Erwin Wexberg Ein Leben zwischen Individualpsychologie, Psychoanalyse und Neurologie

Datum: 24.01.2015

Autor: Ulrich Kümmel

Rezensent:  Klaus Hölzer

 

Erwin Wexberg – Ein Leben zwischen Individualpsychologie, Psychoyanalse und Neurologie, Vandenhoeck &Ruprecht, Göttingen, 2010

Erwin Wexberg (1889-1957), Arzt, Philosoph und Tiefenpsychologe, war ein origineller Denker, dessen Forschungen noch heute von großer Bedeutung sind und von seiner humanistischen Gesinnung Zeugnis ablegen. Sein Wirken stand im Spannungsfeld zwischen Psychoanalyse und Individualpsychologie, zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Er gilt als Systematiker der Individualpsychologie und gewichtiger Theoretiker dieser tiefenpsychologischen Richtung.

Ulrich Kümmels Biographie wirkt überaus lebendig, nicht zuletzt, weil es ihm gelungen ist, mehrere Zeitzeugen – darunter drei Töchter Wexbergs – in den USA zu besuchen und zu seinen Forschungsthemen zu befragen. Mit forschender Leidenschaft hat Kümmel, ein erfahrener Pädagoge, ein historisches Dokument entstehen lassen.

Kümmels Arbeit setzt mehrere Schwerpunkte. Neben Wexbergs persönlicher Entwicklung in Wien werden auch seine Beziehungen zu Sigmund Freud und Alfred Adler einfühlsam und sachlich erörtert. Erwin Wexberg verehrte beide Gründerväter der Tiefenpsychologie, auch wenn er für sich beanspruchte, beide zu kritisieren und seinen eigenen Standpunkt darzulegen.

Den Schritt der Emigration in die Vereinigten Staaten vollzog Wexberg erst 1934. Seine exzellenten Englischkenntnisse und gehaltvollen Publikationen halfen ihm dabei, sehr bald als Neurologe und Psychotherapeut im Exil anerkannt zu werden und die finanziellen Anfangsschwierigkeiten zu überbrücken. Über Chicago kam er nach New Orleans, wo er an einem für ihn errichteten Institut als Professor Vorlesungen über medizinische Psychologie hielt.

Die Berichte seiner Töchter ergeben ein besonders plastisches Bild der 23 Jahre, die Wexberg bis zum Lebensende in den USA verbrachte. Kümmel verdeutlicht die Rolle der Individualpsychologie in den Staaten und berichtet über Wexbergs freiwilligen Dienst in der US-Armee. Im Range eines Majors war er in der neuropsychiatrischen Sektion eines Armeehospitals in der tropischen Panamazone tätig.

Zu Recht geht Kümmel ausführlich auf Wexbergs „Vermächtnis“, sein erst 1998 publiziertes Werk über Moralität und psychische Gesundheit ein. Mit der Wertfrage in der Psychotherapie hatte sich Wexberg bereits in seinen Wiener Jahren beschäftigt, wie er nie seine Neigungen zur Geisteswissenschaft und zur Kunst verleugnet hat. Er war ein exzellenter Violinspieler, der ernsthaft erwogen hatte, statt Mediziner Musiker zu werden.

In der genannten moralphilosophischen Schrift diskutiert er die Gedanken Platons, Thomas von Aquins, Kants, Sigmund Freuds und Alfred Adlers. Er fand die Grundlage seiner Wertvorstellungen in der Ethik des deutschen Philosophen Nicolai Hartmann. Damit zählt Wexberg, wichtiger Repräsentant der Individualpsychologie, zu den Vorläufern einer personalistischen Psychologie, die heutzutage von besonderer Aktualität ist. Er führt unter anderem aus, dass Liebe und Mut eng zusammenhängen. Ohne Mut sei echte Liebe kaum möglich.

Kümmels Untersuchung ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Tiefenpsychologie, der Individualpsychologie und ihrer Entwicklung im 20. Jahrhundert. Sie ist allen Interessierten an diesen Disziplinen, Forschern, Studenten und Praktikern, ohne Einschränkung zu empfehlen.