Alfred Adler aus der Nähe porträtiert

Datum: 08.05.2013

Autor: Phyllis Bottome

Rezensent:  Almuth Bruder-Bezzel

 

 

Phyllis Bottome, Alfred Adler aus der Nähe porträtiert. Übersetzerinnen und Übersetzer: Christine Bach, Klaus Hölzer, Guntrun Lenzen-Lechner, Gerald Mackenthun, Hartmut Siebenhüner, Klaus Hölzer (Hrsg), Verlag für Tiefenpsychologie und Anthropologie, Berlin, 2013, 336 Seiten, 34,80 Euro.

 

Die vorliegende Publikation ist die 1. deutsche Übersetzung der Biografie Alfred Adlers von Phyllis Bottome (1. Aufl. 1939, 2.Aufl. 1946: Alfred Adler – Apostle of Freedom, London; 3. Aufl. 1957: Alfred Adler – A Portrait from Life, New York), ein Projekt das gewiss immer mal erwogen aber bis heute nicht realisiert bzw. auch abgelehnt wurde. Dabei ist es die Biografie einer Zeit- und Weggenossin, die allen späteren biographischen Darstellungen über Adler direkt oder indirekt als Quelle gedient hat, womit im Grunde (fast) alles biographische Wissen oder auch Vermutungen über Adler von diesem Buch stammen. Durch die Übersetzung tritt sie nun aus ihrem Schattendasein heraus, was ihrer Bedeutung in gewisser Weise entspricht.

Das ist die Initiative aus dem Umfeld von Josef Rattner, herausgegeben und mit Nachwort versehen von Klaus Hölzer, übersetzt unter Mitarbeit von Chr.  Bach, K. Hölzer, G. Lenzen-Lechner, G. Mackenthun, H. Siebenhüner. Übersetzt wurde die 3., wenig veränderte Auflage des Buchs von 1957.

Da Klaus Hölzer keinen Verlag dafür fand – was für IP-Bücher nicht ungewöhnlich ist, – hat er kurzerhand einen eigenen Verlag gegründet, VTA (Verlag für Tiefenpsychologie und Anthropologie), die Ausgabe mit angenehmen Erscheinungsbild, die Übersetzung in flüssiger Sprache. Besonders hervorzuheben ist, dass dem Buch viele erläuternde Anmerkungen beigefügt sind, besonders Erläuterungen zu Personen. Auch sind manche, vielleicht zu wenige, irrtümliche Behauptungen korrigiert worden.

Das Buch ist eine sehr persönliche Biografie von einer Zeitgenossin und Anhängerin Adlers, die in enger Begleitung mit ihm stand, besonders in seinen späteren Lebensjahren. Die Autorin erzählt quasi aus 1. Hand über sein ganzes, vor allem persönliches Leben. Sie schreibt über Adlers Geburt, Herkunft, Familie, Kindheit und Jugend, über seine eigene Familie, sein Leben und Wirken in Wien und Amerika, über seine Gewohnheiten, Charaktermerkmale, sein reiches persönliches Umfeld, seine Reisen. Seine letzten Reisen haben sie und ihr Mann, Ernan Forbes Dennis, organisiert, seinen Tod (28. Mai 1937) auf dieser Vortragsreise in Aberdeen in unmittelbarer Nähe erlebt. Es sind viele Einzelheiten, auch rührende kleine private Details, die ein intensives, liebevolles Bild von Adlers Leben und Person zeichnen.

Diese Biografie war ein Auftrag von Adler selbst, er hat an ihr stark mitgearbeitet hat bzw. wollte dies tun, was aber durch seinen Tod unterbrochen wurde. (Ähnlich hatte Adler bereits gute 10 Jahre vorher (1926) seinem jungen Anhänger Manès Sperber den Auftrag zu einer biografischen Darstellung gegeben.)

