Frauengestalten im Werk Theodor Fontanes. Tiefenpsychologische und anthropologische Aspekte

Datum: 16.12.2014

Autor: Monika Schoene

Rezensent:  Gerald Bühring

 

Monika Schoene, 2014: Frauengestalten im Werk Theodor Fontanes. Tiefenpsychologische und anthropologische Aspekte
Verlag für Tiefenpsychologie und Anthropologie, Bad Rappenau. 149 Seiten.

Ursprünglich als Dissertation konzipiert und mit »magna cum laude« gewürdigt, verdienen die »Frauengestalten im Werk Theodor Fontanes« (1819-1898) auch einem größeren Leserkreis bekannt gemacht zu werden. Ausgehend von eigenen Sozialisations- und Individuationserfahrungen sowie einschlägigen Kenntnissen des Gesamtwerkes des Romanciers, beschäftigt sich die Autorin mit Effi Briest (1895), Jenny Treibel (1892) und Mathilde Möhring (1906). Im Gegensatz zu anderen Werkanalysen werden die drei ausgewählten Protagonistinnen unter tiefenpsychologischen und anthropologischen Aspekten betrachtet. Aus dieser Perspektive erkennt man unter anderem Effie Briests selbstentfremdeten Lebensstil, Jenny Treibels histrionische Gefühlsstruktur und Mathilde Möhrings geheime Ambitionen.
Diese geheimen Ambitionen – um eine der drei Frauengestalten näher zu be-leuchten – bestehen hauptsächlich darin, dass Mathilde über ihren Gatten Hugo Großmann einen höheren sozialen Status anstrebt. Zu diesem Zweck nimmt sie das Zepter selbst in die Hand und macht ihn zum Bürgermeister und sich zur Frau Bürgermeisterin von Woldenstein. Nachdem sie glaubt, ihr Ziel erreicht zu haben, entzieht sich Hugo jedoch ihrer Einflussnahme durch Flucht in die Krankheit. Genau genommen erkrankt er durch Leichtsinn und stirbt an den Folgen einer Tuberkulose. Nun bleibt Mathilde nichts anderes übrig, als sich selbst »emporzubilden«. Das tut sie denn auch und wird eine »selbstbestimmte« Lehrerin. Schaut man noch etwas genauer auf diese Beziehung, so erkennt man Sigmund Freuds (1856-1939) »Lustprinzip versus Realitätsprinzip« – er verträumt und bequem; sie leistungsorientiert und zielstrebig – sowie eine Provokation der traditionellen Geschlechterrollen – er eher weiblich; sie eher männlich.
Natürlich fragt man sich, aus welchen Quellen schöpfte Fontane all seine psychologischen Weisheiten? Schließlich hat er nie Psychologie studiert! Schoene fand nun heraus, dass sich der Romancier sehr gut in Frauen – weil er sie alle liebte – einzufühlen vermochte und sich darüberhinaus psychologische und philosophische Literatur aneignete. So las er zum Beispiel den seinerzeit bekannten Professor für Pathologie Paolo Mantegazza (1831-1910), den Frauenfeind Arthur Schopenhauer (1788-1860) und den Existentialisten Sören Kierkegaard (1813-1855). Es scheint allerdings möglich, dass Fontane teilweise auch seine eigenen femininen Anteile beschreibt. Wie sonst hätte er sich so tief in seine vielen Frauengestalten einfühlen können. Fontanes strebendes Bemühen galt jedoch nicht nur dem Verständnis der Frau im 19. Jahrhundert, sondern vor allem der »Personwerdung«. Deshalb befasst sich Schoene sehr ausführlich mit dem Begriff der »Person« unter verschiedenen anthropologischen Aspekten und kommt zu dem Schluss: »Person ist kein Faktum, sondern ein Fakultativum!“

Bleibt noch auf die gute Lesbarkeit des Buches im Allgemeinen und die gute Verstehbarkeit der philosophischen Texte im Besonderen hinzuweisen.

Gerald Bühring