Freud entziffern. Essays.

Datum: 12.01.2015

Autor: Peter Gay

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

Gay, Peter (1992) Freud entziffern. Essays. 272 S., Frankfurt/Main (S. Fischer Verlag)

Der Deutsch-Amerikaner Peter Gay (geb. 1923 in Berlin) ist Autor der viel gelobten Freud-Biographie Freud. Eine Biographie für unsere Zeit (1989). Aus der Beschäftigung mit dem Begründer der Psychoanalyse blieb im einiges an Material übrig, welches zu detailliert war, um in der Biographie aufgenommen zu werden. Es wäre schade gewesen, es zu ignorieren, deshalb entschloss er sich, einige Spezialthemen in einen Essayband auszulagern. Dieser erhielt den Titel Freud entziffern und erschien in der Übersetzung von Elisabeth Vorspohl 1992 im S.Fischer-Verlag.

So beschäftigte sich Freud fast schon übermäßig mit der Identität Shakespeares. Die Frage, ob Shakespeare Shakespeare geschrieben hat, trieb die Intelligenzschicht damals außerordentlich um. Eine Ansicht lautete, dass Shakespeare tatsächlich Edward de Vere, der 17. Lord von Oxford, gewesen sei. Ein gewisser Thomas Looney hatte 1926 eine entsprechende These lanciert, der Freud mit Vehemenz folgte, obwohl die Beweisführung des Autors als gewagt gilt. Da Gay auch sonst gern die Erkenntnisse der Psychoanalyse auf ihren Urheber anwendet, fragt er sich, warum Freud verstockt an der Vere-Oxford-These festhielt.

Freud war angetan von Looneys ernsthafter Suche nach der Wahrheit, erläutert Gay. Looney hielt sich für einen mutigen Entdecker, eine Rolle, die auch Freud für sich reklamierte (S. 30). Außerdem war Looney ein scharfsinniger Denker und begabter Psychologe. Mit zunehmendem Alter Freuds wuchs zweifellos auch sein eigensinniges, stures Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen (S. 46). (Beispielsweise legte er sich trotzig auch für die überholte Lamarcksche Theorie von der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften ins Zeug.) Für Ernest Jones war Freuds Marotte Teil seines Kindheitswunsches, nicht der Sohn eines mittelmäßigen Kaufmanns zu sein. Der Leser denkt, mit dieser brillanten These sei Freuds gequälte Beschäftigung mit Shakespeare erklärt, aber Gay häuft in neuen Wendungen weitere Argumente an. Nächste These: Freud hatte ein obsessives Bestreben, Rätsel zu lösen. Das erotische Moment seiner Wissbegierde ist unverkennbar (S. 62).

In einem zweiten Essay spürt Gay der Namensgebung der sechs Kinder Freuds nach. Diese erhielten Vornamen, die alles andere als zufällig ausgewählt wurden, vielmehr bewusst Danksagungen an wichtige Personen in Freuds Leben (und in keinem Fall in Marthas Leben) spielte. Mathilde wurde nach der Ehefrau seines Mentors und Freundes Breuer benannt, Oliver nach dem Feldherrn und Eroberer Oliver Cromwell, Ernst nach seinem Universitätslehrer Ernst Brücke, Sophie wurde benannt nach einer Nichte seines Religionslehrers Samuel Hammerschlag und Anna nach einer seiner Töchter. Hammerschlag war ihm nahe wie ein Vater gewesen; zugleich stand Freud seinem leiblichen Vater Jacob ambivalent gegenüber. Die Details würzt Gay mit interessanten Überlegungen zur Bedeutung der Namensgebung. Zudem erfährt der Leser einiges über Freuds Einstellung zur jüdischen Religiosität.

Freuds Psychoanalyse ist eine Psychologie der Freiheit; er selbst war Determinist. Wie passt das zusammen? Der dritte Aufsatz Gays spürt diesem Paradox nach. Wie immer bei Freud ist der Schein der Oberfläche trügerisch. Welche Rolle spielt bei Freud der lebensgeschichtliche Zufall? Auch die Psychoanalyse kann letztlich nicht angeben, was durch biologische Gesetze starr festgelegt und was unter dem Einfluss zufälliger Einflüsse veränderlich ist. Die Abfolge der Sexualstufen bewegt sich in diesem Spannungsfeld, selbst wenn Freud öfters betonte, alles sei letztlich »Konstitution«. Letzteres entsprach Freuds Bedürfnis nach Kausalität. Der Zufall oder die Akzidenz spielen bei ihm gleichwohl eine Rolle, aber keine gleichberechtigte.

