Das Drama der Dreiecksbeziehung

Datum: 10.03.2019

Autor: Friedrich Schröder

Rezensent:  Klaus Hölzer

Das Drama der Dreiecksbeziehung, Friedrich Schröder, Norderstedt, 2018

Seit es die Psychoanalyse gibt, bemühen sich Literaturwissenschaft und Psychoanalyse um ein besseres gegenseitiges Verständnis. Sigmund Freud, ein Freund der Dichtung und der Philosophie, sah früh, dass manche Denker und Dichter einiges von den Erkenntnissen der menschlichen Psyche ahnend oder wissend vorweg genommen hatten, was er wissenschaftlich beschreiben und in seine Analysen einfügen wollte. Umgekehrt ergänzte die Literaturwissenschaft nicht selten ihre Analysen von Mythen und Erzählungen mit Befunden der Tiefenpsychologie.

In seinem neuen und überaus erhellenden Buch versucht der Literaturwissenschaftler Friedrich Schröder ein Märchen der Gebrüder Grimm und ein Drama Henrik Ibsens zu interpretieren, um sowohl Übereinstimmungen als auch Unterschiede in den Paarbeziehungen beider Werke herauszuarbeiten. In der Literaturgeschichte wurde die Dreiecksbeziehung oft und seit Frühzeiten thematisiert. Bereits in der Genesis findet sich der Bericht von Abraham, seiner Frau Sara und deren Sklavin Hagar, die dem Mann auf Wunsch von Sara einen Sohn gebiert.

Was Friedrich Schröder an diesem Thema interessiert, ist eine literaturwissenschaftliche und anthropologische Interpretation dieses allzu menschlichen Stoffes – der Mann/Frau Beziehung – ergänzt um die Perspektive des kollektiven Unbewussten von C.G. Jung.

Das Märchen Die drei Schlangenblätter wird vom Autor umfassend – fast ist man geneigt zu sagen – beispielhaft, interpretiert. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Emotionalität von Mann und Frau kann leicht entgleisen, wenn sie auf eine patriarchale Wirklichkeit trifft, ein Satz, der auch im 21. Jahrhundert noch gilt.

Bevor der Autor zu Ibsens Schauspiel Die Frau vom Meer kommt, findet der Leser zwei bemerkenswerte Einschübe zum Frauenbild in der indischen und in der arabischen Religionsgeschichte, die beide die Entwicklung des Matriarchats zum Patriarchat bis in die heutige Zeit detailliert verfolgen. Besonders lag dem Autor das Verständnis von Ibsens Frau vom Meer am Herzen. Sein Ibsen-Kapitel stellt nicht nur Ibsen als Vorläufer der Tiefenpsychologie dar sondern analysiert auch in Vorbereitung von Die Frau vom Meer zehn Werke des Norwegers, die von dem frühen Drama Catalina zum späteren Schauspiel Wenn wir Toten erwachen reichen. Damit wird das Kapitel 3 zu einer Art Ibsen-Kompendium, von dem jeder profitieren wird, der sich Ibsen annähern will.

Zwar heißt das Unterkapitel 3.3 Tiefenpsychologische Interpretation des Dramas Die Frau vom Meer, ist aber nach meiner Einschätzung weitgehend eine literaturwissenschaftliche Abhandlung des dramatischen Geschehens. Und das ist auch gut so; denn man versteht dann, wie Ibsen zu dem Thema gekommen ist und was es ihm bedeutet. Aus dem gesamten Essay spürt man Schröders souveränen Umgang mit der Thematik, die er dem Leser in klaren und schlichten Worten präsentiert. Seine Ergriffenheit vom Stoff springt auf den Leser über und lässt auch den mit der Psychologie C.G. Jungs nicht Vertrauten an den Personen und der Dynamik des Dramas verstehen, was es mit dem kollektiven Unbewussten, mit Anima und Animus auf sich hat. Inwiefern die Energie des kollektiven Unbewussten tatsächlich Wachstum und Heilung bewirken kann, muss jeder Leser – möglichst anhand der eigenen Lebens- oder Partnersituation – selbst prüfen und entscheiden.