Alfred Adler Revisited

Datum: 10.04.2013

Autor: Jon Carlson & Michael P. Maniacci (Hrsg.)

Rezensent:  Eugene M. DeRobertis

 

 

Jon Carlson und Michael P. Maniacci (Hrsg.), Alfred Adler Revisited,  Routledge, Taylor & Francis Group, New York, Hove, 2012, ISBN 978-0-415-88447-1, 327 Seiten.

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Anschluss finden an Alfred Adler: eine Neubewertung der Individualpsychologie

In Alfred Adler Revisited haben  Jon Carlson und Michael Maniacci in bewundernswerter Weise nicht nur einige von Adlers weniger bekannten Arbeiten zusammen getragen sondern sie auch ergänzt durch Kommentare von angesehenen zeitgenössischen Experten. Der Eindruck, den dieser Band vermittelt, ist, dass der Leser, vielleicht zum ersten Mal  die profunde Tiefe und Weite des adlerschen Denkens wahrnimmt.

Adlers Versuche, das amerikanische Publikum zu erreichen, wurden durch die Dominanz des vehaltenspsychologischen und freudschen Denkens in der akademischen und klinischen Welt erschwert. Noch fataler ist,dass man seine  Ideen (z.B. den Begriff des Überlegenheitsstrebens) noch heute in studentischen Lehrtexten dermaßen vereinfacht, dass sie dadurch verfälscht werden. (siehe Rathus, 2008). Im Allgemeinen und fälschlicherweise neigt man dazu, Adler nur in der Rolle eines Schülers von Freud zu sehen.

Als Folge davon hat die Individualpsychogie in den Vereinigten Staaten nicht die Wertschätzung erfahren, die sie verdient. Wie Weber (2003) formulierte, machte man „bei Adlers Ideen von allen Seiten Anleihen, ohne die Quelle zu benennen, und manchmal wird seine Beitragsleistung sogar abgestritten“ (S. 246).

Man kann Alfred Adler Revisited nicht lesen, ohne zu empfinden, dass dieser Text seit langem überfällig ist. Er präsentiert Adler als einen originellen Denker, der fraglos seiner Zeit voraus war. Adlers eigene Worte und diejenigen seiner Kommentatoren verdeutlichen dem Leser, dass Adler, ob anerkannt oder nicht, ein Vorläufer der orthodoxen Psychoanalyse, der „Psychologie der Dritten Kraft“, der Positiven Psychologie, des sozialen Konstruktivismus, der Entwicklungspsychologie, kognitiven Psychologie, narrativen Psychologie, System- oder systemischen Psychologie, Postmodernen Psychologie, Sozial-kognitiven Psychologie, der Psychologischen Feldtheorie und der feministischen Psychologie ist. Darüber hinaus gibt es einen eminent phänomenologischen Ansatz in der Pädagogik, der Adlers Denken entspringt (DeRobertis 2011). Demnach dürfte dieser Text Akademiker, Kliniker und an der Entwicklungspsychologie interessierte Forscher aus den unterschiedlichsten Bereichen interessieren.

Der nicht-individualistische Charakter der Individualpsychologie

Die Individualpsychologie kann leicht als die Psychologie des Individuums missinterpretiert werden. Der Begriff einer individuellen Psychologie weckt schnell die Vorstellungen eines massiven Individualismus, besonders, nachdem Adler seinen Begriff eines Strebens nach Überlegenheit in seine Psychologie einführte. Folglich weist Maniacci sofort darauf hin, dass Adler bei der Benennung seiner Anschauung die Ganzheits- und die Persönlichkeitspsychologie im Sinn hatte, die damals bereits im Umlauf waren (S. 4).

Die Wendung individual wählte Adler nur, um einen Begriff zu haben, der die organisierte Einheit des Menschen betont, einen, der die Priorität des ganzen Organismus über die isolierten Teile (wie z. B. ein Es oder Ich) zum Ausdruck brachte). Später im Text kommt Adler selbst zu Wort (S. 66), wo er wieder und wieder betont, dass der Begriff des Strebens nach Überlegenheit als Tendenz interpretiert werden sollte, das eigene Potenzial bis zum Maximum zu verwirklichen, nicht aber als platte Befürwortung eines Willens zur Macht.

