Die Entdeckung der Zwischenmenschlichkeit – Harry Stack Sullivan und seine interpersonale Theorie

Datum: 17.06.2015

Autor: Hartmut Siebenhüner

Rezensent:  Gerald Bühring

 

Hartmut Siebenhüner: Die Entdeckung der Zwischenmenschlichkeit – Harry Stack Sullivan und seine interpersonale Theorie. Verlag für Tiefenpsychologie und Anthropologie. Bad Rappenau, 2015, 271 Seiten.

Das Buch des Berliner Tiefenpsychologen Hartmut Siebenhüner über Harry Stack Sullivan (1892-1949) enthält einen biografischen Teil, eine ausführliche Werkanalyse und eine kritische Würdigung. Zunächst erfährt der Leser viele interessante Details aus dem Leben des neopsychoanalytischen Psychiaters und Psychotherapeuten, seine irischen Wurzeln, seine Jugendsünden, seine ungewöhnlichen Liebesbeziehungen und seinen frühen Tod betreffend. Danach wird er mit Sullivans Mentoren und Wegbegleitern bekannt gemacht, um schließlich mit seiner innovativen Lehre konfrontiert zu werden. Beeinflusst von Sigmund Freud, William Alanson White, Adolf Meyer, Edward Sapir, Clara Thompson, Georg Herbert Mead und anderen, kreierte er ein entwicklungspsychologisches Konzept, welches biologische, psychosoziale und intellektuelle Reifungsprozesse miteinander verbindet. Gleichzeitig bildet es die Grundlage für seine interpersonale Theorie der gesunden und der pathologischen Persönlichkeit. Denn „das entscheidend Neue an seinem theoretischen und praktischen Zugang zu psychisch gestörten Menschen besteht darin, dass er zwischen diesen und den sogenannten Normalen keinen prinzipiellen Unterschied sah.“ Insofern scheint es nicht verwunderlich, dass Sullivan etablierte „Begriffe wie Psychopathologie, Psychose und Neurose“ in Frage stellte, „weil er meinte, es sei genauer und effektiver, den Blick auf problematische interpersonelle Prozesse zu richten, statt klinische Krankheitsbilder zu beschreiben.“ So sprach er denn auch lieber von „Dynamismen von Schwierigkeiten“, „unangemessenen Mustern“ und „unzulänglichen interpersonalen Beziehungen“.

Beispielhaft herausgestellt wird auch Sullivans interdisziplinärer Ansatz, welcher in seinem Hauptwerk „Die interpersonale Theorie der Psychiatrie“ (1953/1980) und in seiner Zeitschrift „Psychiatry – The Journal of the Biology and Pathology of Interpersonal Relations“ explizit zum Ausdruck kommt. Indem er sich von der Medizin, Psychoanalyse, Psychobiologie und Sozialpsychologie gleichermaßen befruchten ließ, standen ihm mehr Perspektiven zur Verfügung, als wenn er nur ein einziges Fachgebiet im Visier gehabt hätte.

Es ist überaus verdienstvoll, dass Siebenhüner diesen viel zu wenig rezipierten Klassiker der Tiefenpsychologie dem deutschsprachigen Lesepublikum präsentiert. Der elegante Stil des Buches dürfte Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater gleichermaßen ansprechen.