Auf Grund dieser Vereinbarung zwischen beiden hatte Bottome offenbar viele Interview-Gespräche mit ihm geführt, erzählte er ihr sein Leben, bekam sie viel Material von ihm. Zudem fuhr sie nach Adlers Tod nach Wien (wo sie bis zum Einmarsch Hitlers im März 1938 blieb), um mit noch verbliebenen Anhängern zu sprechen. Auch führte sie Gespräche mit amerikanischen und englischen Kollegen aus Adlers Umfeld. So sind viele persönliche Begegnungen neben Adlers Lehre die Quellen ihrer Biografie.

Durch die offenbar starke Beteiligung Adlers erklärt sich vieles an Detailkenntnissen oder Detaileinschätzungen. Die Biografie kommt dadurch einer Autobiografie nahe. So müssen wir sehr vieles als Darstellung sehen, was Adler ihr quasi in die Feder diktierte und dazu gehört vieles Subjektive, auch Einschätzungen und Selbstdarstellungen, in denen er sehr idealisiert erscheint, sich selbst erhöht und sich schmeichelt.

Zur Autorin Phyllis Bottome (1882-1963) kann man manches aus dem Klappentext und dem Nachwort dieser Ausgabe entnehmen. Sie hat selbst eine dreibändige Autobiografie geschrieben, und kürzlich kam eine Biografie über sie heraus (Pam Hirsch 2010) (siehe auch Wikipedia). Sie ist eine englisch-amerikanische, offenbar bekannte Roman – Schriftstellerin, die zusammen mit ihrem Mann in den späten 20er Jahren u.a. länger in Wien und München lebte, dort Adler und Leonhard Seif kennen lernte, später von London aus eine sehr wichtige Vermittlerrolle für die englischen IP-Gruppen und vor allem für die Organisierung von Adlers letzten Reisen spielte – das geht auch aus vielen Briefen Adlers an beide hervor.

(Erwähnt sei noch, dass auch der expressionistische Dichter Albert Ehrenstein beanspruchte, die Adler Biografie zu schreiben, als „Brotarbeit“ [um Schulden zu begleichen], kein „Herzenswunsch“, wie er im Dezember 1937 in einem Brief schreibt. Vielleicht hatte Adler selbst dies irgendwann einmal Ehrenstein angetragen, da Ehrenstein stets und in dieser NS-Zeit besonders, in Not war und von Adler finanziell unterstützt wurde).

Einer der Gründe, dass das Buch nicht übersetzt wurde, war, dass es umstritten war, auch als peinlich empfunden wurde, in einer Zeit, in der die wissenschaftliche Aufarbeitung von Adlers Werk vor einer bloßen Begeisterung rangierte.

Für die Ablehnung des Buchs gibt es, wie bereits angedeutet, durchaus Gründe: So gibt es definitiv eine ganze Reihe von Fehlern, aber auch sehr fragwürdige oder sehr subjektive Einschätzungen, Charakterbeschreibungen, Reinterpretationen oder Idealisierungen bis hin zu Legenden (durch die Autorin oder durch Adler selbst in die Welt gesetzt).

Kurz, es ist keine neutrale wissenschaftliche, auch keine „zuverlässige“ Biografie – die man annähernd eher noch bei Edward Hoffman (1997) finden kann.

Angesichts der heute so sehr erweiterten Kenntnisse über Adlers Werk und Leben kann man sich nun zutrauen, zumindest viele der Fehler korrigieren zu können und nicht in einen Idealisierungsrausch zu verfallen.

Für das Wiedererscheinen dieser Biografie spricht aber doch, dass hier viele Schilderungen, Personenbezüge, Ablaufe, subjektive Äußerungen, Meinungen, Selbst – und Fremdbilder aus erster Hand versammelt sind. Es gibt viele Details an Fakten, die man nur hier lesen kann.

So kann man diese Übersetzung begrüßen und darf dabei zum Ganzen auch ambivalent bleiben.