Wie stand Freud zur Freiheit des Willens und zur »freien Wahl«? Beides dürfte es in der orthodoxen Psychoanalyse nicht geben. Weltberühmt ist Freuds Ausspruch, »Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus«. Doch als Therapie hat sie ja gerade das Ziel, den Freiheitsspielraum zu vergrößern (S. 105). Ein anderer Teil der freudianischen Therapie wiederum zielt auf stoische und ehrliche Akzeptanz der eigenen Machtlosigkeit ab. Psychoanalyse will Beschränkungen reduzieren wie auch anerkennen. Die Analyse soll »dem Ich des Kranken die Freiheit schaffen … sich so oder anders zu entscheiden» (Freud, zit. S. 106). Das Unbewusste, ein Hort gewaltiger Kräfte, wirkt mal als Urheber, mal als Fessel menschlicher Freiheit (S. 108). »Eine erfolgreiche Therapie wird Ängste mindern, Verdrängungen teilweise aufheben und verzerrte Wahrnehmungen korrigieren. Der Analytiker hat … seinem Analysanden die Fesseln von den Handgelenken gestreift. Aber weder kann noch will er … den Analysanden am Gebrauch seiner Hände hindern. Das hatte Freud im Sinn, als er die Psychoanalytiker vor dem Ehrgeiz warnte, Sittenlehrer zu werden« (Gay, S. 109).
Der nächste Aufsatz widmet sich Freuds Lieblingslektüre. Er und andere wurden 1906 von einem Wiener Buchhändler gebeten, ihm »zehn gute Bücher« zu nennen. 36 Antworten waren damals unter dem Titel Vom Lesen und von guten Büchern veröffentlicht worden, darunter Freuds.

»Das gängige orale Epitheton ‚unersättlicher Leser’ trifft auf Freud ohne jede Einschränkung zu«, meint Gay. Die genannten zehn Bücher weisen auf die Universalität seiner Bildung hin. Freuds Auswahl überrasche dann aber doch, den unkonventionell sei sie keineswegs (S. 112f.). Freud fand Mark Twain sicher ausgesprochen komisch; an Kiplings Dschungelbuch mag ihn die durchgängige Zivilisationskritik gefallen haben; Mereschkowskis Leonardo da Vinci falle durch eine verquaste Metaphysik und tiefsinnige Phrasendrescherei auf; der konservativen Sexualmoral Emile Zolas hingegen mag er unterschwellig zugestimmt haben; mit Conrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller nannte Freud zwei etablierte Schweizer Dichter und Erzähler, die keine Überraschung böten; Anatole France schätzte Freud als Ironiker, den er gern zitierte; den Holländer Multatuli verehrte er als Menschenfreund; Maculay argumentierte gegen Aberglaube und für liberale Reformen; Freuds Achtung für Gomperz wurzele in ihrer engen intellektuellen Affinität. Alle wollten die Welt verändern, indem sie sie analysierten.

Freuds Werk besticht durch seine Humorlosigkeit (S. 145). Eine Ausnahme bilden nur Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten und einige eingestreute Anekdoten in anderen Werken. Seine jüdischen Witze sind ausgesprochen herzlos, man lacht über Schutzlose. Witze können Autoritäten nicht nur untergraben, sondern auch stützen (S. 166f.). In Freuds Witzen werden Schmerz und Kummer auch durch Grausamkeit gegen unglückliche, nicht zu verheiratende Frauen überdeckt. Andere von ihm benutzte Witze handeln von dreister (jüdischer) Unverschämtheit und Aufsässigkeit.
Es folgen noch eine fiktive Rezension der Traumdeutung, einige Bemerkungen zu Freuds Verhältnis zu seiner Schwägerin Minna (»all die kühnen Mutmaßungen [über ein Verhältnis der beiden] ließen zwar Erfindungsreichtum, aber keine Überzeugungskraft erkennen«, Gay S. 190) sowie eine Spekulation darüber, wie die Geschichte der Psychoanalyse wohl verlaufen wäre, wäre Freud ein katholischer Medizinprofessor namens Oberhuber gewesen.
Gays subtile Ausführungen sind geeignet, auch den Freud-Skeptiker wieder etwas mehr für den Erfinder der Psychoanalyse einzunehmen, der offenbar anspruchsvoller argumentierte, als man manchmal von ihm sagt. Gays Argumentation ist ebenso kenntnis- wie geistreich, er versteht flüssig zu formulieren und den Leser zu fesseln und zugleich zu erheitern.