Auf der Couch. Eine verdrängte Geschichte der analytischen Couch

Autor: Nathan Kravis

Rezensent: Gerald Mackenthun

Datum: Januar 2019

Kravis, Nathan (2018) Auf der Couch. Eine verdrängte Geschichte der analytischen Couch
von Platon bis Freud. 224 S., Edition Frölich, Berlin (amerikanische Originalausgabe 2017),
€ 25,00

Für Psychoanalytiker ist die Couch mehr als ein Möbelstück, es ist eine Ikone. Mit Bildern und Anekdoten aus der Kunstgeschichte, der Innenausstattung, der Mode, der frühen Aktfotografie und der Medizingeschichte beschreibt Psychiatrieprofessor Nathan Kravis (Cornell University, Ithaca, New York) dieses für das Liegen und Ausruhen geschaffenen Möbelstück. Wenn er sagt, dies sei eine „verdrängte Geschichte“, so kokettiert er mit dem zentralen psychoanalytischen Begriff der Verdrängung. Tatsächlich ist alles, was die Couch, die Ottomane, die Récamière oder die Chaiselongue angeht, ziemlich gut dokumentiert.

Leider, da muss man Kravis zustimmen, ist der Gebrauch der Couch stark zurückgegangen, auch in der Psychotherapie. Nur noch orthodoxe Analytiker legen ihre Patienten auf die Couch, wo diese, in eine unbestimmte Ecke der Decke starrend, ihren ungefilterten Gedanken folgen sollen. Die Couch ist das Symbol der Psychoanalyse, das jeder gebildete Mensch in allen modernen westlichen Staaten auf Anhieb versteht. Die Zeitschrift New Yorker, zentrales Blatt für die amerikanische Intelligenzschicht, ist voll von Couch- Karikaturen, von denen einige in diesem Buch zu sehen sind. In einer hält ein Analytiker einem Patienten einen 100-Dollar-Schein vors Gesicht: »Vielleicht frischt das Ihr Gedächtnis auf, Mr. Conklin.« (S. 161) Zur Ikonographie der Couch gehört der hinter den Patienten in einem bequemen Sessel sitzende Analytiker, mit Block und Bleistift auf dem Schoß. Freud selbst hatte sich wohl nie unmittelbar Notizen gemacht.

Die analytische Couch wurde zum Sinnbild für eine seltsame Form der Selbsterkenntnis und einer sehr künstlichen Situation seelischer Heilung. Angeblich schweigt sich die psychoanalytische Literatur über das merkwürdige Setting in einer Analyse aus, wo ein auf dem Rücken liegende Person zu einer hinter ihr sitzenden Person spricht. Freud hatte bekanntlich gesagt, seine Patienten müssten auf einer Couch liegen und in die Luft gucken, weil er keine Lust habe, sich den ganzen Tag anstarren zu lassen. Aber das war nur eine Gelegenheitsäußerung in einem Augenblick der Frustration. Der tiefere Grund ist, den Patienten so wenig wie möglich abzulenken, wenn er sich mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Es sind Reste aus der hypnotischen Behandlung, die Freud zu Beginn seiner Laufbahn als berühmtester Psychologe der Welt anwandte.

Freuds Original-Couch steht seit seiner erzwungenen Emigration 1938 in seinem Haus in London. Dicke Kissen stützten den Rücken des Patienten, deren Oberkörper stand fast senkrecht. Alle neueren Darstellungen psychoanalytischer Couch-Möbel zeigen meist ein unbequemes, flaches Liegebett. Mehr als zu Freuds Zeiten stellen sich bei solchen Flachmöbeln Assoziationen zu Schlaf, Krankheit, Ausruhen und Sexualität ein. Und Essen! Symposion heißt Gastmahl. Die alten Griechen aßen und diskutierten in liegender Haltung, abgestützt auf dem Ellbogen. Das Sofa ist mit der Couch verwandt, erfüllt aber teilweise andere Funktionen. Beim Sofa geht es um entspanntes Sitzen und um vertrauliche Gespräche zu zweit oder mehreren. Die hohe, senkrechte Rückenlehne war typisch für frühe Sofas. Sie zwangen zu einer aufrechten Haltung und konventionellem Verhalten. Ganz anders die mit vielen weichen Kissen ausstaffierten Ottomane, auf denen sich halbnackte Sklavinnen räkelten. Das Titelbild des Buches zeigt ein Gemälde von Ramon Casas »Nach dem Ball« (1895). Hier ist das Sofa bzw. die Couch Erholungsort nach einer anstrengenden Tätigkeit. Die junge Dame ist völlig fertig nach Hause gekommen. Das halbsitzende Liegen mit durchgedrückten Knien ist übrigens unbequem, doch erst vor etwa 100 Jahren wurde mit abgewinkelten Fußteilen darauf reagiert.

Die (analytische) Couch und das ungestörte Gespräch sind Teil einer kulturell reichen Tradition des Luxus, der Intimität, der Offenbarung, des inneren Friedens und der (auch erotischen) Freiheit – und zugleich der Selbstentblößung, der Hypertransparenz, der Unterwerfung und der infantilen Regression. Die Konstellation eines älteren Analytikers mit einer jungen Patientin vor sich auf der Couch weckt unweigerlich sexuelle Assoziationen. Mangels empirischer Studien kann niemand genau sagen, für wen oder welche Art von Störung die Verwendung der Couch am geeignetsten ist. Am besten fragt man den Patienten selbst, ob er sich vorstellen könne, die Couch zu benutzen. Nach meiner Erfahrung sind nur wenige dazu bereit, und von den wenigen geben viele das Experiment bald wieder auf. Das Sprechen (und Essen) im Liegen ist unserer Kultur ungewohnt geworden. Das Liegen wird als zu intim empfunden. Und auch mit dem hierarchischen Gefälle zwischen dem sitzenden Therapeuten und dem liegenden Patienten kommen viele nicht klar.

Das Buch liegt in einer sehr schön und aufwendig gestalteten Form der Edition Frölich (Berlin) vor, mit ansprechendem Design und wunderbaren Illustrationen. Es ist kein trockenes, wissenschaftliches Werk, sondern ein geistreiches, witziges und intelligentes Buch, hervorragend geeignet, um es Analytikern und Psychotherapeuten zu Weihnachten oder zum nächsten Geburtstag zu schenken.