Mit der Einführung seines Begriffes des Gemeinschaftsgefühls (S. 51) verließ  der gereifte Adler jegliche Position, die dem egoistischen Machtstreben oder der „persönlichen“ Überlegenheit zugerechnet werden könnte. Tatsächlich unterstrich Adler, dass ein „starres Beharren auf völliger Überlegenheit“ der sozialen Natur des Menschen und seinem gesunden Streben zuwider läuft (S. 150).

Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass Hall und Linzey (1978) mit ihrer Einschätzung richtig lagen,  dass „Adler in die Tradition von William James und William Stern gehört, die beide als Begründer der personalistischen Psychologie gelten“.

In diesem Licht erscheinen die psychologischen Funde von Viktor Frankl (mit seiner Betonung der Selbsttranszendenz) und von Karen Horney (mit ihrer  Betonung der sozialen Natur der Selbstverwirklichung) weniger originell und mehr von Adler inspiriert zu sein.

 

Das pädagogische Denken der Adler-Schule

Ein überraschender Aspekt, den Alfred Adler revisited vermittelt, ist die Leidenschaft, mit der Adler Kinder und ihre Umwelt zu verstehen suchte. Die sein Werk durchziehende pädagogische Perspektive ist höchst einfühlsam. Man ist von der Tatsache beeindruckt, dass fünf Kapitel des Buches dem Entwicklungsgedanken gewidmet sind. Als Teil und Paket seiner feldtheoretischen Anschauung schrieb Adler der kindlichen Familiensituation und der Geschwisterkonstellation Bedeutung zu, was bereits bekannt  ist. Unbekannt  ist aber, dass die Position in der Geschwisterreihe alleine Adler wenig bedeutete. Adlers Worte: „Es ist natürlich nicht die Stellung in der Geschwisterreihe, die den kindlichen Charakter beeinflusst, sondern die Situation, in die das Kind hineingeboren wird und wie es sie interpretiert“ (S.74).

Indem er betont, wie das Kind seine Gesamtsituation interpretiert, skizzierte Adler eine eindeutig existenz- phänomenologische Orientierung innerhalb der Entwicklungspsychologie des Kindes. Diese Orientierung drückt sich auch in seinem Beharren darauf aus, dass es im besten Interesse des Kindes ist, im Sinne des Gemeinschaftsgefühls erzogen zu werden (S. 122). Die existenzielle Entwicklungspsychologie bewegt sich kontinuierlich in dieselbe Richtung (siehe DeRobertis, 2008).

Alles in allem erwies sich Adler sowohl für den Standpunkt des Kindes als auch für den seiner Erziehungspersonen (Eltern und Erzieher) als überaus sensibel. Einerseits fand Adler, dass das Kind Rollenmodelle benötigt, um die relative Minderwertigkeit zu überwinden. In dieser Hinsicht ähnelt Adlers Denken dem von Lew Wygotski zur kindlichen Entwicklung, Sozialisierung und sozialen Anpassung (Derobertis, 2011).

Andrerseits bewies Adler eine überraschende Sensibilität   für die Schwierigkeiten der Eltern und Lehrer angesichts ihrer Rolle als Versorger und Vertreter der Disziplin. Im gesamten Buch Alfred Adler Revisited spürt man deutlich Adlers tiefe Besorgnis über die Versuchung, Kindern gegenüber allzu gefällig und verwöhnend zu sein. Für ihn galt Verwöhnung als eine ernste Bedrohung des kindlichen Wohlbefindens und der zivilisierten Gesellschaft als Ganzes, da Verwöhnung zu einem nur schwach ausgeprägten Sozialinteresse führe.

Terry Kottman und Melissa Heston merken ganz richtig an, dass die mit Teacup- und Helikopter-Eltern versehene moderne Gesellschaft offenbart, dass Adlers Besorgnis prophetisch war (S.118). Zusammen mit humanistischen Entwicklungspsychologen wie Charlotte Bühler ist Adler einer der wenigen Theoretiker, die die Bedrohung durch Verwöhnung und Verziehen ernst genommen haben (DeRobertis, 2008). Aus diesem Grund warnte Adler vor den Gefahren eines zügellosen freudianischen Pansexualismus, den er im Wesentlichen für eine Psychologie des verwöhnten Kindes hielt (S.33).

Wenn Adlers Denken über Verwöhnung zeitgenössischen Eltern, Lehrern und Kinderpsychologen ohne weiteres einleuchten dürfte, werden seine Gedanken zur Vererbung entschieden länger brauchen, um die Anerkennung zu finden, die sie verdienen. Humanistisch gesinnte Pädagogen und dynamische System-Theoretiker dürften Adlers Ablehnung eines genetischen Reduktionismus als recht erfrischend empfinden.

