Der Antrag auf psychodynamische Psychotherapie. Ein Leitfaden zur Berichterstattung

Datum: 02.03.2013

Autor: Dieter Adler

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

 

Adler, Dieter (2012) Der Antrag auf psychodynamische Psychotherapie. Ein Leitfaden zur Berichterstattung (inkl. Kinder- und Jugendlichen- und Gruppenpsychotherapie). Mit Begleit-CD und Programm „Antrag Pro 2.0“. 584 S., Gießen (Psychosozial-Verlag), 59,90 Euro, ISBN 9783837921977

Die Bücher von Udo Boessmann (u.a. Berichte an den Gutachter schnell und sicher schreiben) sind bislang Standard bei der oftmals mühsamen und ungeliebten Abfassung von Berichten für die Beantragung einer ambulanten Psychotherapie. Kann der Bonner Psychotherapeut Dieter Adler mit dem Buch Der Antrag auf psychodynamische Psychotherapie (Psychosozial-Verlag, Gießen 2012) etwas Neues bringen? Der erste Eindruck: Das Buch ist zu dick! Müssen es unhandliche 584 Seiten sein? Müssen wirklich alle Vorschriften, Richtlinien und Formulare in einem über 100 Seiten umfassenden Anhang abgedruckt werden, zumal sie sich noch einmal auf der beiliegenden CD befinden? Auf den zweiten Blick freilich stellt sich gehobene Laune ein. Denn Adlers Angebot bündelt alle relevanten Themen, die man bei Boessmann auf mehrere Bücher verteilt vorfindet, und greift zudem noch ein wenig darüber hinaus. Denn Adler beginnt nicht mit fachlichen Fragen, sondern beschäftigt sich zunächst ausführlich mit den psychologischen Hemmschwellen, denen sich viele niedergelassene Therapeuten beim Abfassen von Antragsberichten gegenübersehen. Die inneren Widerstände sind durchaus überwindbar und zugleich psychologisch interessant. Hat der Therapeut keine Lust, einen Bericht zu schreiben, weil er mit dem Patienten nicht wirklich zusammenarbeiten will? Oder bricht der Therapeut wegen unzulänglicher Organisiertheit vor dem Berg anstehender Berichte zusammen?

Im hinteren Teil des Buches werden praktische Tipps zur Bewältigung des Antragsverfahrens gegeben. Adler entwickelte dazu ein Software-Programm, das aus der Sicht des erfahrenen Praktikers vor allem den Ausbildungskandidaten und Therapeuten-Neulingen zur Hand gehen möchte. Das der beiliegenden CD aufgespielte Programm „Antrag Pro“ darf der Käufer des Buches ein halbes Jahr lang kostenlos ausprobieren. Bei Weiterverwendung werden mindestens 289,00 Euro fällig. Die Software ist so aufgebaut, dass in einem Fenster Formulierungsvorschläge für den jeweiligen Berichtspunkt gemacht werden, die in einem zweiten Fenster an den jeweiligen Patientenbericht angepasst werden können. Die Registrierungsnummer zur Aktivierung befindet sich versteckt auf S. 467. Das Programm kann auch über das Internet heruntergeladen werden.

Zurück zum Buch: Natürlich werden sämtliche Themen rund um das Berichteschreiben anschaulich und umfänglich behandelt. Mit Hilfe von zahlreichen Textbeispielen kann der Therapeut Punkt für Punkt seines Antragsberichtes abarbeiten. Es komme darauf an, betont der Autor, über den Patienten eine stringente und lebendige Geschichte zu erzählen. Für ihn sei die Anamnese schwerer zu schreiben als die allgemein gefürchtete Psychodynamik. In der Sozialgeschichte sollen die wesentlichen Fakten, die zur Störung führten, herausgearbeitet werden. Die zugrundeliegende Psychodynamik schreibe sich dann fast von selbst.

Adler nimmt alle Antragsformen auch anhand von Musterberichten durch und bespricht die möglichen Reaktionen der Gutachter (vor allem die Ablehnungen) sowie die angemessenen Antworten der Therapeuten darauf. Gutachter seien keine „natürlichen Gegner“ des Psychotherapeuten und Angst vor ihnen unbegründet. Die aufmunternde Grundhaltung Adlers spornt an. Das Buch wird abgerundet von einem Stichwortverzeichnis.

Mit Adlers Leitfaden wird die vorhandene Literatur zum Berichteschreiben um ein beachtenswertes Buch ergänzt. Ob es sich gegen die Konkurrenz durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Denn sein Umfang bleibt doch seine größte Schwäche. Leser wie Software-Nutzer müssen sich durch Dutzende von Beispielformulierungen hindurcharbeiten, was vom eigenen Patienten eher ablenkt. Die Einarbeitung in die Software ist mühsam. Wer vom Anfang seiner Psychotherapeutenlaufbahn an damit arbeitet, wird sich dran gewöhnen; die Routiniers werden sich von der Software eher unnötig abgelenkt und zusätzlich belastet fühlen. Das Handbuch ist ganz auf die tiefenpsychologisch fundierte und die psychoanalytische Psychotherapie zugeschnitten, einschließlich der Kinder- und Jugendlichen- und der Gruppenpsychotherapie. Die Verhaltenstherapie blieb hier ausgeklammert. Man darf annehmen, dass demnächst auch für diese Therapierichtung ein weiteres Werk des Autors erscheinen wird.

Dr. Gerald Mackenthun, Berlin