpers, Warum ich fühle, was du fühlst, Prinzip Menschlichkeit, Das kooperative Gen, Lob der Schule.