Dagegen ist der Mainstream der Psychologen und die amerikanische Kultur im Allgemeinen gegenwärtig viel zu sehr um genetische Erklärungen besorgt, als dass sie heute schon Adlers dreiteiliges Selbst-System, bestehend aus einer vererbten Prädisposition, Umgebungssituation und einer schöpferischen Aneignung der vom Leben zur Verfügung gestellten Rohmaterialien wertschätzen könnten.

Das ist gewiss bedauerlich, gerade hinsichtlich der Einsichten, die man gewinnt, wenn man die Entwicklung eines Kindes aus der Perspektive seiner schöpferischen und sinnstiftenden Aktivität betrachtet. Beispielsweise lehrt uns Adlers Pädagogik, dass ein „böses“ Kind ein Kind ist, dessen Streben nach Gemeinschaftsgefühl vereitelt wurde und das die Bedeutung eines Lebens mit anderen falsch interpretiert. Das sogenannte „böse“ Kind gewinnt die Überzeugung, dass es besser ist, schändlich als unbedeutend zu sein.

 

Abschließende Hinweise

Wie zu erwarten, stolpert man gelegentlich bei der Lektüre Adlers über gewisse Ideen, die aufgegeben wurden, nachdem er sie geschrieben hatte. So z. B. seine Versicherung, „man könne ein Lebewesen nicht dazu erziehen, Niederlagen zu wollen (S.15). Diese Aussage erscheint im Licht moderner Forschungsergebnisse zur erlernten Hilflosigkeit fragwürdig. Der zeitgenössische Leser dürfte Adlers Charakterisierung der Enuresis als eine Form von Trotzhandlung als etwas kurzsichtig und erklärungsbedürftig  erachten (S. 136).

Wichtiger ist allerdings, dass die Lektüre dieses Textes Einsichten vermittelt, die heute noch relevant sind. Durch Adler werden Eltern und Lehrer, die Kinder verwöhnen, schließlich als das dargestellt, was sie wirklich sind: Individuen, die aus Eigennutz und zum Schaden des Kindes und der Gesellschaft handeln.

Mit seiner Anschauung, die persönliches Wachstum mit sozialer Beitragsleistung verbunden sieht, hat der reife Adler einen soliden theoretischen Hintergrund für die Entwicklung echter Lerngemeinschaften geschaffen, die sich Können und nicht Wettbewerb in der Erziehung auf die Fahne geschrieben haben (Bergin, 1995). Schließlich und während wir das neue DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) erwarten, erinnert uns Adlers Begriff des Lebensstils als eine Schöpfung der gesamten Person daran, dass diagnostische Etiketten in der Tat die eigentliche Organisation eines individuellen Lebensstils ausblenden.

Literatur

Bergin, D.A. (1995). Effects of a mastery versus competitive motivation situation on learning. Journal of Experimental Education, 63, 303-314. doi:10.1080/ 00220973.1995.9943466 PsychINFO

DeRobertis, E.M. (2008). Humanizing child developmental theory: A holistic approach. New York, NY: iUniverse.

DeRobertis, E.M. (2011). Deriving a third force approach to child development from the works of Alfred Adler. Journal of Humanistic Psychology, 51, 492-515. doi: 10.1177/ 0022167810386960 PsychINFO Article

Hall, C.S., & Lindzey, G. (1978). Theories of personality (3rd ed.) New York, NY: Wiley. PsychINFO

Rathus, S. (2008). Psychology concepts and connections. Florence, KY: Cengage.

Weber, D.A. (2003). A comparison of individual psychology and attachment theory. Journal of Individual Psychology, 59, 246-262. PsychINFO

 

Rezensent: Eugene M. DeRobertis,

Der Original-Aufsatz erschien am 15. Februar, 2012 in PsycCRITIQUES als Rezension der American Psychological Association. Übersetzung von Klaus Hölzer im April 2013 mit Genehmigung von Eugene M. DeRobertis.

Eugene M. DeRobertis, PH.D., ist Associate Professor für Psychologie am Brookdale Community College in Lincroft, New Jersey, USA. Seine Forschungen erstrecken sich u.a. auf: Existential-Phänomenologie, Humanismus, Hermeneutik, Personalismus und Dialog.